Vor Ort: Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

Text: Nina Scheffel, Foto: Ronny Schönebaum

Folge 142: Mit Journalistin Merve Kayikci aka Primamuslima in der Wilhelma

Der Pulli passt perfekt zum Kopftuch und zu den Schuhen – top gestylt und mit Handy am Ohr, steigt Merve Kayikci an der Wilhelma aus der Stadtbahn. Kayikci, auch bekannt als „Primamuslima“, ist Journalistin, Moderatorin und Podcasterin. Außerdem arbeitet sie als Innovationsmanagerin beim SWR, mal in Stuttgart, mal in Baden-Baden, um an zukunftsweisenden Formaten zu tüfteln.

Nicht ohne Grund findet unser Treffen in der Wilhelma statt. Kayikci bewundert die maurische Architektur, die sich durch den Park zieht. Gleichzeitig sind die arabischen Schriftzeichen und die Gebäude für sie mehr als nur ein Eyecatcher. „Am 30. Oktober ist das 60-jährige Jubiläum des Gastarbeiter-Abkommens mit der Türkei“, erklärt sie. „Oft wird suggeriert, dass der Islam erst durch die Gastarbeit nach Deutschland und Europa gekommen ist. Dabei hat er eine viel weitreichendere Geschichte.“

Die 1837 entworfene maurische Architektur der Wilhelma sieht sie als Zeichen dafür. „Viele tun so, als wären MuslimInnen Fremde, die in Deutschland eingedrungen sind – dabei haben wir die Kultur und die Identität in Deutschland mitgeprägt.“ Kayikci erzählt schmunzelnd von ihrem Großvater, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam und sich darüber wunderte, dass es keine Nüsse und Oliven im deutschen Supermarkt gab.

Die 27-Jährige ist im Schwarzwald geboren und in Konstanz am Bodensee aufgewachsen. Nach Studienaufenthalten in Dänemark, Holland und Irland wohnt sie heute in Stuttgart. Während wir durch den Maurischen Garten spazieren, kommen wir an einem kleinen Kornelkirschbaum vorbei, der trotz der niedrigen Temperaturen Früchte trägt. „Wow, die gibt es sonst eigentlich nur in der Türkei“, freut sich Kayikci.

Sie ist ein naturverbundener Mensch, war in ihrer Kindheit viel auf Bauernhöfen unterwegs, erzählt sie und schwärmt bald von einem Campingausflug in Dänemark. „Die Leute dort sind anders: Dort hat mich zum Beispiel niemand wegen meines Kopftuchs angestarrt.“ Im Ländle kommt das häufiger vor.

Auf die Frage, warum sie Kopftuch trägt, antwortet Kayikci schon lange nicht mehr. „Es ist einfach ein persönliches Ding und das wird so politisiert. Ich finde es unverschämt und übergriffig, wenn Leute mich danach fragen. Solange ich niemanden damit beeinträchtige, was ich nicht tue, geht das niemanden etwas an”, so Kayikci. “In dem Moment, in dem man anfängt zu erklären, warum man es trägt, macht man es wieder zu einem Diskussionsgegenstand. Das möchte ich nicht.“

Was die Journalistin an Baden-Württemberg dennoch so prägend findet, ist der Innovationsgeist. „Auch als PostmigrantIn kann man hier beruflich Karriere machen. Unsere Großeltern standen als GastarbeiterInnen in der Fabrik am Band, ihre Enkelkinder sitzen heute zum Teil im selben Unternehmen in der Management-Etage. Man kann hier also was schaffen – wenn man etwas leistet.“

Vorurteile und Rassismus sind aber auch hier an der Tagesordnung. „Man wird zum Beispiel als einzige in der Nachbarschaft nicht zum Grillen eingeladen, weil man, Zitat, sowieso kein Bier trinkt“, so Kayikci. Die 27-Jährige wünscht sich, dass diese Berührungsängste in Zukunft weniger werden.

Ihr Gerechtigkeitssinn war schon immer stark ausgeprägt: Bevor sie an der Stuttgarter Hochschule der Medien Crossmedia-Redaktion und Public Relations studiert, versucht sie sich in Jura an der Uni Tübingen. „Ich wäre gerne in die Politik gegangen oder hätte in einem Beruf gearbeitet, in dem man unsere Gesellschaft prägen kann”, erzählt sie. Doch an der juristischen Fakultät erfährt sie festgefahrene, teils rassistische Strukturen und Vorurteile gegenüber MuslimInnen. Damals Grund genug, das Studium zu wechseln.

Heute, als ausgebildete Journalistin, schließt Kayikci nicht aus, nochmal Jura zu studieren. Der Journalismus ist für sie trotzdem die bessere Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Ihre ersten Podcast-Versuche startete sie schon 2013. „Ich habe mich in den deutschen Medien nicht repräsentiert gefühlt”, erzählt sie.

Repräsentation und Identifikation sind auch die Themen, die Kayikci heute in ihren Podcasts beschäftigen. Ihr erstes Format „Maschallah!“ wird später vom Bayrischen Rundfunk übernommen und in „Primamuslima“ umbenannt. Seit zwei Jahren bietet Kayikci deutschen MuslimInnen in dem Format eine Bühne. „Ich habe gemerkt, dass es nichts bringt, nur über Muslime zu berichten. Ich muss sie zeigen und sie selbst erzählen lassen”, so Kayikci.

Erst vor Kurzem wurde sie für ihre journalistische Arbeit vom Mediummagazin unter die Top 30 der unter 30-jährigen JournalistInnen des Landes gewählt. Ob sie Neid und Vorurteilen begegnet? „Natürlich reduzieren mich viele auf meinen islamischen Glauben. Aber ich denke, ich habe diesen Preis verdient, denn ich habe hart dafür gearbeitet“, sagt Kayikci. „Wenn die Leute sagen, ich sei nur eine Quoten-Muslima, entgegne ich: Es gibt tausende Musliminnen mit Kopftuch in Deutschland – warum haben die dann den Preis nicht gekriegt? Ich lasse mich nicht als Vorzeige-Muslima missbrauchen.“ Ihr Selbstbewusstsein schöpft die Journalistin aus ihrer Vision: „Nämlich, dass Frauen überall hinkommen, wo Männern die Türen offenstehen – egal, ob Muslima oder nicht.“

Trotzdem betont Kayikci, dass sie weder als eine Art Sprecherin für MuslimInnen, noch als Aktivistin fungiert – das wird ihr oft vorgehalten. Statt einem bestimmten Ziel, möchte sie schlicht Normalität durchsetzen. „Das bedeutet: gleiche Rechte und Voraussetzungen für alle, die in Deutschland leben – auch für MuslimInnen. Ich möchte auf Missstände aufmerksam machen”, so Kayikci.

Der Islam, wie er in den Medien repräsentiert wird, sei nicht der Islam, den sie selbst lebt, sagt die 27-Jährige. „Dort werden oft zwei sehr extreme Bilder vertreten: entweder der oder die erfolgreiche MuslimIn als moderne Inspirationsfigur oder – das gegenteilige Stereotyp – der verbrecherische Klan-Chef. Dazwischen gibt es nichts. Das muss sich ändern.“

Gelassen und mit viel Humor – so versucht Kayikci Vorurteilen wie diesen gegenüberzutreten. „Ich versuche, den Menschen trotz allem positiv zu begegnen und keine offenen Kämpfe auszufechten. Ein solches Verhalten wird von der Gesellschaft nämlich meist gecancelt. Und ich will nicht gecancelt werden, sondern meine Ziele erreichen – wenn auch in kleinen Schritten.“ Und die wird sie nicht müde zu gehen.

Dieser Artikel ist aus LIFT 11/21

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