Vor Ort: Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

Folge 131: Mit dem Verschwörungsexperten Michael Blume in der Landesbibliothek

Text: Frank Rudkoffsky, Foto: Ronny Schönebaum

„Wir schauen täglich in Abgründe“

Der Treffpunkt muss unbedingt ein Ort mit Büchern sein, allein schon, weil sie eine so zentrale Rolle in Michael Blumes Leben spielen. Der gerade erst fertiggestellte Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek verbindet eindrucksvoll Tradition und zeitgemäße Architektur – und passt deshalb so gut zu Blume.

Als Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg klärt er zwar über Jahrhunderte alten Hass auf, tut dies allerdings nicht nur in Vorträgen und Büchern, sondern auch mithilfe sozialer Medien: Auf Twitter folgen ihm über 15.000 Menschen. Für seinen Podcast „Verschwörungsfragen“ hat Blume inzwischen 33 Folgen aufgezeichnet, in denen sich er auch mal Popkulturphänomenen wie Star Wars widmet oder rassistische Stereotype bei den Schlümpfen entlarvt.

Und doch gilt seine Leidenschaft vor allem dem gedruckten Wort, nie verlässt der 44-Jährige aus Filderstadt ohne Buch das Haus. Den Grund dafür findet man in seiner Kindheit: Vor seiner Einschulung erkrankte Blume schwer und verbrachte Monate im Krankenhaus, musste sogar neu laufen lernen. In dieser Phase lernte er mit Asterix-Comics aber auch das Lesen. „Bücher bedeuteten für mich eine Welt jenseits des Schmerzes“, sagt er. Das gelte auch heute noch: „Ich abstrahiere im Lesen und Schreiben von meinen eigenen Gefühlen und verstehe so das Leid der anderen. Ich kann nur glaubwürdig etwas erklären, wenn es mir gelingt, andere Perspektiven einzunehmen.“

Keine leichte Aufgabe, wenn der Berufsalltag darin besteht, sich mit gesellschaftlichem Hass auseinanderzusetzen. „Das Verrückte am Antisemitismus ist ja, dass die Leute wirklich an diese Weltverschwörung glauben. Sie radikalisieren sich, rechtfertigen ihren Hass und ihre Gewalt als Notwehr“, erklärt Blume. Sich in diese Angst und diesen Hass einzufühlen, sei für ihn und seine Mitarbeiter oft schwer – da helfe nur Humor als Ausgleich: „Nietzsche hat mal gesagt, wenn man zu tief in den Abgrund schaut, fällt man hinein. Wir schauen täglich in Abgründe.“

Im Pandemiejahr 2020, dem wir die Stuttgarter Querdenken-Bewegung und in den Verschwörungsglauben abdriftende Promis wie Xavier Naidoo, Attila Hildmann oder Michael Wendler zu verdanken haben, ist Blume so etwas wie der Gegenwartserklärer Nummer eins geworden – fast täglich gibt er Interviews.

Vielleicht ist er auch deshalb für das Thema sensibilisiert, weil er selbst bereits im Fokus einer vermeintlichen Verschwörung stand.

Grund dafür war seine Liebe zu Zehra: Blume, selbst ein Christ, lernte die muslimische Tochter einer türkischen Gastarbeiterfamilie in der Schule kennen. Trotz Widerständen auf beiden Seiten – sogar von Rassenschande war die Rede – hielt das junge Glück: „Wir sind seit über 20 Jahren verheiratet und haben drei Kinder. Der interreligiöse Dialog kann also durchaus fruchtbar sein“, lacht Blume.

Das Lachen vergeht ihm jedoch, wenn er über die Vorwürfe spricht, mit denen er deshalb am Anfang seiner Karriere konfrontiert wurde.

Nach einer Bankausbildung und seinem Studium der Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen trat der Filderstädter 2003 eine Stelle als Referent für interkulturellen und interreligiösen Dialog am Baden-Württembergischen Staatsministerium an. „Plötzlich entstand das Narrativ, dass ich vielleicht heimlich konvertiert wäre. Ein Journalist rief mich an und fragte allen Ernstes, ob ich ihm beweisen könne, dass ich Christ sei“, erinnert sich Blume. Aufgrund der Nervosität nach dem 11. September rückte man ihn in die Nähe terroristischer Schläfer, Jahre vor der Serie „Homeland“, die einen im Irak umgedrehten US-Soldaten thematisiert. „Beweisen Sie mal, dass Sie kein Verschwörer sind!“

Trotzdem hat Blume seinen Humor nicht verloren. Auf die Frage, warum er bei seinem späteren Engagement im Irak keine Angst verspürt habe, entgegnet er trocken: „Das habe ich in Stuttgart gelernt.“

Dabei wäre Angst durchaus angebracht gewesen, als Blume im Auftrag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Jahr 2014 die Leitung für das „Sonderkontingent Nordirak“ übernahm. Insgesamt 14 Mal reiste sein Team in den Irak, um von dort 1.100 besonders schutzbedürftige Frauen und Mädchen – darunter auch die spätere Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad – nach Baden-Württemberg zu holen. „Der IS wusste, dass wir da sind. Es wurden Drohungen ausgestoßen und es kursierten Gerüchte, wie viel Geld man kriegt, wenn man uns entführt“, sagt Blume. Trotzdem hatte er am Auftrag nie Zweifel: „Ich hätte sonst nie wieder in den Spiegel blicken können. Es war das härteste, aber auch sinnvollste Jahr meines Lebens.“

Und es wirkt bis heute nach. Als er über ein Wiedersehen mit einigen geretteten Kindern spricht, bricht seine Stimme vor Rührung. „Sie haben getanzt und gesungen wie alle anderen Kinder auch. Ein Junge erkannte mich und zählte mir daraufhin auf Deutsch bis 20 vor – als Dankeschön“, sagt Blume mit Tränen in den Augen.

Mit seinem Engagement hat er sich auch Feinde gemacht. Im Netz erreicht ihn täglich der Hass von Islamisten und Rechtsextremen, darunter auch Morddrohungen. Manche Veranstaltungen sind nur mit Polizeischutz möglich. Umso mehr beeindruckt die Leichtigkeit, die sich Blume bewahrt hat. Gerne spricht er über Popkultur und seine Liebe zu Fantasy-Rollenspielen und Sci-Fi. „Ich bin bekennender Nerd“, sagt Blume und erzählt davon, dass er das erste Regierungsmitglied sei, das am 4. Mai offiziell zum sogenannten Star-Wars-Day gratuliert habe – in einer seiner Podcast-Folgen. „Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit im Kontext von Medien und müssen diese Medienwelten darum bewusst durchstreifen“, sagt er. Es sei witzig, über Star Wars und Star Trek zu philosophieren – aber eben auch sinnvoll: „Wir müssen erkennen, was dieser Konsum mit uns macht, im Guten wie im Schlechten.“

Überhaupt könne die Welt mehr Sci-Fi und Fantasy-Rollenspiele gebrauchen, findet Blume. „Es ist ein großes Problem unserer Zeit, dass viele Menschen nur noch das wahrnehmen, was sie in ihrem Denken bestätigt.“ Wenn man als Spielleiter aber gut den bösen Roten Drachen rüberbringe, sei das eine gute Übung zur Empathie.                  

 

Buch: Verschwörungsmythen [Patmos, 160 S., € 15,-]

Podcast: Verschwörungsfragen [www.verschwoerungsfragen.podigee.io]

Dieser Artikel ist aus LIFT 12/20

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