Zwischen Sitz-Konzepten und dichten Schotten: Den Clubs geht langsam die Puste aus

Stuttgarts Nightlife am Boden

Text: Petra Xayaphoum, Fotos: Ronny Schönebaum (o.li., u.li, u.re.), Denis Pavlovic (o.re.)

Aus den Augen, aus dem Sinn: Die Spendenaufrufe auf den sozialen Medien gehen gegen Null, die Tageszeitungen haben zwischen Trump und steigenden Infektionszahlen längst anderes zu berichten und DJ-Live-Streams gibt es praktisch keine mehr. Geändert hat sich seit März trotzdem nichts: Der Clubbetrieb ist und bleibt weiterhin untersagt.

„Selbst wir, die in der glücklichen Lage sind, einen Außenbereich zu haben und den mitsamt Club nutzen können, zahlen monatlich drauf“, gibt Sascha Mijailovic (u.li.), einer der beiden Betreiber des Kowalski Clubs, zu bedenken. Jeden Freitag und Samstag lädt man mit der neuen frühabendlichen Reihe „Not Bar not Club not Restaurant“ zu elektronischer Musik, Schorle und Pizza vom Food-Truck – im Sitzen und mit Abstand natürlich.

Auch im Schräglage Club hatte man für zwei neue Sitz-Veranstaltungsreihen die Tanzfläche umdekoriert: Donnerstags hätte Spieleabend angesagt sein sollen, samstags waren lokale DJs geladen, um fürs Sitz-Publikum aufzulegen. Doch dann stiegen die Zahlen immer weiter, die Beschränkungen verschärften sich und man zog die Notbremse: Die aktuellen Umstände ließen solche Veranstaltungen im geschlossenen Raum aus Verantwortlichkeit den Gästen und seinem Team gegenüber nicht zu, erklärt Martin Labacher (u.re.) vom Schräglage Club. „Wenn man sich wie wir strikt an die Regeln hält, dann struggelt man – auch wirtschaftlich.“ Worauf er damit anspielt, bringt Colyn Heinze vom Club Kollektiv auf den Punkt: „Es gibt einige schwarze Schafe in der Stadt, die sich aus Verordnungen nichts machen.“ Das bringt die Regel-Konformen in Erklärungsnot, vergrault den einen oder anderen Gast und treibt die Infektionszahlen hoch, sodass an Regelbetrieb weiterhin nicht zu denken ist.

„Den Zeitpunkt, das Ganze in geregelte Bahnen zu lenken, hat man verpennt“, sagt Sebas-tian Simon (u.mi.) vom Club Lehmann. Gemeinsam mit Mijailovic und Johannes „Strachi“ Strachwitz von der Agentur 0711 hatte er im Sommer ein Öffnungs-Konzept für Clubs entwickelt, das von der Politik zwar positiv aufgenommen wurde, bisher aber noch keine Umsetzung fand. Vielen Leuten ist das wurst, die feiern trotzdem – halt illegal.

Mit ein Grund, warum Laura Halding-Hoppenheit (o.) ihren Kings Club im Exil bis auf Weiteres geschlossen hat: „Die Leute akzeptieren die Regeln nicht, sie möchten tanzen und sich nicht am Eingang registrieren lassen“, beklagt Stuttgarts Club-Urgestein. Und auch Labacher bestätigt: „Wir sehen, was an gewissen Ecken passiert, ohne, dass es geahndet wird.“

Dass sorgfältiger kontrolliert werden muss, darin sind sich alle einig. „Jeder, der meint, gegen Regeln verstoßen zu müssen, zementiert, dass die Clubszene aus der Krise nicht mehr rauskommt“, appelliert Heinze an das Partypublikum. Da kommt die Nachricht, dass die Stelle des Night Mayors beschlossen wurde und im Januar besetzt wird, gerade recht. Er soll in Stuttgart zwischen Politik, Clubs und BürgerInnen vermitteln.

Um wieder mehr Aufmerksamkeit auf die Notlage der Clubs zu lenken, wird am 30. Oktober im Stadtpalais eine „Sperrstunde“ der anderen Art abgehalten: Das Museum verwandelt sich in eine Clubraum-Installation, die 48 Stunden lang mit Performances, Schauspiel, Tanz, Film und elektronischer Musik bespielt wird. Das Ganze wird live gestreamt, analoge Gäste wird es vermutlich keine geben.

Für regelkonforme Nightlife-Durstige empfiehlt sich außerdem der Kurzfilm „Paläste der Sehnsucht“ über den Stillstand im Stuttgarter Nachtleben.              

 

Not Bar not Club not Restaurant [Fr+Sa 18-23 Uhr, Kriegsbergstr. 28, S-Mitte, www.kowalskistuttgart.de]

Paläste der Sehnsucht [www.vimeo.com/462164402]

Sperrstunde Stuttgart [ab 30.10. 18 Uhr, www.facebook.com/stadtpalaisstuttgart]

Dieser Artikel ist aus LIFT 11/20

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