American Alptraum?

Anspannung und Utopie – Studium in den USA

Lange Zeit schien das Bild der amerikanischen College-Erfahrung symbolisch für die Werte zu stehen, mit denen die USA einst in Verbindung gebracht wurden: Freiheit, kulturelle Vielfalt und die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Wie geht es Studierenden aus Stuttgart, die sich aktuell im Auslandssemester in den USA befinden?

Foto: Quintin Gellar/Pexels

Weitläufige Campusanlagen, Footballspiele, fette Partys und eine multikulturelle Community: Wenn man Hollywood-Filmen und den klischeehaften Fotos in unseren Englisch-Büchern aus der Oberstufe Glauben schenkt, wirkt ein Studium in den USA wie eine tolle Fantasie aus dem Bilderbuch des American Dreams. Lange Zeit schien das Bild der amerikanischen College-Erfahrung symbolisch für die Werte zu stehen, mit denen die USA einst in Verbindung gebracht wurden: Freiheit, kulturelle Vielfalt und die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Doch die Realität erzählt eine andere Geschichte.

Angesichts der anhaltenden gesellschaftlichen Spaltung im Land, der Wiederwahl Trumps und der daraus hervorgehenden politischen Folgen hat das bereits brüchige Image der USA Risse bekommen – und das auch im Hinblick auf die Überlegung, ein Studium an einer US-amerikanischen Uni zu absolvieren. Schlagzeilen über einen Visa-Stopp für ausländische Studierende und ein Verbot für die Universität Harvard, das die Aufnahme ausländischer Studierender untersagen sollte, kursierten vor einigen Monaten in den Medien – auch viele StudentInnen aus Stuttgart sind verunsichert. „Nicht konkret wegen des Visa-Stopps, aber wegen der Gesamtsituation bin ich schon sehr ins Zweifeln gekommen, ob ich überhaupt in die USA gehen möchte. Ob es den Aufwand wert ist, ob ich dort willkommen bin und ob ich überhaupt die Kraft und den Mut dafür habe“, erzählt Jakob, der im August sein Master-Studium in German Language and Literature an der University of Alabama gestartet hat. Interessiert habe ihn an den USA die vielseitige Natur, Kultur und Gesellschaft, aber eben auch die komplexe politische Stimmung im Land.

Doch was ändert sich nun konkret für ausländische Studierende in den USA? Inmitten der X-Posts und Schlagzeilen herauszufiltern, was als Fakt oder Fiktion, als politische Realität oder doch nur als inhaltslose Stimmungsschwankung Trumps zu verstehen ist, ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht. Während der Präsident Ende Mai noch davon sprach, die Vergabe von Austausch- und Studierendenvisa vorerst zu stoppen, wurden die Vergabetermine inzwischen wieder aufgenommen.

Aber: Aufgrund von „umfassenderen“ Kontrollen der Anträge solle sich der Prozess nun verlängern, was auch darin resultieren könne, dass weniger Termine freigeschalten werden. Laut Dorte Süchting vom International Office der DHBW sei die Situation im Moment wieder stabil – für den Herbst haben alle Studierenden, die sie betreut, ein Visum erhalten. Trotzdem rät sie den Studis, für den Ernstfall Alternativen einzuplanen. „Zwei Studierende mussten für März 2026 ihre Destination ändern, weil die US-Hochschule das Programm für ausländische Studierende aussetzt. Ob dies mit den Visaverfahren zusammenhängt, wissen wir nicht“, erzählt Süchting.

Auch für Fiona, die für ihr Studium im Bereich Werbung und Marktkommunikation zwei Auslandssemester in Syracuse, New York verbringt, brachte der Visa-Stopp einiges durcheinander. „Vor meiner Ausreise haben mir die Regelungen ziemliche Probleme bereitet. Ich habe täglich nach neuen Terminen geschaut und auch schon Alternativen geplant“, erzählt sie. „Letztendlich hatte ich einen Termin, der aber so kurzfristig war, dass ich erst am Tag vor meinem Flug wusste, ob ich ausreisen kann. Das war ein ziemlicher Stressfaktor.“

Widersprüchliche Informationen, Unklarheit und Verunsicherung – nicht nur für die Studierenden selbst, sondern auch für die Beratungsstellen und International Offices stellen politische Spannungen wie der Visa-Stopp eine Herausforderung dar. „Für uns ist es entscheidend, flexibel und lösungsorientiert zu bleiben“, erklärt Minke Jakobi vom International Office der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. „Studierende, die bereits in den USA waren, haben wir dazu ermutigt, den engen Kontakt mit uns und ihren Gastinstitutionen zu halten“, fügt sie hinzu.

Die Maßnahmen hätten gezeigt, wie fragil sich die internationale Zusammenarbeit gestalten kann – und gleichzeitig die Relevanz stabiler Partnerschaften und Netzwerke verdeutlicht. „Für uns ist klar, dass Bildung und Forschung globale Themen sind, die durch politische Entscheidungen nicht eingeschränkt werden sollten“, so Jakobi. Public Relations-Studentin Ruth, die ebenfalls ein Auslandssemester in Syracuse absolviert, habe sich trotz der Komplikationen keine Sorgen um ihr Aufenthaltsrecht gemacht. „Ich fühle mich von beiden Universitäten super betreut, und ich habe den Eindruck, dass wirklich alle tun, was sie können, um Studierende zu unterstützen“, erzählt sie.

Obwohl sich die Lage rund um die Antragsstellung und Terminvergabe wieder stabilisiert hat, bleibt dennoch ein Gefühl der Ungewissheit zurück. Nach Anordnung des US-Außenministeriums sollen Konsulate nun zusätzlich umfassendere Antragsprüfungen durchführen, um potenziell „feindselige Haltungen gegenüber den BürgerInnen, der Kultur, der Regierung, den Institutionen oder den Gründungsprinzipien“ der USA zu identifizieren.

Dies könne zukünftig auch eine Kontrolle der Social Media-Accounts der Antrags- stellenden umfassen, die insbesondere aktivistische Tätigkeiten und Posts zum Thema Nahostkonflikt unter die Lupe nehmen sollen. Die Begründung: Man wolle diejenigen erkennen, die „ausländische Terroristen“ unterstützen. Eingriffe in die Privatsphäre, anhaltende politische Spannungen und die Frage, ob politische Äußerungen in sozialen Medien zu- künftig zum Ablehnungsgrund wer- den können: Könnten die aktuellen Maßnahmen die Attraktivität der USA als Ort des internationalen wissenschaftlichen Austauschs gefährden? Laut Dorte Süchting habe der Visa-Stopp vor allem ein Desinteresse der US-Regierung an internationalem Austausch und Zusammenarbeit signalisiert. „Die Hochschulen selbst wollen den Austausch weiterhin und brauchen nicht nur die internationalen Studierenden und deren Studiengebühren, sondern auch den wissenschaftlichen Austausch und entsprechende Projekte“, erklärt sie. Ihren Vermutungen nach würde sich vor allem wissenschaftliches Personal in Zukunft stärker überlegen, inwiefern Kooperationen und Projekte möglich sein werden. „Verlässlichkeit ist wichtig, wenn es um Projekte geht, die sich über mehrere Jahre erstrecken und bei denen mit Budgets kalkuliert werden muss“, erklärt Süchting.

Die Auswirkungen im Bereich des Studierendenaustauschs schätze sie dagegen eher gering ein. „Allerdings denke ich, dass das davon abhängen wird, wie sich die Bestimmungen in der nächsten Zeit noch ändern werden und welche Vorgaben die US-Regierung durchsetzen wird. Nicht alle Studierenden wollen zum Beispiel ihre kompletten Social-Media-Accounts offenlegen und staatlicher Willkür bei der Einreise ins Land ausgesetzt sein“, erklärt sie.

Minke Jakobi betont die renommierten Hochschulen, die kulturelle Vielfalt und die wissenschaftliche Vorreiterstellung der USA als Grün- de, aus denen das Land auch zukünftig seinen Status als attraktiver Standort für Auslandsaufenthalte behalten wird. „Gleichzeitig stellen wir fest, dass politische Unsicherheiten wie der Visa-Stopp dazu führen können, dass Studierende andere Länder in Betracht ziehen. Besonders Australien, skandinavische Län- der oder die Niederlande mit einem Hochschulsystem, in dem die englische Lehrsprache gut verankert ist, sind attraktive Alternativen“, schildert sie.

Trotz eigener Bedenken und politischer Spannungen bereut Jakob die Entscheidung keineswegs, seinen Master in den USA zu absolvieren. Vielmehr versuche er, sich mit den US-amerikanischen und internationalen Studierenden zu vernetzen und den Dia- log anzuregen. „Gerade in Zeiten, in denen die Zeichen politisch eher auf Abschottung stehen, wollte ich mich persönlich für interkulturellen Austausch einsetzen“, sagt er.

Während seines Studiums lebt er in dem  sogenannten „German House“, einer Wohneinrichtung die sich auf dem Campus befindet und in der deutsche und lokale Studierende zusammenleben. „Es ist ein extrem gespaltenes Land und man spürt die Spannungen, die sich seit vielen Jahren aufbauen. Aber deswegen die ganze Nation über einen Kamm zu scheren, wie es viele in Deutschland gerade tun, ist der falsche Weg.“

 

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