Extra bold im Kultur Kiosk

Text: Petra Xayaphoum

Enorm

„Ich überlege mich mal unter eine professionelle Quetscherin zu legen. Für alle, die nicht wissen was das ist, dabei handelt es sich um eine extrem übergewichtige Frau, die sich auf euch setzt.“ In der neuen Ausstellung im Stuttgarter Kultur Kiosk geht’s ums Fettsein. Nicht ums Curvy- oder Molligsein, Plus-Size-Größe 44 tragen oder paar Kilos zu viel auf der Hüfte haben, sondern um Körper mit merklichem Übergewicht.

„Es geht um die Hyper(un)sichtbarkeit fetter Körper“, erklärt die Heidelberger Künstlerin Carmen Westermeier. Wenn dicke oder fette Menschen überhaupt in der Wahrnehmung stattfinden, dann sind es meist Frauen in einem objektifizierten oder einem Fetisch-Kontext. Das zeigt auch das Eingangszitat, das aus einem einschlägigen Forum stammt und in der Schau eine zentrale Rolle spielt. Westermeier wird nämlich nicht nur Fotografie und Objektkunst zeigen, sondern hat auch ein begleitendes Lesebuch erstellt. Es gibt einen Einblick in das körperpolitische, aber auch sehr persönliche Projekt der Künstlerin und gewährt gleichzeitig Einsichten in ein wissenschaftliches Forschungsfeld, das hierzulande noch weitgehend unangetastet ist: Fat Studies. „Es gibt kaum deutschsprachige wissenschaftliche Literatur dazu“, bemängelt die Heidelbergerin, die auch als Freie Referentin und Aktivistin in Erscheinung tritt. Von den im Trend liegenden Body-Positivity-Slogans hält sie wenig: „Die Schönheitsform wird nur leicht in eine curvy Richtung verrückt.“ Eine tiefgreifende strukturelle Bewegung fehlt Westermeier aber noch. Im Kultur Kiosk sägt sie deswegen munter weiter am 90- 60-90-Stuhl des Patriarchats.

 

Extra bold [3.4.-1.5., Kultur Kiosk, La-zarettstr. 5, S-Mitte, www.kulturkiosk.de, Eröffnung: 2.4. 19 Uhr]

Dieser Artikel ist aus LIFT 04/22

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