Circa 5,3 Millionen Menschen in Deutschland beziehen Bürgergeld, so der Stand im Oktober 2025 von der Bundesagentur für Arbeit. Doch nun soll sich beim Bürgergeld einiges ändern – und zwar nicht nur der Name. Ende Oktober kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz Veränderungen an, die im Frühjahr 2026 bereits in Kraft treten sollen.
Was in Zukunft „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ oder ähnlich heißen wird, soll strengere Regeln mit sich bringen. So sollen Sanktionen verschärft werden: Wer nicht ausreichend kooperiert oder Termine versäumt, muss mit einem niedrigeren Betrag rechnen. Außerdem drohen Kürzungen beim Thema Wohnen: Bisher wurden im ersten Jahr des Leistungsbezugs die volle Summe, also Miete und Nebenkosten, anerkannt. Das könnte bald anders aussehen. Dann würde erst einmal geprüft, ob Miete und Nebenkosten tatsächlich angemessen sind. Ist das Jobcenter der Meinung, dass das nicht der Fall ist, drohen Kürzungen oder Nicht-Übernahme.
Die geplanten Reformen werfen Fragen zur sozialen Gerechtigkeit auf: Wie kann ein System funktionieren, das auf Eigenverantwortung setzt, wenn die strukturellen Voraussetzungen fehlen? Ohne bezahlbaren Wohnraum und ausreichende Unterstützung droht eine Verschärfung sozialer Ungleichheiten. Wohnraum ist in Stuttgart – mehr noch als in anderen großen Städten – teure und rare Ware und dank wirtschaftlicher Rezession und Massenentlassungen, insbesondere in der Industrie, stehen viele Menschen vor großen finanziellen Veränderungen. Was passiert also, wenn Menschen in Stuttgart sich ihre Miete nicht mehr leisten können? Und wo steht die Stadt aktuell beim Thema Wohnungslosigkeit?
„Gerade für Menschen, die Bürgergeld beziehen, gibt es nur eine sehr kleine Auswahl an Wohnungen hier in Stuttgart, die unter der Mietobergrenze liegen“, sagt Schirin Ziesing. Sie ist Straßensozialarbeiterin bei der Ambulanten Hilfe in Stuttgart und bekommt tagtäglich mit, wie sehr sich der fehlende, bezahlbare Wohnraum auf die Menschen auswirkt. „Wir als Ambulante Hilfe schaffen unter anderem selbst Wohnraum und haben über 150 Sozialwohnungen, die wir unter der Mietobergrenze vermieten können.“ Nur reiche das hinten und vorne nicht. „Weil wir in Stuttgart zu wenig bezahlbaren Wohnraum haben, ist das ganze System der Wohnungsnotfallhilfe verstopft“, erklärt sie. „Eigentlich wäre die Aufgabe, Menschen zurück in eigenen Wohnraum zu bringen – aber wir haben schlicht zu wenig Wohnungen, um sie weiterzuvermitteln.“
Das hat zur Folge, dass viele Menschen sehr lange in Wohnheimen bleiben müssen und sich ihre Situationen verschlechtern. Dass nun auch noch Kürzungen und strengere Regeln beim Bürgergeld anstehen, könnte das Ganze zusätzlich verschärfen – nicht nur durch weniger Geld, sondern auch, weil ein Argument für VermieterInnen wegfällt. „Dass das Jobcenter vorher die Wohnkosten übernommen hat, war für viele VermieterInnen eine Art Absicherung. Fällt diese Sicherheit ab 2026 weg, dann leiden BürgergeldempfängerInnen nicht nur unter Stigmatisierung, sondern auch unter der fehlenden finanziellen Garantie“, so Ziesing.
Die Stadt Stuttgart sieht das etwas anders: „Als Effekt der strengeren Regeln ist eher zu erwarten, dass die Beratungsangebote des Jobcenters stärker in Anspruch genommen werden, da ein Fernbleiben bei Einladungen größere finanzielle Auswirkungen hat“, heißt es von der Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Integration, Alexandra Sußmann. "

