Vor Ort: Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

Folge 132: Mit Stuttgarts neuem Oberbürgermeister Frank Nopper auf der Waldau

LIFT im Januar: Mit Stuttgarts neuem Oberbürgermeister Frank Nopper auf der Waldau
Text: Petra Xayaphoum, Foto: Ronny Schönebaum

Erst Stuttgart, nun Deutschland und bald schon die ganze Welt? Frank Nopper ist in aller Munde, Jan Böhmermann macht’s möglich. In seiner Satiresendung Magazin Royale widmete er dem neuen Stuttgarter Oberbürgermeister knapp zwei Minuten bundesweite Primetime-Sendezeit. Genau genommen eigentlich seiner Frau, Gudrun Weichselgartner-Nopper – „Melania vom Neckar“, wie Böhmermann sie nennt. Ihre Knigge-Kurse für Kinder haben’s ihm besonders angetan.

Auch bei unserem Treffen am Spätnachmittag ist die Frau des Oberbürgermeisters erst mal der Star: „Am SSB Waldaupark könnten wir das Bild machen“, schlägt Frank Nopper vor, „da habe ich meine Frau kennengelernt, beim Sommerfest der CDU-Gemeinderatsfraktion.“

Und die steigt mit großer Sonnenbrille trotz schwindenden Lichts aus der Beifahrertür des schwarzen Mercedes – natürlich mit E-Kennzeichen, schließlich müssen die Nopper’schen Claims Daimler, Stil und Zukunft ja auch gelebt werden. Und sie ist quasi schon auf dem Weg, um für alle Kaffee zu besorgen: „Ich hol’ den kurz, geht ihr schon mal vor, sonst gibt’s kein Licht mehr!“ Die First Lady hat’s im Griff.

Der Kaffee muss aber erst mal warten, denn wir entscheiden uns doch um: Der ehemalige Fußballplatz des Tus Stuttgart, an dessen Stelle sich mittlerweile das Football-Feld der Stuttgart Scorpions befindet, soll aufs Bild.

„Hier habe ich Mitte der 70er-Jahre mit dem Tus Stuttgart das legendäre 1:0 gegen die C1-Jugend der Kickers gewonnen, 15 Jahre alt werde ich da wohl gewesen sein“, gerät Frank Nopper ins Schwärmen. „Die waren schon damals eine sehr gute Mannschaft unter der Leitung von Guido Buchwald. Ich weiß gar nicht, wie viele Wunder an jenem Tag zusammenkamen, dass wir das geschafft haben.“

Ganz ohne Wunder kam sein neuester Sieg in Stuttgart zustande: Knapp 32 Prozent im ers-ten, 42 im zweiten Wahlgang.  Zugegeben: Bei vorherigen OB-Wahlen gab es schon deutlich klarere Wahlsieger, zumal Nopper von den Querelen zwischen Hannes Rockenbauch und Marian Schreier profitierte, die einander die Stimmen streitig machten. Trotzdem: 42 Prozent der StuttgarterInnen wählten einen Mann, der geschlechtsneutrale Formulierungen in der Verwaltungssprache für verkrampft hält,  sich keine autofreie Innenstadt vorstellen kann und Klimaneutralität in Stuttgart erst 2050 für möglich hält. Der aber auch eine leis-tungsfähige Stadtverwaltung aufbauen möchte, mehr Wohnraum schaffen und vor allem eines: Stuttgart zum „leuchtenden Stern des Südens machen“. Das kommt gut an – zumindest in Stuttgarts Vororten. Im Zentrum gewann der Tengener OB Marian Schreier dagegen deutlich mehr Stimmen.

Während der neue Oberbürgermeister sich fürs Foto positioniert, zupft die First Lady seinen Schal zurecht. „Wenn der Fernsehturm draufpasst, das wäre schön!“, wünscht sie sich. Kriegen wir hin. Für das typische Gewinnerlächeln, das wir von unzähligen Plakaten und dank Böhmi nun auch aus dem ZDF kennen, sorgt Frank Nopper dann selbst. Angesprochen auf sein frisches Äußeres bricht er in Lachen aus. „Ich habe keinerlei Veränderungen vornehmen lassen“, klärt er auf. Zugegebenermaßen hat Wahlplakat-Nopper mit Reality-Nopper optisch nicht so viel am Hut (außer seinem Trademark, dem blauen Anzug). Und das ist nicht unbedingt was Schlechtes.

Erkannt wird er trotzdem: Als wir durch die Sportplätze und -hallen auf der Waldau spazieren, passieren uns gleich zig Menschen zwischen zwölf und 70, die allesamt winken und Hallo sagen wollen. „Ich steh’ voll auf seine Memes!“, flüstert einer der jungen Fußballer seinem Kumpel im Vorbeilaufen zu. Zehn von zehn Punkten für die PR-Agentur.

Und für die Präsenz, die Nopper in den vergangenen Wochen in der Stadt gezeigt hat – mit Menschen umgehen kann der gebürtige Stuttgarter, der 2002 zum Oberbürgermeister in Backnang gewählt wurde und nach 18 Jahren nun das Rathaus wechselt. „Die Erwartungen an die Bürgernähe des OBs sind in beiden Städten, Stuttgart wie Backnang, durchaus vergleichbar“, erklärt der OB sein Erfolgsrezept, während wir das Vereinsheim der Sportfreunde Stuttgart passieren.

„Hier habe ich auch schon gespielt!“, erinnert er sich. „Und hier auch, da war früher der Sportverein Degerloch drin! Wissen Sie eigentlich, dass VfB-Spieler Horst Haug damals in der Bank, in der ich meine Lehre gemacht habe, Gruppenleiter war? Und raten Sie mal, wer hier eisgelaufen ist?“ Es ist ein bisschen wie mit Heinz Strunk durch Hamburg laufen, nur anders. Stuttgart-Style eben.

Zwischen zahlreichen Geschichten über Stuttgarter Persönlichkeiten, die mit einem der Sportvereine auf der Waldau in Verbindung stehen, weiß er auch von persönlichen Begegnungen mit seinen Wählern zu erzählen. Die Kritik seiner Widersacher, die ihn nicht für „den OB für alle“, sondern einen für abgehobene Besserverdiener halten, kann er nicht nachvollziehen: „Schade, dass man mich als Menschen so falsch einschätzt. Die übersehen, dass unter meinen Unterstützern nicht nur Prominente waren, zum Großteil sind es ganz normale Leute – vom Bäckermeister bis zur Krankenschwester,“ so Nopper.

Dass er nicht zu den Krankenschwestern und Bäckern dieser Stadt gehört, merkt man trotzdem. 1961 in Stuttgart geboren, wuchs er in einem behüteten Juristen-Elternhaus auf den Fildern auf und setzte nach seiner Bankkaufmannslehre ein Jurastudium inklusive erstem und zweitem Staatsexamen und Dissertation obendrauf. Lange blieb er beruflich im juristischen Bereich, fungierte etwa als Leiter der Abteilung Recht und Verwaltung bei der Messe Stuttgart, bevor es mit der Politik ernst wurde. So richtig nah an der Arbeiterschicht ist das nicht. Aber Bürgernähe muss auch im Anzug funktionieren: „Als Oberbürgermeister muss man die ganze Klaviatur spielen können: von den kleinen bis zu den großen Angelegenheiten“, gibt der Jurist zu verstehen.

Als wir einen provisorischen Bolzplatz passieren, bleibt Nopper stehen. „Hinter meinem Elternhaus in Sonnenberg hatten wir genau so einen Platz mit selbst aufgebauten Holztoren. Irgendwann kam dann das Tiefbauamt und hat sie einfach abgebaut. Das hat uns als Jugendliche natürlich mächtig geärgert“, erinnert er sich. Kurz leuchten seine Augen beim Anblick der Sportgeräte, dann ist Frank Nopper, der Profi, wieder zurück: „Das Amt war natürlich völlig im Recht.“ Sich noch vor Beginn der Amtszeit Feinde beim Amt zu machen, wäre natürlich unklug. Und auch so gar nicht Nopper. 

Dieser Artikel ist aus LIFT 01/21

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