Jahresrückblick 2019

Ausstellungs-Highlights von Kunst-Redakteurin Nina Scheffel
Vertigo, Kunstmuseum
Achtung, Schwindelgefahr! Bloß nicht den Boden unter den Füßen verlieren! In der Ausstellung „Vertigo, Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520-1970“, die man nach dem Mumok in Wien seit November 2019 im Kunstmuseum Stuttgart erkunden kann, fällt das aber gar nicht mal so leicht. Schwindelerregende Spiralmuster, Laserräume und verwirrende Spiegelkonstellationen lassen einen im Ausstellungsparcour leicht die Orientierung verlieren. Das Interessante daran: Op Art aka optische Kunst ist nicht etwa eine Neuentdeckung – nein, die Mind Tricks gab’s schon im 16. Jahrhundert. Was Vertreter der europäischen Kunstbewegung damals und in den 1950er Jahren antrieb, zeigen Vertreter der frühen Bewegung sowie spätere Werke, etwa von Bridget Riley, Gianni Colombo oder Gerhard von Graevenitz anschaulich.
Als Besucher erfährt man in der Ausstellung Schwindelgefühle und optische Täuschungen nicht nur hautnah, sondern kann, ebenso wie die Künstler selbst, den Phänomenen vor Ort auf den Grund gehen. Im Mitmach-Labor im Studio 11 des Kunstmuseums, das zur Ausstellung gehört, kann man gemeinsam mit Physikern der Uni Stuttgart den physikalischen Rätsel hinter den optischen Tricks ganz nüchtern auf den Grund gehen. Wer sich also nicht nur gerne mal dem Schwindel hingibt, sondern auch hinter die Kulissen der Kunst blicken will, für den ist ein Besuch im Kunstmuseum Stuttgart Pflicht! Die Chance dazu gibt’s noch bis Mitte April 2020.
Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520-1970 [23.11.-19.4., Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, S-Mitte, Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr]
Timeline, Schauwerk Sindelfingen
Living the American Way of Life – oder lieber doch nicht? Im September startete im Schauwerk Sindelfingen die große Retrospektive des New Yorker Künstlers Tom Sachs – die erste in Deutschland seit 15 Jahren. Wer auf schwarzhumorige und zynische Kunst steht, war (und ist noch bis zum 26. April) hier richtig. Bekannt ist Sachs für seine Bricolage-Objekte, die Kritik an der heutigen Konsumgesellschaft üben: So findet sich in der Ausstellung beispielsweise eine Prada-Hutschachtel als Konzentrationslager umgestaltet, ebenso wie eine Chanel-Guillotine. Der Künstler pendelt zwischen Konsum und Konsumkritik – hinterfragt unsere Lebensweise, Rituale und Marken heute – das aber immer mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen. „Ich spiele das Spiel am besten, wenn ich glücklich bin. Ich glaube nicht an den Mythos des gequälten Künstlers“, sagt Sachs selbst dazu. Eine Ausstellung, in der man nicht weiß, ob man lachen oder lieber einmal ernsthaft nachdenken sollte.
Tom Sachs. Timeline [22.9.-26.4. Schauwerk Sindelfingen, Eschenbrünnlestr. 15/1, Sindelfingen, Di+Do 15-16:30 Uhr, Sa+So 11-17 Uhr]
Riesig im Meer, Naturkundemuseum
Welt unter Wasser! hieß es im Oktober 2019 im Naturkundemuseum: Die große Säulenhalle im Schloss Rosenstein wurde zum Meer – Besucher konnten (und können noch bis zum 14. Juni) abtauchen in unbekannte Meereswelten.
Wer seinen Weg vorbei an überdimensionalen Modellen eines Fischsauriers macht, lernt im Meeressaal die Kolosse der Jetztzeit kennen. Ein lebensgroßes Modell des 13 Meter langen Walhais, dem größten Fisch der Gegenwart, machen Meeresfans die Ausmaße der Unterwasserwelt begreifbar. Neben Tiefseebewohnern zeigt die Sonderausstellung das Große aber auch im Kleinen: Modelle gigantischer Unterwasserwälder machen deutlich, wie komplex und damit wichtig unser Ökosystem ist. Eine Ausstellung, die gerade in Zeiten der Klimadebatte einen anschaulichen Denkanstoß für Groß und Klein bietet.
Riesig im Meer [bis 14.6.20 Schloss Rosenstein, Rosenstein 1, S-Bad Cannstatt, Di-Fr 9-17, Sa, So+Feiert. 10-18 Uhr]