Vor Ort mit Charles C. Urban im Städtischen Lapidarium

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

In der Serie "Vor Ort" treffen wir spannende Menschen an spannenden Plätzen. In Folge 183 treffen wir den Theaterschaffenden Charles C. Urban im Städtischen Lapidarium.

Foto: Ronny Schönebaum

Bei gutem Wetter findet man halb Stuttgart am Marienplatz oder auf der Karlshöhe - zwei Hotspots. Doch wenige wissen, dass genau dazwischen ein kleiner Park voller antikem Charme liegt.

Wir treten ein über den Hintereingang zwischen zwei Stäffele und sind umgeben von Steinbögen, riesigen Vasen und halbnackten Steinfiguren, die fast den Eindruck erwecken, als würden sie sich an den Sonnenstrahlen genauso erfreuen, wie wir. Rechts von uns eine grüne Wiese vollgesprenkelt mit Gänseblümchen, um uns herum lauter steinerne Menschen. Mit seinem luftigen hellgrünen Hemd und der hellgrauen Hose passt Charles C. Urban fast schon zu gut neben die weiß-grünlichen Statuen.

„Ich habe das Lapidarium Anfang der 70er Jahre für mich entdeckt“, erzählt er. „Man vermutet es gar nicht, läuft oft daran vorbei. Es reiht sich eine Villa an die nächste und plötzlich: eine kleine Oase, mitten in der Stadt.“ Nur ganz leicht lässt seine Aussprache – wie der Drall seiner „r“s – vermuten, dass er kein Muttersprachler ist. Urban lebt seit über 50 Jahren in Stuttgart. Er wuchs in den USA in Chicago auf und lernte dann seine Frau auf einer Reise in München während der Olympischen Spiele 1972 kennen. „The rest is history“ – seit jeher ist er Kulturschaffender in Stuttgart.

Das Lapidarium bot ihm dabei schon das ein oder andere Mal eine Bühne. „Für mich ist es der schönste Ort für Freilichttheater in Stuttgart“, erzählt er. Seine Inszenierung von „Das Tagebuch von Adam und Eva“ von Mark Twain hat er noch genau vor Augen. Er fängt an, lebendig zu beschreiben, und malt uns damit ein Bild der Inszenierung: „Während Adam unten auf der Wiese seine morgendliche Yogaübung machte, hat sich Eva Busch um Busch den Hang hinuntergearbeitet.“ Seine Augen folgen der imaginären Eva. „Das ist die tiefste Bühne, die ich je bespielt habe“, freut er sich. Das Lapidarium bot den idealen Hintergrund für das Stück. Das Paradies mitten in Stuttgart.

Über die Jahre war er oft hier und hat bei Führungen geschichtliches Wissen aufgeschnappt: „Früher war das eine private Antikensammlung von Carl von Ostertag-Siegle, seine damalige Villa steht noch nebenan.“ Urban sprudelt fast über vor Fun Facts: Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zur Sammlung Bruchstücke von Stuttgarter Monumenten hinzu. Um 1950 kaufte es die Stadt und machte daraus ein Freilichtmuseum, das heute für alle StuttgarterInnen frei zugänglich ist. Ein geschichtsträchtiger Ort also. Auch für ihn persönlich.

Urban kommt im Sommer oft hierher, liest und lässt sich inspirieren. Für ihn ist der Ort eine Art Glücksbringer, denn die Stücke, die er hier aufgeführt hat, haben seiner Theatergruppe „Neat“ immer Erfolg beim internationalen Theaterfestival „Feats“ gebracht. Auch   dieses Jahr nehmen sie wieder teil. Das englischsprachige „New English American Theatre“ hat er vor 30 Jahren gegründet. Als er nach Stuttgart kam, gab es kaum englischsprachige Kultur. „Das war gut, um Deutsch zu lernen“, lacht er. Doch ohne Internet und Instant Messaging hatte man kaum die Möglichkeit, Verbindungen zur eigenen Kultur und Sprache zu erhalten. Nur das Deutsch-Amerikanische Zentrum bot Filmvorführungen in Originalsprache an, allerdings gab es keine Möglichkeit, selbst aktiv zu werden. Über Beziehungen in die kreative Szene als Musiker einer Big Band kam es 1991 dann zur Gründung von „Neat“. Seitdem ist er meist vor der Bühne als Regisseur aktiv oder schreibt Skripte. Früher nebenberuflich, heute im Ruhestand. Aktuell ist er in vier Projekten involviert und organisiert Stücke für die „Dark Monday“-Serie, immer am ersten Montag im Monat im Kulturzentrum Merlin. Jedes Mal steht etwas anderes auf dem Programm: eine Lesung, ein Theaterstück oder auch mal Musik. Alle vier Wochen eine neue Premiere – und das seit 13 Jahren. Im Juli bringt er mit „Dylanology“ eine musikalische Hommage an Bob Dylan und seine ZeitgenossInnen auf die Bühne. Dafür steht er dann auch selbst auf der Bühne – singend an der Gitarre.

„Als ich herkam, fand ich die Stadt quaint, also ‚niedlich‘ könnte man fast sagen“, antwortet er auf die Frage, wie er Stuttgart wahrnimmt – damals und heute. Es sei gemütlich gewesen, das Gegenteil zum schnelllebigen Chicago, in dem er aufgewachsen ist. „Ein Breath of fresh Air. Alles ist zu Fuß erreichbar, aber alles ist da, was auch eine Großstadt zu bieten hat.“ Ein großer Unterschied zu den USA sei auch der Zugang zur Kultur, denn die ist dort teils sehr elitär und „by the book“ – also klassisch inszeniert. Seine Erfahrung hier: man ist freier, kann experimentieren. „Hier ist Kultur erschwinglich und Teil des Alltags. Kultur ist eben wichtig für die Menschen und die Menschheit. Ich hatte hier immer die Freiheit, mich zu verwirklichen.“

Er kommt ins Schwärmen über all die Bühnen, die er schon bespielt hat, all die Stücke, die er hier inszenieren konnte, ganz nach seinen eigenen Vorstellungen. „Wenn ich es denken kann, kann ich es machen. Und hier habe ich die Möglichkeit, es umzusetzen.“ Er fühlte sich dabei immer vom Stuttgarter Publikum unterstützt, auch bei etwas unkonventionelleren oder unbekannteren Inszenierungen. Eine Lobeshymne an den Kessel: „Ich habe Stuttgart gesucht, ohne es zu kennen. Und Stuttgart hat auf mich gewartet, um endlich mal englischsprachige Kultur zu bekommen“, lacht er. Ein perfektes Match also.

Seit den Siebzigern sei Stuttgart um einiges internationaler geworden. Er erinnert sich an die Eröffnungen des ersten Thailändischen, Afrikanischen, Indischen Restaurants. Diese Vielfalt spiegele sich auch in seiner Theatergruppe wider – er fängt an, aufzuzählen, dass es einem schwindelig werden könnte. „Es gibt eigentlich kaum ein Land, das nicht irgendwann mal bei uns vertreten war“, fasst er zusammen.

Er lacht verlegen auf die Frage, ob er sich noch an das erste Mal erinnert, als er hier im Lapidarium war. „Ja“, er zögert und überwindet sich dann doch. „Meine Frau hat mich hierhergeführt, also damals war sie noch meine Freundin.“ Er war gerade hergezogen und sie zeigten sich gegenseitig neue Orte. „Wir haben uns dann blind durch die Gegend geführt. Irgendwann hieß es: Augen zu und trust“, erinnert er sich zurück. „Als ich hier die Augen aufgemacht habe, war ich überwältigt“, erzählt er verzückt. Seine Begeisterung – für die Stadt, die Kultur, die Freiheit, aber auch für diesen Ort, der für ihn all das repräsentiert – ist ansteckend.

Ein Eichhörnchen flitzt an uns vorbei und springt vom Kopf einer Steinfigur zum nächsten Ast. „Und nichts hat sich geändert. Es ist wie vor 50 Jahren. Stuttgart hat ja wirklich viele Veränderungen erlebt.“ Der Bahnhof, die Straßenzüge, die Ladenpassagen. Während wir sprechen, wird nebenan die Straße aufgerissen – davon bekommt man hinter den Mauern aber nichts mit. „Die Stadt hat sich so gewandelt, aber hier ist alles gleich. Das ist irgendwie beruhigend. Eine Konstante in einer ever-changing Stadt.“ 

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