Vor Ort mit Thomas Daiker

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

In der Serie "Vor Ort" treffen wir spannende Menschen an spannenden Plätzen. In Folge 168 geht es mit HipHop-Kitchen-Macher Thomas Daiker zur Aussichtsplattform Zeppelinstraße.

Foto: Ronny Schönebaum

Thomas Daiker mag die Berge. So oft er kann, lässt er den Kessel hinter sich, haut ab Richtung Süden, um die Alpen zu durchwandern. Verständlich also, dass er sich zum Interview an der Aussichtsplattform Zeppelinstraße im Stuttgarter Westen, hoch über dem Kessel und weit weg von Verkehr, Feinstaub und Baustellen treffen will.

Die Luft ist hier sicherlich nicht so gut wie in den Bergen – aber man kann halt leider nicht in jeder freien Mittagspause in die Schweiz gondeln. Also machen wir uns auf den Fußmarsch vom Hölderlinplatz immer weiter berg­auf, der Sonne entgegen. Und außerdem: Thomas Daiker, Erfinder der HipHop-Kitchen und DJ lebt ja gern in Stuttgart ­– inzwischen schon seit 18 Jahren.

Früh zieht es ihn von Ravensburg am Bodensee hinaus in eine urbanere Welt. Gelandet ist er in Stuttgart: Schon mit 15 kommt er in der Stadt an, findet schnell Halt in der HipHop-Kultur und entdeckt die Schräglage für sich. Statt in den Clubbetrieb zieht es ihn dann aber erst mal in die Küche – beruflich zumindest. Damit folgt er den Fußstapfen des großen Bruders, der ihn erst zum HipHop und dann in die Küche gebracht hat. Family Business sozusagen.

„Mit 18 habe ich eine Kochausbildung gemacht, hatte aber irgendwann das Gefühl, in der Küche zu versauern“, meint Daiker, als wir oben an der Aussichtsplattform ankommen. Er lässt den Blick Richtung Cannstatt und Fellbach streifen. Auch diese Ecke kennt der 33-Jährige: Oft spaziert er durch die Weinberge von Fellbach oder Untertürkheim, für einen Wein-Liebhaber natürlich ein sprichwörtlich fruchtbarer Boden. „Dauerhaft war mir das aber zu wenig, weil die Musik irgendwann zu kurz kam“, erzählt er. „Außerdem wollte ich nicht mein ganzes Leben lang zwölf Stunden täglich in einer Küche stehen.“

Thomas Daiker hat viele Interessen und möchte am liebsten keine davon zu kurz kommen lassen. Ein halbes Jahr lang hat er mal in der Schweiz gearbeitet, in Arosa, erst in einem Hotel, dann in verschiedenen Bars. „Schnell habe ich dort allerdings mehr aufgelegt als gekocht“, lacht er. Die Berge, erinnert er sich heute, haben seinen Blick während einer schwierigen Zeit für das geöffnet, was er wirklich will. Und das sind eben ganz viele Dinge. Nicht nur ein Job.

Daiker geht es heute darum, seinen Alltag mit all dem zu füllen, was ihm Spaß macht. Kochen gehört natürlich immer noch dazu – so fing seine berufliche Karriere schließlich an, aber Daiker möchte inzwischen mehr vom Leben und mehr Zeit mit Musik, Kultur und vor allem Menschen verbringen und diese zusammenbringen. „Kultur gibt mir so viel“, sagt er. „Ich möchte noch mehr ein Teil davon sein und auch was zurückgeben.“ Denn Kultur, die findet eben auch auf dem Teller statt.

Schließlich eröffnet sich für Daiker die ideale Zwischenlösung: Eine Stelle als Küchenchef im Jazzclub Bix. Hier kann er vier Jahre seine beiden größten Leidenschaften verbinden. „Irgendwann begann ich auch hier, Events zu veranstalten, weil ich es schade fand, dass sich diese superschöne Location nach den Konzerten immer wieder so schnell leerte“, erzählt Daiker. Er macht endgültig den Schritt aus der Küche in die Eventbranche, will aber sein Faible für Essen und Trinken nicht aufgeben.

Zum Glück für Stuttgart, muss man sagen, denn nur so konnte die HipHop-Kitchen, sein vielleicht liebstes Baby, entstehen. Seit 2018 veranstaltet das dreiköpfige Team an wechselnden Orten kulinarische Events mit dezenter Beat-Untermalung. Es gibt Gastköche, saisonale Drei-Gang-Menüs, passende Weine und ein Rahmenprogramm. „Sample raten“ ist beispielsweise längst so ein Klassiker, der bei keiner Kitchen fehlen darf. Dabei hört man die originalen Songs, an denen sich Hip­-Hop-ProduzentInnen bedient haben. Nächster Termin: 13. Januar im Wizemann.

Ein eigenes Restaurant wäre ihm dennoch zu viel, weil zu viel anderes auf der Strecke bleiben würde, so der 33-Jährige. „Ich weiß mittlerweile einfach, was mich glücklich macht, und konzentriere mich darauf“, meint er.

Sein Credo könnte man daher auch so umreißen: Wenn es etwas noch nicht gibt, was ihm taugt, dann macht er es eben selbst. „So hat es auch mit dem Auflegen angefangen: Anfangs war es schwer, als DJ in die Clubs reinzukommen, also habe ich meine eigenen Events gemacht.“

Diese Schaffer-Mentalität ist durchaus schwäbisch und kommt gut an in einer Stadt, die sich immer ein wenig auf die verlässt, die sich eben nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Und unentwegt Neues auf die Beine stellen.

Ganz ohne Spuren bleibt das alles aber auch bei Thomas Daiker nicht: Vor ein paar Jahren überanstrengt er sich, will 48 Stunden in die 24 pressen. Typisch für Leute wie ihn, mit dem Kopf voller Ideen. „Ich neige dazu, mich zu übernehmen", meint der 33-Jährige mit einem etwas gequälten Lächeln. Es wird wieder bergab geschlendert, der Kessel ruft. „Daher ist mir mittlerweile eine Balance sehr wichtig.“ Seinen Ausgleich holt er sich bei Konzerten, Jazz oder HipHop, im Theater, beim Yoga oder einem guten Abendessen. „Am liebsten gehe ich ins Augustenstüble, wenn es was Besonderes sein darf, oder, wenn ich Lust auf thailändische Küche habe, ins Leks am Stöckach.“

Mittlerweile ist das mit dem Stress wieder besser geworden. Heute genießt er sein Leben am Hölderlinplatz, spaziert gerne die Johannesstraße entlang oder sitzt auf seiner Dachterrasse, um die ihn wohl die halbe Stadt beneidet. Er füllt seine Tage mit Musik und Essen, macht derzeit eine Ausbildung zum Tontechniker an der Deutschen Pop Akademie. Diesen Bereich will er in Zukunft deutlich ausbauen, kann sich vorstellen, als Producer, Mixer oder Live-Techniker zu arbeiten. Das passt, denn als Kind wollte er eigentlich Elektrotechniker werden. Da ist er jetzt wieder nah dran mit dem Frickeln und den Knöpfen und den Kabeln.

Am Wochenende legt er immer noch auf und ist für das Booking im Mos Eisley zuständig. Wenn dann noch Zeit über bleibt, kocht er bei oder mit FreundInnen – er liebt es, auf dem Markt einzukaufen, kreative Resteverwertung ist sein Steckenpferd. Löblich. Die wichtigste Zutat, die gibt es aber nicht auf dem Markt. Und wer diese Geschichte gelesen hat, der kennt jetzt bestimmt schon die Antwort. Wir erreichen den Hölderlinplatz, Daiker grinst: „Musik.“           

 

HipHop Kitchen [13.1. 13 Uhr, Happen im Wizemann, Quellenstr. 7, S-Bad Cannstatt, www.hiphopkitchen.de]

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