Vor Ort mit Leif Müller

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

In der Serie "Vor Ort" treffen wir spannende Menschen an spannenden Plätzen. In Folge 171 treffen wir DJ und Studio Amore-Booker Leif Müller am Gebhard-Müller-Platz.

Foto: Ronny Schönebaum

Googelt man Stuttgarts hässlichste Orte, wird er ganz oben gelistet: Der Gebhard-Müller-Platz in Stuttgart Mitte. Hier findet sich eine große Straßenkreuzung, die einerseits den Hauptbahnhof mit dem Wagenburgtunnel verbindet, andererseits an Kulturhäusern wie dem Planetarium und der Staatsgalerie vorbeiführt.

Zu sehen gibt es endlosen Verkehr, zu hören hauptsächlich Straßen- und Baulärm, denn inmitten Stuttgarts vielleicht größtem Verkehrsknoten befinden sich Bauschutt, Kräne und Bagger. Zur Erhellung des trostlosen Ortes scheint an diesem Vormittag die Sonne. „Ich weiß gar nicht, wann das hier mal  keine Baustelle war“, überlegt DJ Leif Müller, während er über die Kreuzung am Gebhard-Müller-Platz gen Sonne und Staatsgalerie schaut.

Der Platz steht sinnbildlich für ein eher ungewolltes Markenzeichen der Stadt: die Baustelle. Für Leif Müller ist der Platz wie ein Knotenpunkt zwischen seinem Musikstudio an der Willy-Brandt-Straße und dem Studio Amore im ehemaligen Hotel am Schloss­­­­­­­garten, wo Müller das Booking übernimmt.

„Der Platz hier ist wie ein Lebensmittelpunkt für mich“, erklärt er. Von seinem Studio aus hat er Überblick über die Baustelle, die sich mittlerweile bis hinter den Hauptbahnhof erstreckt. „Ich sehe, wie sie zu Chaos führt, das Stadtbild verzerrt und den Kern verstopft. Für mich steht sie symbolisch für die Kritik an der Stadt und ihren Dauerbaustellen.“

Sich nur über die Baustellen-Thematik zu beschweren, ist ihm aber zu einfach. Leif Müller will die Stadt mitgestalten – zumindest kulturell. Über Veranstaltungen jeglicher Art und auch über Projekte wie dem Studio Amore, die Interimsnutzung im ehemaligen Hotel am Schlossgarten. „Als ich gefragt wurde, ob ich das Booking und weitere Kreativ-Konzepte übernehmen würde, war das etwa zwei Wochen vor dem Opening. Also ein Schnellstart ohne Vorlaufzeit,“ erzählt der DJ. Manchmal geht es schnell und dann laufen in Stuttgart die Fäden zusammen.

„Ich habe gelernt zu schätzen, wie hoch die Lebensqualität hier ist“, sagt Müller. „Ich sehe aber in den letzten Jahren immer häufiger, woran es noch fehlt, oder wie beschränkt manche Bereiche sind, ob kulinarisch oder kulturell. Es gibt von allem etwas, aber es geht oft nicht wirklich in die Tiefe“, kritisiert Müller.

Seinen Weg zur elektronischen Musik fand er ganz klassisch. Anfangs eher HipHop-Fan, kommt er über einen älteren Freund ­mit Techno in Berührung – und ist sofort begeistert. Da ist Müller 16. Ab da ging’s in die Plattenläden der Stadt und gemeinsam mit seinem bes­­­­ten Freund Konstantin Sibold begann er Musik und Mixtapes aufzunehmen.

Auf die ersten Schulpartys folgten Auftritte in Bars und in Clubs. Schnell wurden die Gigs immer größer und internationaler. Im Gegensatz zu vielen DJ-Kollegen zieht es Müller nicht nach Berlin. „Die Frage stand auf jeden Fall im Raum, denn das ist ja so der Klassiker, gerade in der DJ-Szene“, so der 36-Jährige. „Super viele gehen nach Berlin. Das kann gut sein für die Karriere, das kann aber auch schlecht sein.“

Letztlich war es sein Bezug zu Stuttgart, der ihn hiergehalten hat. „Ich war ja durch die Musik immer viel unterwegs und immer wieder auch in Berlin. Da war es gut für mich, auch wieder zurückzukommen. Stuttgart war für mich schon immer ein Heimathafen.“

Um runterzukommem geht Leif Müller gerne ins Leuze, oder in sein Studio. „Oder ich fahre zu meiner Familie nach Waiblingen, da kann ich abschalten.“ Das Stichwort Familie führt bei Müller unumgänglich auch zum Stichwort Fußball. Schließlich ist er Sohn der VfB-Legende Hansi Müller. „Ich bin mit Fußball aufgewachsen, zwangsläufig. Aber auf eine sehr natürliche Weise“, erzählt Müller. „Mein Papa hat mich da nie gedrillt. Ich wusste immer, ich kann jeden Tag kommen und sagen, dass ich aufhören möchte.“ Das tat er dann auch, nach fünf Jahren in der VfB-Jugend.

Denn Leif Müllers Ding ist die Musik. Aber auch für diese Branche konnte er einiges von seinem Vater lernen. „Ich bewundere ihn nicht so sehr dafür, dass er ein berühmter Fußballer ist, ich bewundere ihn vor allem dafür, dass er so weit gekommen ist und es vom Straßen-Kicker bis oben geschafft hat, dass er sich da selbst was aufgebaut hat.“

Seit Leif Müller mit 20 Jahren für ein Praktikum nach Stuttgart-Rohr gezogen ist, ist er der Stadt treu geblieben – hat schon am Killesberg, im Stuttgarter Osten und in der Reinsburgstraße im Westen gewohnt. „Da hab ich fast sechs Jahre gelebt“, erzählt Müller. Die meiste Zeit verbringt er in Mitte oder im Stuttgarter Süden. „Ich bin nicht so ein großer Bar-Gänger, aber wenn ich doch mal in einer Bar lande oder in ein Café gehe, dann immer irgendwo im Süden“, sagt Müller. Er geht gerne ins Café Lang, eine Mischung aus Café und Bar oder in der Galerie Kernweine sowie ins Condesa am Marienplatz.

Müller ist in Österreich geboren und in Bayern aufgewachsen. Im Alter von zehn Jahren ging es dann mit der Familie nach Waiblingen. „Ich habe schon eine krasse Liebe zu den Bergen, zu Bayern und zu Tirol“, sagt der DJ. Doch die größte Liebe seines Lebens ist und bleibt die Musik. „Soweit ich das sagen und entscheiden kann, wird was ich mache, immer mit Musik zu tun haben: Ob es eine Listening Bar ist, ein Label, Veranstaltungen planen, selbst Musik produzieren oder auflegen. Es wird, Stand jetzt, auf jeden Fall mit Musik zu tun haben.“

Für die Stuttgarter Musik- und Kulturszene wünscht sich Müller noch mehr Unterstützung von der Stadt und, dass sich der Verwaltungsapparat etwas lockert. „Man erhält inzwischen mehr Förderung von der Stadt. Hoffentlich geht da auch in Zukunft noch mehr. Egal, ob es dann ein neues Kaffee oder ein Club ist.“

Müller selbst hat das diesjährige Stipendium des Pop-Büros gewonnen und nutzt das Fördergeld, um sich an einem experimentellen Album zu versuchen – weg von der Clubmusik. „Mutig sein, sich trauen, sich ausleben, etwas machen“, sagt Müller. „Ob das jetzt auf Kunst bezogen ist oder Kultur, egal in welcher Form: die Stadt verträgt noch mehr bunte Vögel.“

Einer davon ist auf jeden Fall Leif Müller in seiner lachs-pinken Jacke im Stuttgart-Baustellen-Chaos.

Und wer weiß, vielleicht heißt dieser Platz ja irgendwann nicht mehr Gebhard- sondern Leif-Müller-Platz.           

 

Leif Müller [@leifmueller, www.soundcloud.com/leif-mueller]                

Mehr Storys, Tipps und News aus Stuttgart in der Ausgabe LIFT 04/24

Den ganzen Artikel gibt’s in der Ausgabe LIFT 04/24
LIFT im April 2024

Einzelausgabe E-Paper

Sofort als PDF lesen

  • Kosten pro Stück: 2,00 €

Einzelausgabe Print

Dein LIFT im Briefkasten

  • Kosten pro Stück: 3,90 € zzgl. Versand

LIFT-Abo

12 Mal im Jahr Print & E-Paper
42,00 € pro Jahr

Jetzt bestellen

...