Vor Ort mit Fotograf Ronny Schönebaum in der Stuttgarter Innenstadt

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

In der Serie "Vor Ort" treffen wir spannende Menschen an spannenden Plätzen. In Folge 196 treffen wir LIFT-Fotograf Ronny Schönebaum in der Stuttgarter Innenstadt. Er fotografiert u.a. die Vor-Ort-Serie für's LIFT. Dieses Mal steht er nicht hinter, sondern vor der Linse.

Foto: Ronny Schönebaum

Es ist nicht das erste Mal, dass uns unser Haus- und Hoffotograf in der Stuttgarter City auf seiner Vespa entgegenfährt. Üblicherweise richtet Ronny Schönebaum dann Kamera und Licht auf jemanden, den LIFT interviewt. „Aha, und wie lange machst du das schon?“ So oder so ähnlich befragt er den Menschen vor seiner Linse, während er Porträts aus diesem und jenem Winkel schießt. Heute wird das anders sein, denn heute steht er selbst vor der Kamera – und im Fragenfeuer.

Der Ort seiner Wahl ist sein täglicher Arbeitsort: die Stuttgarter Innenstadt. Stellvertretend dafür ein Straßenzug zwischen Parkhäusern und Gastros. Das nahe gelegene Vegi, ehemals Vegi Voodoo King, sei in den 90ern der einzige Ort in Stuttgart gewesen, wo man vegetarisch essen konnte „ohne vollgelabert zu werden“, so Ronny. Damals musste man sich für solche alternativen Lebensentwürfe noch ganz anders rechtfertigen. Da es sich in der Betonwüste des Straßenrandes schlecht plaudern lässt, verschlägt es uns ein paar Schritte weiter ins Café Tatti. „Stay and see“ ist hier das Motto – passt also perfekt zu Ronnys Beruf und Berufung: People-Watching. „Ich bin eigentlich immer der Beobachter.“

Dass er nun derjenige ist, der unter Beobachtung steht, ist ihm fremd. Und doch strahlt er vollkommene Ruhe aus – er hat ja schon einige Jahre Erfahrung im Metier, wenn auch auf der anderen Seite der Linse. Angefangen hat er – wie wohl die meisten seiner Art – privat. „Anfangs hab ich Abstraktes und Alltägliches fotografiert: Häuser, Natur, viel Schwarz-Weiß.“ 1999 machte er das Hobby zum Beruf. „Da konnte man als Fotograf noch richtig viel verdienen. Ich hab’ aber leider nur assistiert“, sagt er und lacht ganz amüsiert. Alles war analog, die Materialien teuer und nicht jeder konnte den Job machen. „Man war auf Fotografen angewiesen.“

Besonders ein paar Hamburger Fotografen, denen er assistierte, blieben ihm in Erinnerung. „Denen war es egal, ob das Equipment das Beste ist, da ging es um die Stimmung, wie du mit den Leuten umgehst.“ Am liebsten fotografiere er deshalb auch Porträts. Am besten ganz frei und ohne Vorbereitung. „Das Wichtigste ist, dass man einen guten Bezug zu der Person bekommt, die man knipst.“ Dass diese sich wohlfühlt. „Wenn ich jemanden fotografiere, möchte ich etwas über die Person erfahren.“

Etwas, worüber auch gern mal in der Redaktion gewitzelt wird – denn wenn Ronny loslegt, weiß man, dass man am besten Lauscher wie auch Stift spitzt. „Die besten Antworten bekommt immer der Fotograf“, sagt er und schmunzelt. Dabei merkt man schnell: Seine Fragen kommen aus dem Bauch heraus. Mit den Antworten verhält es sich da nicht anders: ehrlich, unaufgeregt, direkt – Ronny eben. An sich sei er kein Freund von Perfektion oder dem „Business“: „Das interessiert mich einfach nicht, es ist total oberflächlich.“ Ob das in der Natur des Berufes liegt? Wohl eher in der Natur des Menschen: „Viele versuchen ihren Job so wichtig wie möglich zu halten, um sich interessant zu machen. Dabei gibt es Dinge auf der Welt, die viel wichtiger sind.“

Musik zum Beispiel. Denn Fotograf zu werden, war gar nicht sein ursprünglicher Plan. Aber mit der Karriere seiner Band – mit ihm an der Gitarre – hatte es beruflich leider nicht geklappt: „Wir waren halt einfach zu schlecht“, sagt er. Spaß macht die Musik ihm aber weiterhin. Daher ist er auch gern – ob beruflich oder privat – auf Konzerten. „Als ich angefangen habe, für LIFT zu arbeiten, habe ich gemerkt, dass die kulturellen Sachen auch interessant zu fotografieren sind.“ Theater, Lesungen, Konzerte – es muss immer mal wieder etwas anderes sein. „Sonst ist man schnell gesättigt.“

Den ersten LIFT-Auftrag erhielt Ronny vom damaligen Chefredakteur Arne Braun – „man kannte sich halt irgendwie“. Ein kurzer Blick ins LIFT-Archiv zeigt: Das war 2001, als das Heft noch zwei Mark kostete und der „beste Selbstinszenator und Entertainer“ Robbie Williams „endlich“ nach Stuttgart kam.

Seitdem hat Ronny zahlreiche Fotos fürs Stadtmagazin geschossen. Die letzten Jahre so gut wie durchgehend für das LIFT-Format „Vor Ort – mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen“. Dabei hat der bekennende Stuttgart-Fan neben so einigen Menschen auch viele unterschiedliche Orte vor der Linse gehabt. Und das, obwohl Stuttgart für ihn alles andere als eine Großstadt ist: „Stuttgart ist ein großes Dorf“, findet er. Er mag diesen Zustand: „So hat man die Motivation, auch mal rauszukommen. Eine Großstadt wie Berlin frisst einen schnell auf.“

Wohnen ließe es sich hier gut, wie Ronny bemerkt. Jeder Stadtteil habe etwas Besonderes. An sich gefallen ihm Lage, Architektur, Optik und auch die Natur. „Wäre Stuttgart am Meer, wäre es wahrscheinlich die beste Stadt Deutschlands.“ Die langen geraden Straßen im Stuttgarter Westen erinnern ihn an San Francisco, die Serpentinen an Italien. „Wenn man sich mit der Stadt auseinandersetzt, findet man immer was Schönes.“ Das gelte auch für die Kultur: „Klar kann man sich langweilen, aber dann ist man selbst schuld.“

Eine durchaus gelassene Einstellung, die sich durch Ronnys Wesen zieht. Das verkörpert er auch, wenn er in der Sonne auf der Vespa sitzt – ob auf dem Weg zum nächsten Fotoshooting oder tiefenentspannt den Selbstauslöser für sein eigenes „Vor Ort“-Foto betätigend. Wenn man ihn so sieht, könnte man meinen, dass ihn nichts aus der Ruhe bringt. Selbst wenn er mal bekanntere Persönlichkeiten vor der Linse hat. Robert Habeck und Cem Özdemir zum Beispiel – oder auch Angela Merkel. „Vor ein paar Jahren in der Speisemeisterei. Das war irgendwie blöd.“ Das lag nicht am Motiv, sondern an den Umständen. „Ich finde es schrecklich, wenn jemand einfach irgendwelche Köpfe nebeneinander setzt und entscheidet: Da muss jetzt ein Foto gemacht werden.“ 15 Minuten später hätte es einen besseren, natürlicheren Moment gegeben, findet der Fotograf.

Ob es nicht frustrierend sei, wenn das Foto nicht so herauskommt, wie man sich das vorgestellt hat? „Nö, ich konnte das in dem Moment nicht beeinflussen. Ich kann es den Leuten anbieten, aber wenn sie es nicht annehmen, dann ist das eben so.“

Welcher „Kopf“ besonders in Erinnerung geblieben ist? Diese Antwort ist ihm eine gediegene Überlegungspause wert. „Keith Flint von The Prodigy“ antwortet er schließlich. Nach einem Konzert in Karlsruhe durfte er in den Backstage-Bereich und plötzlich stand die ganze Band vor ihm: „Der eine mit dem Schampus in der Hand, der andere aß Sushi – Rockstar-Lifestyle eben.“ Der Gegensatz habe ihn beeindruckt: „Auf der Bühne sind die komplett durchgedreht und dahinter waren sie einfach nur nett. Das finde ich als Fotograf so spannend, dass man ein bisschen in den Menschen reinschauen kann.“ Der Kontrast vom Künstler als Figur und im Privaten. „Das ist so toll an der Fotografie: Dass man echte menschliche Momente bekommt.“

Auch die Frage, wen er gerne noch vor die Linse kriegen würde, lässt ihn zögern: „Als Teenager hätte ich bestimmt 100 Leute aufzählen können.“ Schließlich kommt er auf seine – für uns recht überraschende – Antwort: „Doja Cat. Das wäre mega geil.“ Die US-amerikanische Rapperin ist mit Songs wie „Kiss Me More“ und „Woman“ in den Charts unterwegs. „Sie hat einen coolen Style, ist ne interessante Person. Da wäre es super einfach, ein geiles Bild zu kriegen.“ Er nennt ein paar Schauspieler: Al Pacino, Robert De Niro. „Die könntest du direkt aus dem Bett fotografieren und es wäre besonders.“ Leute, die Charisma haben. „Wo ich mit geschlossenen Augen ein Foto machen könnte und weiß, das wird gut.“

Mit seiner Vespa geht es nun aber leider nicht zum Doja Cat-Konzert, sondern zum nächsten Fototermin. Schließlich warten mal wieder einige Stuttgarter Köpfe, Gastros und Straßenzüge darauf, von Ronny geknipst zu werden. 

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