Es ist Montagmittag, typische Stoßzeit am Charlottenplatz in Stuttgart. Ampeln blinken, Bahnen rattern, Menschenmassen strömen zwischen vorbeisausenden Fahrrädern und stockenden Autos hindurch. Wer hier unterwegs ist, muss die Augen ständig offenhalten. Inmitten des Trubels wird schnell klar: Der öffentliche Raum ist umkämpft, und für FußgängerInnen bleibt nur wenig Platz.
Das empfindet auch eine Passantin so, die sich gerade in Richtung U-Bahn bewegt: „Stuttgart ist eine sehr autozentrierte Stadt. Das stört mich schon ziemlich, ich bin fast jeden Tag zu Fuß in der Innenstadt unterwegs”, sagt sie. Das ständige Aufpassen, Warten und Umschauen sei auf Dauer ziemlich nervig.
Engpässe entstehen überall dort, wo verschiedene Verkehrsarten auf engem Raum zusammenkommen. Große Kreuzungen, mehrspurige Straßen oder Bereiche, in denen sich Autos, Fahrräder und FußgängerInnen den Raum teilen müssen, sorgen für Konflikte. Am Charlottenplatz etwa teilen sich PassantInnen und RadfahrerInnen teilweise den Gehweg. Das beeinträchtigt die Sicherheit und den Komfort – besonders für Menschen, die auf den Gehweg angewiesen sind. Peter Erben vom FUSS e.V. Stuttgart erklärt: „Hier zeigt sich, wie stark der öffentliche Raum noch zugunsten des Autoverkehrs verteilt ist.“
Olgaeck frustriert FußgängerInnen
Dass solche Situationen auch gefährlich werden können, zeigte ein tödlicher Unfall am Olgaeck im vergangenen Jahr. Nach Einschätzung des Verkehrsclub Deutschland (VCD) sind an einigen Kreuzungen die Stellflächen für FußgängerInnen zu klein bemessen. Gerade an stark frequentierten Orten müsse der Platz für wartende Menschen ausreichend groß sein.
Doch auch andere Straßen in Stuttgart sind problematisch: In der Gablenberger Hauptstraße etwa sind die Gehwege stellenweise so schmal, dass Begegnungsverkehr kaum möglich ist. Für zwei Personen mit Kinderwagen oder Rollatoren reicht der Platz oft nicht aus. Zudem fehlen in größeren Abständen sichere Möglichkeiten, um die Straße zu überqueren.
Auch an der Neuen Weinsteige sieht Peter Erben Handlungsbedarf. Dort ist Gehwegparken erlaubt, wodurch teilweise nur noch ein bis anderthalb Meter Platz für FußgängerInnen bleibt. Besonders für Menschen mit eingeschränkter Mobilität kann das zum Problem werden. In der Neckarstraße wiederum konkurrieren verschiedene Nutzungen um den ohnehin begrenzten Raum auf den Gehwegen. Werbeschilder, Parkscheinautomaten, Mülltonnen oder Außengastronomie nehmen zusätzlichen Platz ein.
Auch die LIFT-Community auf Instagram kennt so einige Orte in Stuttgart, die für FußgängerInnen nervig bis gefährlich sein können. Eine Umfrage zeigt, wo es für StuttgarterInnen kritisch wird: „Am Olgaeck wartet man locker fünf Minuten, bis die Ampel zur U-Bahn grün wird. Am Katharinenhospital genauso“, schreibt eine Person. Und sie ist nicht alleine mit dieser Ansicht: „Das Olgaeck. Die ganze Kreuzung ist zu Fuß ein einziger Alptraum.“ Ganz in der Nähe liegen die nächsten Problemstellen: „Der Fußgängerweg am Charlottenplatz zum alten Waisenhaus führt genau über den Radweg.“ Auch der Bahnübergang Schlossstraße/Olga-Areal ist tückisch. „Dort ist ständig die Ampel kaputt, dabei ist es ein Schul-/Kita-Weg.“
Weitere FollowerInnen nennen den Übergang von der Schlossstraße zur Senefelderstraße. Weiter geht es am Hauptbahnhof: „Nahezu alle Ampelschaltungen an der Württembergischen Landesbank sind nervenaufreibend für FußgängerInnen!“ Generell sind Ampelschaltungen ein Thema, wie ein weiterer Kommentar zeigt: „Die Unterführung von der Hauptstätter Straße zum Rathaus ist gesperrt, die Wartezeiten an den Ampeln sind lang.“
Eine mehrspurige Straße oder eine Kreuzung zu überqueren, kann bisweilen gefährlich werden: „In Sonnenberg bei der U-Bahn ist der Zebrastreifen gesperrt und alle laufen über die Fahrbahn“, „Im Westen werden überall Kreuzungen zugeparkt. Die Straße mit Kleinkind überqueren: Ein Alptraum“, „Die Arndt-/Vogelsangstraße ist immer zugeparkt, und kaum jemand fährt hier wirklich nur 30 km/h“, „In Etappen über die Hauptstätter Straße zu kommen, zum Beispiel auf der Höhe vom Restaurant Origami, dauert ewig.“
Auch die Kreuzung zwischen dem Wagenburgtunnel und dem Hauptbahnhof sowie die Unterführung in der Nähe der U-Bahn-Haltestelle Hohensteinstraße in Zuffenhausen wurden in der Umfrage als kritische Orte für FußgängerInnen benannt. Besonders für Mütter mit Kinderwagen oder Menschen mit Krücken, Rollatoren oder Rollstühlen sind die Hürden groß.
Laut Stadt habe man den Fußverkehr im Blick
Frauen meiden darüber hinaus teilweise bestimmte Wege, weil sie sich aufgrund mangelnder Beleuchtung unsicher fühlen. Verkehrsinitiativen fordern daher breite, hindernisfreie Gehwege, barrierefreie Übergänge und längere Grünphasen an Ampeln, damit sich alle Verkehrsteilnehmenden sicher bewegen können. Maßnahmen, die bislang nur schleppend umgesetzt werden.
Die Stadt Stuttgart sieht die Lage anders: Man habe den Fußverkehr besonders im Blick, da dieser mit 32 Prozent den höchsten Anteil an den Verkehrsarten habe. Seit 2017 würden bereits Fußverkehrskonzepte entwickelt, bei denen man auch darauf achte, auf Verbesserungsvorschläge aus den Bezirksräten und der Bevölkerung zu reagieren.
„Die Stadt arbeitet bereits an vielen Maßnahmen in diesem Bereich“, betont Oliver Hilliger vom Amt für öffentliche Ordnung. „Solche Veränderungen brauchen in einer dicht bebauten und stark genutzten Stadt Zeit, weil viele unterschiedliche Aspekte berücksichtigt werden müssen.” Umso wichtiger sei es, dass alle Verkehrsteilnehmenden aufeinander Rücksicht nähmen. Aufmerksamkeit und Respekt seien Voraussetzungen dafür, dass der öffentliche Raum für alle gut funktioniert.
Die Verkehrsverbände fordern auch auf politischer Ebene eine Veränderung derzeitiger Missstände, beispielsweise die unbedingte Umsetzung des Stadtgeschwindigkeitskonzepts der Landeshauptstadt. „Frank Nopper darf sich nicht weiter gegen die demokratischen Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat stellen“, so Peter Erben. Grundsätzlich wünschen sich die Aktiven von FUSS e.V. Stuttgart einen Perspektivwechsel in Sachen Mobilität: „Die Mobilität soll so organisiert werden, dass sich alle Verkehrsteilnehmenden sicher fühlen können – auch die Verletzlichsten.“ Eine große Herausforderung, denn noch ist der öffentliche Raum für FußgängerInnen oft weder sicher noch komfortabel.

