Das Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach ist eine kulturelle Institution, die bereits seit vier Jahrzehnten existiert. Seit frühen Jahren mit dabei: Wolfgang Marmulla. Der heutige Programmdirektor wird im Dezember sein Amt abtreten – kann aber nicht so ganz aufhören. Wir haben ihn zu seiner Zeit in der Stuttgarter Kulturszene befragt, und zu seinen Plänen.
LIFT 40 Jahre Theaterhaus. Was hat sich mit der Zeit verändert?
Wolfgang Marmulla Eigentlich alles. Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber es gab mal eine Zeit, da existierten außer Hochkultur und Tourneetheater kaum kulturelle Angebote in Stuttgart. Das Theaterhaus war eines der ersten seiner Art, eine Pionierin in der Stuttgarter Kulturlandschaft.
LIFT Wie hat sich das Theaterhaus von anderen Angeboten unterschieden?
Marmulla Hochkultur ist sehr elitär. Aber es gibt darüber hinaus so viele Themen, die die Menschen beschäftigen. Als der Verein Theaterhaus 1984 gegründet wurde, stand schon in den Statuten: „Kultur muss für alle da sein“. Das war unser Alleinstellungsmerkmal, und das leben wir auch heute noch.
LIFT Wie sind Sie zum Theaterhaus gekommen?
Marmulla Ich war eigentlich Quereinsteiger. Aber auch das ist bezeichnend fürs Theaterhaus: Es kommt nicht darauf an, ob und was man studiert hat, sondern darum, was jemand mitbringt. Ich habe damals alle möglichen Arbeiten übernommen: von Einlass und Garderobe über die Location-Suche bis hin zu organisatorischen Fragen. Ein paar Jahre später fragte mich Gründer und Leiter Werner Schretzmeier, ob ich nicht ins Programmbüro kommen möchte.
LIFT Und was war Ihre Reaktion?
Marmulla Ich hatte enormen Respekt vor dieser Aufgabe. Als Programmdirektor kann man nicht „everybody’s darling“ sein. Man fällt Entscheidungen, die nicht allen gefallen. Aber ich konnte in die Rolle hineinwachsen und die Sicherheit aufbauen, die es brauchte, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen.
LIFT Was braucht man, um den Job zu beherrschen?
Marmulla Die große Kunst ist, die Aktualität, Relevanz und das Potenzial der Acts abzuschätzen. Und, ob man es überhaupt an die Leute vermittelt bekommt und wenn ja, zu welchem Preis. Dafür gibt es kein Handbuch, da gehört viel Intuition, Erfahrung und Trial-and-Error dazu. Zu erkennen, wann etwas passt, neu und anders ist, bevor es im Mainstream angekommt. Man muss ein Näschen dafür haben. Aber auch Niederlagen muss man mal hinnehmen können.
LIFT Sie sind quasi kultureller Spürhund – wie stark fließen Ihre eigenen Vorlieben ein?
Marmulla Meine Aufgabe ist es nicht, den Leuten meine Meinung aufzudrängen oder das, was ich besonders gut finde. Die Mischung macht’s. Ich habe selbst ganz viele Interessen – das braucht es auch, sowie eine Offenheit für Neues. Da kann ich mich natürlich nicht vollkommen ausschalten. Ich sehe mich eher als Seismograf, als feinfühliges Instrument, aber auch als Dienstleister – so unsexy das Wort auch ist. Am Ende ist es mein Job, ein gutes, breites Programm zu machen, in dem jeder etwas findet.
LIFT Wie haben Sie den Spagat zwischen Kunst und Kommerz geschafft?
Marmulla Das war definitiv ein Balanceakt. Der Idealismus der Kunstfreiheit steht dem wirtschaftlichen Anspruch gegenüber. Hier arbeiten 120 Festangestellte, eine Gastronomie hängt mit daran. Das bedeutet viel Verantwortung, die mir auch mal schlaflose Nächte beschert hat. Das war zeitweise anstrengend, aber es hat sich immer gelohnt.
LIFT Und Ihre Pläne für die Zukunft?
Marmulla In der Kulturbranche ist es üblich, noch weit übers Renteneintrittsalter zu arbeiten. Für mich sind die Gründe für die Veränderung ohnehin familiärer Natur. Ich hänge emotional an vielen Projekten, wie zum Beispiel dem Jazz-Festival. Deswegen wird’s bei mir ein eher softer Übergang, in Zukunft in Satellitenfunktion.

