Die Lockerungen kommen, die Gäste nicht

Stuttgarts Gastro kämpft

Text: Petra Xayaphoum, Fotos: Ronny Schönebaum

Der Corona-Kelch ging an keinem unbeschadet vorbei, schon gar nicht an der Gastronomie. Die allmählichen Lockerungen der Beschränkungen geben zwar Hoffnung. Friede, Freude, Eierkuchen sieht aber anders aus: „Viele Betriebe sind in ihrer Existenz bedroht“, fasst Daniel Ohl von der Dehoga die Lage nüchtern zusammen. „Die Gäste zeigen zwar großes Verständnis für die Auflagen, aber wenn den Gastronomen, wie sich bei unserer Umfrage herausgestellt hat, fast 50 Prozent der Sitzplätze wegfallen, dann ist es nicht einfach den Betrieb wirtschaftlich zu führen.“

Rund 2.800 Gastros nahmen an der Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Baden-Württemberg teil, bei etwa 40 Prozent blieb der Umsatz mit weniger als einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr ziemlich überschaubar.

„Jetzt kommt die gefährliche Phase“, sagt Armin Shala von der Schräglage Gastronomie. Das Unternehmen hat das VfB-Club-Restaurant in Bad Cannstatt übernommen und im März eröffnet. Um eine Woche später wieder zuzumachen. „Es kommen nur schleppend Gäste. Der Umsatz ist schwankend, wir können schlecht planen“, schildert er die Situation. Denn selbst wenn keiner kommt, fallen Fix-, Material- und Personalkosten an. Dass keine öffentlichen Fußballspiele abgehalten werden, macht sich bemerkbar. Zwar hat man wie die meisten Lokale zwischenzeitlich einen Lieferdienst eingerichtet, „aber das ist längst nicht lukrativ genug, um uns über Wasser zu halten“, erklärt Shala.

Denn die frisch gekochten Gerichte wollen auch in alle Richtungen des Kessels ausgefahren werden. „Wenn sich die Lockerungen fortsetzen, hören wir mit den Lieferungen auf.“

Ein Gedanke, den Bessem Lamari mit seiner Pinsa Manufaktur im Stuttgarter Westen vorerst nicht anzudenken braucht: Sein Laden ist so klein, dass er die ehemals 55 Plätze auf 18 bis 20 reduzieren müsste. Einen Außenbereich hat das neue Lokal nicht. Lamari hat komplett auf Abolung und Lieferung umgestellt, fünf seiner Mitarbeiter sind immer noch in Kurzarbeit, alles andere ist wirtschaftlich momentan nicht drin.

„Und auch da mussten wir dazulernen“, sagt der Gastronom. „Wir hatten uns auf die Schnelle an unseren Restaurantpreisen orientiert, mussten im Nachhinein aber eine Liefergebühr einführen, sodass es sich überhaupt irgendwie rentiert.“ Allein das Schälchen Öl oder Chili schlägt mit 15 Cent pro Verpackung bei der Monatsabrechnung durchaus zu Buche, Kleinvieh macht auch Mist. Und es sitzt nicht mehr ganz so locker in der Tasche, auch bei den Gästen: „Das Konsumverhalten hat sich verändert, man merkt, dass die Folgen der Kurzarbeit bei den Gästen jetzt verspätet ankommen“, sagt Lamari.

Auch Christian List hat zu kämpfen: Die Esslinger Filiale seines Roten Hirschs hat er kurz nach dem Lockdown komplett dichtgemacht. „Die Mietbelastung war zu hoch, da haben wir die Notbremse gezogen, um die Krise durchzustehen“, erklärt er. „Was weg ist, ist weg.“, so List. Das Geld, das die Gäste in den vergangenen Monaten gespart haben, weil man nicht ausgegangen ist, wird man nun nicht doppelt wieder ausgeben.

Trotzdem sieht er einen Leuchtstreifen am Horizont: „Es geht langsam bergauf. Als vergangenen Donnerstag gutes Wetter war, haben wir im Vergleich zu den vorherigen Tagen doppelten Umsatz gemacht.“

Und wenn jetzt noch das zweite Hilfspaket für die Baden-Württembergische Gastronomie endlich Gestalt annimmt, dann kann man ein bisschen mehr aufatmen, darin sind sich alle einig.

Dieser Artikel ist aus LIFT 07/20

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