Augen auf beim Stadtspaziergang

Urbane Kunstwerke, die man erst auf den zweiten Blick erkennt

Text: Nina Scheffel, Fotos: Ronny Schönebaum

Nur ein kleines Loch im Asphalt? Und die Rampe dort begeistert höchstens Skater, die sie als Halfpipe nutzen? Im öffentlichen Stuttgarter Raum findet sich so einiges, was auf den ersten Blick so überhaupt nicht nach Kunst aussieht. Dass es sich dabei tatsächlich um Werke handelt, bei denen sich jemand etwas gedacht hat,  wird oft erst auf den zweiten Blick deutlich. Denn was in einer Galerie ausgestellt wird, ist für BetrachterInnen schon klar definiert: Das ist Kunst. Doch wo ist die „versteckte Kunst“ zu finden?

Direkt  am Schlossplatz, trifft man auf das erste Versteck. Um das geheime Werk zu finden, muss man an der Ecke Bolzstraße/Stauffenbergstraße eventuell etwas gebückt gehen – denn die kleine Kuhle im Boden ist nicht etwa eine Unebenheit im Straßenbau, sondern der sogenannte „Abendstern“ des israelischen Künstlers Micha Ullman von 1996 aus der Reihe „Minimente“.

Hinter dem winzigen Werk verbirgt sich mehr, als man denkt: So funktioniert der Kreis im Boden bei gutem Wetter wie eine Sonnenuhr, bei Regen wiederum wird er zum Spiegel des Himmels.

Doch warum gerade hier? Der Künstler Ullman hat den Kreuzungspunkt zwischen Bolz- und Stauffenbergstraße nicht zufällig gewählt: Beide Straßen sind nach Widerstandskämpfern im Dritten Reich benannt – Ullmanns Eltern mussten als deutsche Juden im Nationalsozialismus fliehen. Neben dem „Abendstern“ hat Ullman weitere Werke aus der Reihe im Stadtraum platziert.

Auffälliger und dennoch oft unentdeckt sind die Lichtstreifen – eine Wandinstallation des österreichischen Lichtkünstlers Nikolaus Koliusis an der Decke des Planie-Tunnels, der unter dem Schlossplatz verläuft. Mit der Lichtröhren-Installation greift er den quadratischen Grundriss des Kunstmuseums Stuttgart auf, das sich direkt oberhalb des Tunnels befindet. Auch Koliusis bezieht sich auf die Umgebung der Kunst und vermischt sein Werk mit dieser. Passend dazu der Titel: „50km/h“.

Es zeigt sich: Versteckte Kunst muss nicht immer klein sein. Das beste Beispiel ist da die Rampe im Hof des LBBW-Forums am Stuttgarter Hauptbahnhof. Das Werk mit dem Titel „Ramp“ des iranischen Künstlers Siah Armajani übernimmt eben diese Funktion. Der Environment-Künstler will die Kunst ins Alltägliche einbauen.

Was aussieht wie ein verwucherter Garten mitten auf dem Pragsattel, ist eigentlich ein Werk im Zeichen des Naturschutzes: Der niederländische Künstler Herman de Vries hat sein „Sanctuarium“ 1993 dort errichtet. Der vermeintliche Gartenzaun ist tatsächlich ein Kreis aus Speeren, der das Gewächs in der Mitte – in diesem Fall stellvertretend für unsere Umwelt – schützen soll. 2018 sorgte der Rückschnitt des Grünzeugs für Empörung, heute  holt  sich die Natur zurück, was ihr gehört.

Für Empörung sorgen auch scheinbare Schmierereien im öffentlichen Raum. Was viele nicht wissen: Der Schriftzug „Stammheim“ an der Wand des Württembergischen Kunstvereins im Oberen Schlossgarten ist ein nicht etwa Vandalismus, sondern Kunst. Neben den weißen Lettern lehnt ein großer aus Beton gegossener Kranz. Das Ganze ist ein Werk des Berliner Objektkünstlers Olaf Metzel, der es im Rahmen der Ausstellung Kunstlandschaft Bundesrepublik 1984 kreierte. Mit dem Verweis auf das Stuttgarter Gefängnis thematisiert Metzel die damals noch deutlich spürbaren Nachwirkungen der RAF-Prozesse ebendort.

Und es warten noch viele weitere Werke darauf, entdeckt zu werden. Also: Augen auf beim Stadtspaziergang! 

Dieser Artikel ist aus LIFT 09/20

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