Toleranz und Tollerei

Text: Petra Xayaphoum, Foto: Dominic Wiese

Partyreihe mit HipHop und Haltung im Schauspiel Stuttgart

 

Die sexistische HipHop-Party ist vorbei? Möchte man meinen, nach dem Hashtag #DeutschRapMeToo, der nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen Rapper Samra aufkam und den Impuls für Reflektion und Empowerment in der Szene gab. Aber mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, auch im HipHop. „In den letzten Jahren hat sich viel zum Positiven verändert. Trotz des Movements gibt’s aber Machisten und Männer, die es immer noch nicht verstehen – und da heißt es Stirn bieten“, berichtet die Stuttgarter HipHop DJ Joy. Immer seltener, aber immer noch zu oft, bekommt sie als Kompliment getarnten Sexismus zu hören: „,Für eine Frau bist du echt gut' oder letztens in einem HipHop Club: ,Als ich gesehen habe, dass eine Frau am DJ-Pult steht, dachte ich, der Abend kann nur scheiße werden – aber du hast mich komplett vom Gegenteil überzeugt'.“ Ja danke auch.

Und mit dieser Meinung steht DJ Joy nicht alleine da: „Zwar wurde ein Umdenken innerhalb der Szene und der Zuhörerschaft, in der sich Frauen gemeinsam stark gemacht haben und ihre erschreckenden Erlebnisse innerhalb der Szene auf Social Media veröffentlichten, durch die #DeutschRapMeToo-Debatte angeregt“, pflichtet Yeva, Musikerin aus Stuttgart, ihr bei. Aber: „Lyrics wie ‚Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt. Ganz normal. Die Zeilen ,Danach landet dann das Sextape im Netz‘ aus dem Song 'Was hast du gedacht' von Gzuz sind leider oft nicht nur geschriebene Worte“, so Yeva. „Auch wenn Sexismus weit über die Strukturen von Deutsch-Rap hinaus reicht, bleibt Deutsch-Rap ein Ort, an dem der Sexismus zelebriert wird.“

Yeva und Joy sind zwei von fünf Artists beim zweiten Date der HipHop-Partyreihe „Toleranz und Tollerei“ made by der Stuttgarter HipHop-Agentur 0711 und dem Schauspiel Stuttgart. Gemeinsam mit den Rapperinnen Haiyiti und Eunique sowie der Hamburger HipHop-DJ Miami Lenz machen sie das Programm komplett: Zuerst gibt’s Live-Konzerte, danach folgt die Aftershowparty. Am Vorabend gibt’s außerdem zur Einstimmung den HipHop-Podcast „All good“ mit Jan Wehn, der einige Überraschungsgäste eingeladen hat, live auf der Bühne im Schauspiel zu sehen und zu hören.

Das Besondere an dieser Ausgabe „Toleranz und Tollerei“: Das Line-up ist all female. „Die Event-Reihe ist aus der Idee, , eine Party mit Haltung zu gestalten und einer ungewöhnlichen Partnerschaft – zwischen einer HipHop Agentur und dem Schauspiel Stuttgart – heraus geboren. Der besondere Ort, die Live-Acts und das Rahmenprogramm machen das Ganze sehr besonders“, so Martin Labacher von 0711. Das Konzept der Partyreihe nähert sich dem Thema Toleranz in all seiner Vielfalt – ob’s nun um die Gleichstellung von Subkultur und sogenannter Hochkultur geht, um Interkulturalität oder um female Empowerment wie bei dieser Edition: „Das ist eine gute Chance und wichtig, um Frauen mehr Möglichkeiten auf eine erfolgreiche Karriere zu bieten, da der Großteil der Branche immer noch von männlichen Künstlern dominiert wird“, findet Yeva.

Dass sämtliche auftretenden Artists weiblich sind, hängen die Veranstalter aber nicht an die große Glocke. Machen, statt reden und stilles Vorbild sein, statt laut die Femwashing-PR-Trommel zu rühren, lautet die Devise. Die Medaille hat in einem woken Umfeld nämlich auch noch eine ganz andere Seite: „Einige Clubs buchen einen nur, weil man weiblicher Artist ist und das eben gut auf Flyern aussieht“, erklärt Joy. Lange war sie als DJane Joy unterwegs, weil man ihr zu ihren Anfangszeiten eingeredet hat, „dass man das so macht als Frau“. Seit Kurzem hat sie das unliebsame „DJane“ abgelegt, das falsch gendert, wo nicht gegendert werden muss, nur, um einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen oder weiblich gelesenen DJs zu machen. „Ich habe das jahrelang hingenommen“, sagt sie und zieht einen Schlussstrich unter die Phase. Die Zeit, die sie während der Corona-Pause in ihr Selbstbewusstsein als weibliche Künstlerin stecken konnte, war ein Game Changer für die DJ.

Die Frage „Wie ist das so als Frau im HipHop?“ können beide Künstlerinnen aber nicht mehr hören: „Wer das fragt, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht“, erklärt Joy und Yeva ergänzt: „Ich hoffe, dass irgendwann der Fokus nicht mehr so stark auf das Geschlecht und ,Female Acts' gelegt werden muss und stattdessen auf der Musik liegen kann – egal, ob weiblich, männlich oder divers.“ Der Sound oft Zukunftsmusik.

Deswegen gibt’s zum Schluss noch ein Shoutout von Yeva an zwei female HipHop-Artists: „Nummer eins geht an Eli Preiss: Trotz schneller Trap-Beats, trägt sie einen bedeutenden Teil zur Girls-support-Girls-Bewegung bei und bleibt dabei locker und authentisch. Frei nach dem Motto: 'Aber warum kann ich nicht tun, was ich will?' Außerdem gibt Verifiziert mit der Zeile 'Hab ganz vergessen wie es ist alleine nachts nach Haus zu gehen' in ihrem Song 'Schlaflos' einen Impuls für das Verständnis wie es sich als Frau lebt. Ihre Inhalte sind generationsnah und mit ihren sphärischen Beats ist sie eine Inspiration für meine eigene Arbeit.“

Toleranz & Tollerei [8.10. 19:30 Uhr; All good Live-Podcast: 7.10.19:30 Uhr, Schauspiel, Oberer Schlossgarten 6, S-Mitte, www.schauspiel-stuttgart.de]

Dieser Artikel ist aus LIFT 10/22

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