Vor Ort in den Fellbacher Weinbergen mit Konzeptkünstler OA Krimmel

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

In der Serie "Vor Ort" treffen wir spannende Menschen an spannenden Plätzen. In Folge 184 treffen wir den Konzeptionskünstler OA Krimmel in den Fellbacher Weinbergen.

Foto: Ronny Schönebaum

In Stuttgart stehen ein Fernsehturm, ein Polizeiturm und ein Fernmeldeturm. Immer wieder kann man sie, weit voneinander entfernt, über den grünen Hügeln der Stadt erblicken. Doch aus der richtigen Perspektive, von dort aus, wo wir uns mit dem Künstler, Buchautor und Art-Director OA Krimmel treffen, sieht man sie genau in einer Reihe. Als stünden sie nebeneinander. „Alles ist eben eine Frage der Perspektive“, sagt der Künstler, der mit gebürtigem Namen Oliver-Alexander Krimmel heißt. Wir stehen in den Fellbacher Weinbergen, die Sonne knallt und Krimmel sprudelt nur so vor Ideen für das Foto – eine verrückter als die andere. Er könne von dem Auto springen oder auf einem Pfahl balancieren, sodass man die Türme besser sieht. Am Ende wurde es das Autodach. „Ich bin vor Urzeiten  hier gewesen, bin die Straße runtergeradelt und habe bemerkt, dass unsere drei Türme da auf einmal scheinbar nebeneinanderstehen, was total schickig war.“
Er hat zu allen drei Türmen einen persönlichen Bezug: Krimmel hat das offizielle Buch zum Fernsehturm geschrieben, der 2026 70 Jahre alt wird. Sein Sohn kickt beim Verein an der Waldebene Ost, direkt beim Polizeiturm. Für den Fernmeldeturm plant er eine Lichtinstallation. Den Blick auf die drei Türme hat er bereits im Design einer Streichholzschachtel für den Club „Bravo Charlie“ verewigt. 
Bekannt wurde Oliver Krimmel vor allem durch seine Zusammenarbeit mit der Hip­Hop-Gruppe Die Fantastischen Vier. Für sie hat er deren allererstes Musikvideo gedreht sowie mehrere Albencover gestaltet. 
Nach einer kurzen Autofahrt sitzen wir gemeinsam in einem idyllischen Biergarten nahe der Alten Kelter in Fellbach, wo Krimmels neuestes Werk im Rahmen der Ausstellung „Habitate“ zu betrachten ist. Das Thema: Überlebensräume. Krimmel ist im Bereich der toxischen Habitate, denn er hat eine 3D gedruckte Skulptur kreiert, die an den gefährlichsten Gegenstand der Welt erinnert: den US-Atomkoffer, auch bekannt als Nuclear-Football. „Leider ist dieser aktueller denn je. Trump hatte ja damals auch schon getwittert, dass er den dicksten roten Knopf hätte. Er ist tatsächlich allein berechtigt, einen Atomschlag auszuüben und ihm wird dieser Koffer ständig in Armesreichweite hinterhergetragen, das ist so verrückt“, kritisiert Krimmel. Mit seinem Werk will er auf diese Absurdität hinweisen. 
Uns werden Maultaschen und Schnitzel serviert, zwei Johannisbeer-Schorlen bringen Abkühlung an diesem stechend heißen Tag. Das Gespräch springt von großen Themen bis hin zu Krimmels Lebensgeschichte, wir reden über Kunst, Kultur und über alles, was mit Kreativität zu tun hat. Denn die nimmt einen großen Teil in seinem Leben ein. Krimmel ist Konzeptkünstler, wobei „Creator“ es womöglich noch besser trifft, denn er ist nicht ausschließlich Künstler, Designer oder Autor. „Das Kreieren treibt mich an. Ich erschaffe Dinge – das klingt gleich so religiös-verschwurbelt, aber für mich ist es ganz natürlich. Es ist wie in der Natur. Irgendwo ist ein Samen, die Idee, und daraus wächst ein toller Baum.“ 
Im Laufe des Nachmittags wird klar, dass Krimmel ziemlich viele Bäume wachsen lässt. All seine Projekte aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Mit 17 hatte er seine erste Ausstellung im Württembergischen Kunstverein. Im Laufe seines Lebens umfass­te sein  Schaffen unter anderem vielfach ausgezeichnete Buchprojekte zu Loriot oder Klaus Kinski, hunderte Albumcover, das Naming und Erscheinungsbild verschiedener Clubs und Museen, einen Songkalender und eine Radioshow für SWR1, in welcher er über seine Kunst des Sammelns sprach. 
Eine weitere Leidenschaft des Künstlers. „Sammeln ist eine schlimme Angewohnheit. Das Schöne daran wiederum ist, dass diese ‚Conversation Pieces‘ und die von mir dazu recherchierten Geschichten auch andere Menschen berühren.“, sagt er.
Aktuell arbeitet er an einem Filmkalender, in welchem man jeden Tag mit einem Filmzitat und Hintergrundinfos versorgt wird. „Das ist spannend, weil man viele Fun Facts bekommt. Einige Sachen sind für Nerds, aber auch objektive Fakten sind drin, wie etwa, dass bei ‚Taxi Driver‘ die bekanntesten Sätze improvisiert und beim Dreh erst entstanden sind.“
Was Krimmel zu alldem antreibt, sei Neugierde. „Das hält jung. Auch meine besten Buddies sagen, sie fühlen sich noch genau wie mit Anfang 30 – du hast hier und da Wehwehchen, aber im Kopf bist du noch beweglich.“ Hier helfen ihm auch seine drei Kinder. Und diese Beweglichkeit lässt ihn dann auch Projekte schnell abhaken, die nicht ganz nach Plan liefen. „Ich hatte mal ein Spiel entwickelt, daran zwei Jahre lang gearbeitet. Dann fahr ich an einer Plakatwand vorbei und seh‘ genau dieses Spiel, veröffentlicht von jemand anderem. Fast identisch, zur gleichen Zeit – und es wurde sogar »Spiel des Jahres«“. Heute lacht er darüber. Damals hieß es: Abhaken, an der nächsten Idee weiterarbeiten. Da werde dann schon wieder alles klappen. 
Krimmel ist ein „hoffnungsloser Optimist“, wie er sich selbst bezeichnet. Schwierigkeiten mit dem Schwabenländle und den Menschen hat er deshalb keine – im Gegenteil. Für ihn ist die Region eine „super Homebase“. Er hat sogar ein Stuttgart-Buch geschrieben, weil die Stadt „so eine verkannte Geschichte“ sei. „Wenn du weißt, wie du mit ihnen umgehst, sind auch die meisten Schwaben supernett. Sobald du sie ein bisschen öffnen kannst.“ 
Dabei komme es vor allem auf die eigene Haltung an. „Wenn du zum Bäcker gehst und da ist eine riesige Schlange und alle nerven sich, und du sagst: ‚Super Wetter heute, Mensch, ihre Zimtschnecke sieht ja superlecker aus‘, dann entsteht auch eine ganz andere Energie im Raum.“ 
Dennoch gönnt sich der Künstler auch mal Abstand zum Ländle. Krimmel verbringt seit über 40 Jahren immer wieder längere Zeit gemeinsam mit seiner Frau auf der italienischen Insel Elba. Dort leben sie dann am Fuße eines kleinen Dörfchen, in einem ehemaligen Weinberghaus ohne größeren Komfort aber mit Blick aufs weite Meer. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es für den 57-jährigen nicht. „Arbeit, Leben, Freizeit, das ist alles eine Geschichte.“ 
Die Zeit verfliegt, der Fellbacher Biergarten füllt sich nach und nach. Uns wird Espresso serviert, unsere Gesprächsthemen gehen mehr in die Tiefe. Krimmel interessiert sich für alles im Universum und was die Menschen dort in ihrem kulturellen Kontext geschaffen haben. „Es ist ein crazy Ding, dass wir überhaupt auf diesem Planeten so viel Wundersames erleben dürfen.“ Über den Sinn des Lebens muss er nicht lange grübeln. „Wie Goethe schon sagte – der Sinn des Lebens heißt: leben.“ 
Wie man diesen für sich füllt, sei die eigentliche Frage: Will man Freude bringen, Geld verdienen oder ein bedeutungsvolles Leben ermöglichen – für sich und andere? Das Versteifen auf einzelne Ziele sieht er nicht als sinnstiftend. „Wenn jemand mit 30 Weltmeister geworden ist, weil es das größte Ziel war, was kommt dann? Wird man dann depressiv, weil alles hinter einem liegt? Vielleicht war es ja auch einfach das Ziel, sich und anderen eine erfüllende Zeit zu machen.“ 
Auf Krimmels Unterarm steht „itsanew­day“ tätowiert. Denn: „Einmal geht dieses schief und einem anderen Tag dann jenes, aber das ist okay, dann mach’s halt ab heute anders“, sagt er. Jeder Tag biete die Chance auf eine neue Perspektive. Auf sich selbst, auf das Leben, auf die Zukunft. An manchen Tagen fügt sich vielleicht ein Bild. Und dann stehen auch mal drei Türme in einer Reihe, die eigentlich quer über die Stadt verteilt sind.

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