Vor Ort mit Nisha Toussaint-Teachout

Foto: Ronny Schönebaum

Mit spannenden Menschen an spannenden Orten

Folge 155: Mit Klimaaktivistin Nisha Toussaint-Teachout im Stadtgarten

Manchmal passt thematisch einfach alles. Während in Scharm El-Scheich in Ägypten die Weltklimakonferenz läuft, ist es in Stuttgart  viel zu warm für November. Darum setzen wir uns, wie viele Studierende um uns herum, auf eine Bank im Park hinter der Uni.

„Der Stadtgarten ist für mich ein Ort des Protests geworden“, erzählt Nisha Toussaint-Teachout, Mit-Organisatorin der Fridays-for-Future-Bewegung. „Nicht, weil das unbedingt dem Ort innewohnt, sondern weil hier viele verschiedene Widerstände stattgefunden haben. Die große Black-Lives-Matter-Demo 2020 zum Beispiel“, erinnert sich die Aktivistin. Mittlerweile hat sie mehrere globale Klimastreiks und die Klimacamps im Park mitorganisiert. „Der Stadtgarten zeigt für mich, dass diese verschiedenen Proteste zusammengehören. Das sind keine abgespalteten Kämpfe, wir kämpfen für die gleiche Sache: eine gerechte und solidarische Gesellschaft.“

Auf den Fildern, am Rand einer Autostadt wie Stuttgart aufzuwachsen, in einem Ort mit schlechter ÖPNV-Verbindung, das hat sie geprägt. Allem voran auch Stuttgart 21. Die Proteste begleiten die 23-Jährige quasi schon ihr ganzes Leben lang. Damals ist sie mit ihren Eltern auf Demos gegangen. Ende 2018 tut sie sich selbst mit einer Freundin zusammen, um die erste Fridays-for-Future-Demonstration in Stuttgart zu starten. Nach dem ersten Mal war klar: „Es hat sich nichts verändert, wir machen weiter.“

Laienhaft ging es los, über die Jahre kamen das nötige Know-How und immer mehr UnterstützerInnen dazu. Mittlerweile hat sich ihr Aufgabenspektrum um einiges erweitert: Die junge Stuttgarterin organisiert zwar immer noch Demos, gibt aber auch Workshops, kümmert sich um die Pressearbeit und Kooperationen der Fridays-for-Future-Bewegung. „Und abgesehen davon, studiere ich auch noch – das wird aber im Moment manchmal eher zur Nebensache“, fügt sie lachend hinzu. „Erstmal!“

Toussaint-Teachout studiert Philosophie im siebten Semester, auch Gesellschaftsgestaltung ist ein wichtiger Teil ihres Studiums. Da liegt die Frage nahe, wie so eine (klima-)gerechte Gesellschaft überhaupt aussehen kann. Ihr ist es wichtig, sich das Ideal mal vor Augen zu führen, denn „wir sind uns oft eher mit den Problemen einig, statt mit den Lösungen.“ Die Menschen könnten sich das Ende der Welt oft besser vorstellen, als das Ende des Kapitalismus, des aktuellen Systems. Das findet sie tragisch.

„Stuttgart ist geprägt von der Industrie. Was hier sehr viel Raum einnimmt, sind Autos, Straßen und Baustellen.“ Die Aktivistin stellt in Frage, ob das eigentlich für die Mehrheit der Bevölkerung von Vorteil ist oder nur für eine kleine Gruppe, die sich extrem viel Raum nimmt? Und das auf Kosten von allen anderen. Auf der Strecke bleiben dabei Sicherheit im Straßenverkehr und die Folgen sind Luftverschmutzung, Versiegelung der Flächen.

Wie könnte Stuttgart als sichere Stadt für Kinder, Menschen in Rollstühlen, Frauen und Queers denn aussehen? „Das wäre ganz zufällig auch eine klimagerechtere Stadt“, ist sich Toussaint-Teachout sicher. „Der Ist-Zustand ist bestimmt nicht die beste Option, die wir haben. Es ist sogar eine sehr ungerechte.“

Deswegen müsse sich sehr viel verändern, meint sie. Aber wie so ein „gutes Leben“ genau aussieht, dafür hat auch sie keine klare Antwort, denn das müsse erst noch erprobt werden. Wir seien neu in der Zeit der multiplen Krisen und es gäbe zwar sehr viele Ideen und Lösungen, aber die müssten erst noch ausdiskutiert werden.

Eins ist für sie aber klar: Eine andere Art des Wirtschaftens muss her. „Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten, ausgehend von unbegrenztem Wachstum, basierend auf Ausbeutung des Planeten und seiner Bewohner-Innen – das kann nicht funktionieren.“

Wir brauchen ihrer Meinung nach eine Gesellschaft, die nicht mehr abhängig ist von diesem Wachstum, ein Ende des Kapitalismus und ein Ende dieser krassen Leistungsgesellschaft. Sie fragt sich, ob wir denn überhaupt glücklicher mit all dem sogenannten Wohlstand und Fortschritt sind. Wenn man sich den Anstieg der psychischen Erkrankungen anschaut, fällt es leicht, daran zu zweifeln.

Leistungsdruck ist auch für die Aktivistin selbst ein Thema: „Ich musste auch erst lernen, Pausen zu machen.“ Ebenso kann der Zustand der Welt überwältigend sein und selbst Nachrichten zu hören, kann überfordern, auch wenn man natürlich informiert bleiben muss. Es bringt nichts, wenn man sich allem Leid der Welt aussetzt und dann nicht mehr handlungsfähig ist, findet die Philosophie-Studentin. „Ich habe früher stark darunter gelitten und tue das irgendwie immer noch. Aber mittlerweile versuche ich es eher als Motivation zu sehen, danach in Aktion zu gehen“, sagt sie.

Was Toussaint-Teachout hilft, ist die Verbindung zu Gleichgesinnten. Oder auch zu Menschen, die andere Meinungen haben. „Wenn wir aus der Vereinzelung in die Organisierung gehen, dann sind da plötzlich Menschen. Dann ist das alles viel tragbarer.“

Und gemeinsam mit diesen Menschen hat sie in den letzten Jahren einiges erreicht. Ein High­­light war für sie das Klimacamp im Sommer. Eine Woche lang bewohnte und belebte das Bündnis Kesselbambule den Stadtgarten mit Workshops, Vorträgen und Kulturveranstaltungen zum Thema.

Was sie neben Studium und Aktivismus noch gerne macht? Da muss sie erstmal überlegen. Wenn Überzeugung, Hobby und Beruf verschwimmen, bleibt nicht viel Zeit für Nebensachen. Aber dann fällt ihr doch etwas ein: Sie wohnt in einer WG in Stuttgart-Süd, „auf halbem Weg zwischen Wald und Stadt“. Um runterzukommen, genießt die Stuttgarterin es sehr einfach in der Natur spazieren zu gehen und die Ruhe zu genießen. Oder tanzen zu gehen und die Erfolge zu feiern. „Wir dürfen beim Kampf für ein gutes Leben, nicht die Freude daran verlieren“, sagt sie. So schafft sie es auch immer wieder neue Hoffnung zu schöpfen, wenn die Lage mal wieder aussichtslos erscheint.

In große Veränderungen durch die Weltklimakonferenz möchte sie allerdings nicht mehr alle Hoffnung legen. Es sei ein guter Ort, um über Klimagerechtigkeit zu streiten und, um den Menschen aus dem globalen Süden mehr Raum zu geben. Aber: „Da, wo es um echte Klimagerechtigkeit geht, ist da, wo sie von unten erkämpft wird.“

Deshalb hat sie auch vor, erstmal in Stuttgart zu bleiben. Das Potenzial ist groß, sie kennt sich aus, in der Politik und in der Stadt. Und auch, wenn sie S00000tuttgart-ist-hässlich-Kritiker­-Innen zum Teil Recht gibt, sagt sie: „Es gibt auch sehr viele schöne Orte hier, die immer mehr werden und die gestärkt werden müssen.“ So wie etwa der Stadtgarten.         

Luccia Koehnlein

Dieser Artikel ist aus LIFT 12/22

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