Wohin steuert Stuttgarts Clubszene?

Clubkultur 2.0: Zwischen Day-Raves und wirtschaftlichem Druck

Das Stuttgarter Nachtleben steht an einem Wendepunkt. Während sich früher zwischen fünf und sieben Uhr morgens nochmal die Tanzflächen füllten, stehen die StuttgarterInnen heute bei Day-Raves, 10-am-Partys und Softclubbing-Formaten Schlange.

Foto: Ronny Schönebaum

Das Stuttgarter Nachtleben steht an einem Wendepunkt. Während früher zwischen fünf und sieben Uhr morgens noch einmal die Türen aufschwangen und die Tanzflächen sich füllten, stehen die StuttgarterInnen heute bei Day-Raves, 10-am-Partys und Softclubbing-Formaten Schlange. Veranstaltungen verlagern sich zeitlich nach vorne, arbeiten zielgruppenspezifischer oder bespielen temporäre Locations. Gleichzeitig berichten Clubs von wirtschaftlichem Druck, gestiegenen Kosten und rückläufigen Besucherzahlen. Die zentrale Frage: Wie sieht das Nachtleben dieser Stadt künftig aus?

Im Climax Institutes, einem der ältesten Clubs der Stadt, lässt sich dieser Wandel deutlich beobachten. Clubmanager Martin Weinmann erzählt, dass das Climax heute nur noch ein Drittel der Gäste hat, die vor zehn Jahren kamen. Der Grund scheint klar: „Wir mussten den Eintritt um 30 bis 40 Prozent erhöhen. Energie, Löhne – alles ist teuer geworden.“ Auch beim Publikum ändere sich einiges. Viele konsumieren bewusster, trinken weniger Alkohol und entscheiden gezielter, zu welchen Veranstaltungen sie gehen.

Auch beim Clubkollektiv, einem Zusammenschluss von Stuttgarter Clubs, VeranstalterInnen und Kulturschaffenden, sieht man diese Verschiebungen. Moritz Zimmer beschreibt eine klare Eventisierung: „Viele gehen heute nicht mehr einfach feiern, sondern gezielt zu einem bestimmten Event. Das ist viel weniger spontan und viel geplanter.“ Früher sei man „in der Stadt unterwegs gewesen, hat etwas getrunken und ist dann einfach in einen Club gegangen – ohne überhaupt zu wissen, was dort passiert“. Heute treffe man Entscheidungen früher und reduziere die Ausgehfrequenz: „Die Leute entscheiden Wochen vorher, ob sie zu Kollektiv XY gehen oder zu einer bestimmten Eventreihe. Mehr als ein-, zweimal feiern pro Monat ist oft nicht drin.“

Wie stark zielgruppenspezifische Formate funktionieren, beobachtet Benjamin Hille, Vorstand beim Clubkollektiv, in zahlreichen Veranstaltungen. „Wenn man wirklich ganz zielgruppengenau veranstaltet, funktioniert das meist gut. Ich mache die ‚Pump‘, die Gay-Kinky-Techno-Party im Climax. Die hat zum Beispiel einen Nerv getroffen.“ Ähnliches gelte für Retro-Abende: „Ein 90er-, 2000er-Format ist etwas Besonderes, das gibt es nicht mehr oft. Und solche Sachen laufen dann halt auch besser.“

Parallel dazu boomt alles Temporäre. „Studio Amore, Studio Gaga, die Lerche – alles, was nicht der klassische Club ist, funktioniert extrem gut“, so Zimmer. Viele der angesagten Events fänden nur einmal im Monat oder ein paar Mal im Sommer statt – und seien dann umso voller. „Viele gehen nur noch einmal im Monat feiern, dann aber zu einem spezifischen Event.“ Die Orientierung an Communities, Genres und klaren Zielgruppen ist heute zentral.

Auch die Zeitfenster verschieben sich. Martin Weinmann berichtet, dass Morning-Partys „extrem gut besucht“ seien und klassische Spät-Nacht-Peaks kaum noch stattfinden. „Der Schub zwischen fünf und sieben Uhr, den gab es früher immer. Heute ist der kaum noch da.“ Das Clubkollektiv bestätigt den Trend: Day-Events und Softclubbing „werden überrannt“, vor allem zwischen 10 und 22 Uhr.

Ein weiterer Bereich, der stark an Bedeutung gewinnt, ist Sicherheit. Im Climax gehört ein Awareness-Team inzwischen bei vielen Veranstaltungen dazu. Weinmann hat zusätzlich das Türpersonal aufgestockt, damit im Club selbst jederzeit jemand ansprechbar ist. „Uns ist wichtig, dass sich jede Person frei bewegen kann, ohne bedrängt zu werden.“ Das positive Feedback komme besonders aus der queeren Community. Auch Benjamin Hille sagt: „Awareness ist heute selbstverständlich. Wenn das fehlt, fällt ein Club sofort auf.“

Ökonomisch bleibt die Lage angespannt – nicht wegen eines einzelnen Problems, sondern wegen vieler kleiner, die zusammenwirken. „Wir haben nicht das eine große Problem, sondern viele kleine, die zusammen den Druck erhöhen“, so Benjamin Hille. Seit Corona seien Besucherzahlen gesunken, während Kosten und Auflagen gestiegen seien. Clubs müssen verlässlich Umsatz machen, um Personal, Miete und Betriebskosten zu decken. „Ein Club kann nicht jeden Abend riskieren, ob etwas funktioniert.“

Genau hier übernehmen Kollektive eine größere Rolle. „Kollektive können einfach mehr Neues ausprobieren“, erzählt Zimmer. „In Stuttgart kommen viele neue Kollektive auf. Die bringen dann ihre eigenen Bubbles mit in die Clubs.“ Die Clubs selbst müssten hingegen auf sichere Abende setzen, Formate, die zuverlässig funktionieren. Kollektive können durch ihre meist ehrenamtlichen Strukturen mehr probieren und riskieren.

Weinmann beschreibt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus seiner Sicht: deutlich weniger Gäste, deutlich höhere Kosten und teure Investitionen und Baumaßnahmen, etwa in Sachen Schallschutz. „Solche Maßnahmen sind wahnsinnig teuer. Wir wollen die Anwohner bestmöglich schützen, aber das geht nicht ohne Förderung.“

Dass es jetzt Unterstützung gibt, liegt an der engeren Zusammenarbeit zwischen Stadt und Szene. Beim „Runden Tisch Nachtleben“ kommen BetreiberInnen, Ordnungsamt, Nachtbürgermeister und Vereine zusammen. Hervorgehoben wird die neue Schallschutz-Förderrichtlinie, die Bestandsclubs entlasten soll. Weinmann begrüßt das ausdrücklich – gerade an der Calwer Straße, wo tatsächlich Menschen wohnen. Gleichzeitig wünsche er sich an manchen Stellen noch mehr Unterstützung: „Jegliche Kunst und Kultur wird gefördert, aber die Club- und Nachtszene ist oft das Stiefkind.“ Ein Grund sei das Stigma, das Clubs anhafte: Drogen, Lautstärke, Gewalt.

Trotz aller Schwierigkeiten gibt es Impulse, die Hoffnung machen. „Alles Neue wird extrem gehypt“, sagt Weinmann. Für ihn sind neue Clubs, Festivals und temporäre Orte klare Bereicherungen: „Sie bringen Leute in die Stadt, und das belebt das Nachtleben.“ Auch das Clubkollektiv sieht Bewegung: „Flinta-Kollektive, queere Formate, spezielle Sounds – da passiert gerade sehr viel.“

Für die kommenden Jahre erwarten alle drei eine vielfältigere, gleichzeitig stärker segmentierte Szene. Feiern wird zielgruppenspezifischer, kuratierter und teilweise weiter in den Tag wandern. Clubs werden enger mit Kollektiven zusammenarbeiten müssen.

Trotz mancher Herausforderungen zeigt sich in Stuttgart weiterhin eine dynamische Clubszene: Viele etablierte Clubs haben sich bereits musikalisch weiterentwickelt, schaffen sichere und vielfältige Räume und tragen maßgeblich zur kulturellen Dynamik der Stadt bei.

Weinmann fasst es schließlich so zusammen: „Es wäre schade, wenn sich das Clubsterben fortsetzt. Gerade jüngere Menschen orientieren sich bei ihrem Wohnort oder der Wahl der Uni-Stadt danach, wo sie regelmäßig weggehen können.“ Für Stuttgart bedeutet das: verlässliche Rahmenbedingungen schaffen – und eine Clubszene, die lebendig genug bleibt, um künftig bestehen zu können.

Mehr Storys, Tipps und News aus Stuttgart in der Ausgabe LIFT 12/25

Den ganzen Artikel gibt’s in der Ausgabe LIFT 12/25
LIFT im Dezember 2025

Einzelausgabe E-Paper

Sofort als PDF lesen

  • Kosten pro Stück: 2,80 €

Einzelausgabe Print

Dein LIFT im Briefkasten

  • Kosten pro Stück: 4,90 € zzgl. Versand

LIFT-Abo

Ein ganzes Jahr Print & E-Paper für nur 49,00 €

Jetzt bestellen

...