Willkommen in Tijuana… äh Stuttgart

Kriminell im Kessel: diese Gangster trifft man in Stuttgart und der Region

Messerstechereien, Handgranaten-Angriffe, Randale und Co. häufen sich in und um die Landeshauptstadt – wird das Ländle zum neuen Tijuana? LIFT nimmt die härtesten Gangster-Clans in Stuttgart und der Region unter die Lupe.

Foto: Lukas Eggert

Monstera-Wurf-Clan in Süd

Der Clan uniformiert sich in Haremshosen und Fifth-Hand-Shirts aus feiner Baumwolle, denn die mit Weleda eingecremten Ärmchen müssen für den Kampf gegen die Nicht-Akademiker-Kinder geschont werden. Eingedeckt mit Jutebeuteln voller Monstera-Wurfgeschossen formiert sich der Clan auf dem Marienplatz, wo auch Regelzeit-Studierende schnell das Weite suchen sollten. Auf dem Weg zum Hafermilch-Kongress hat der Anführer Tommy Shellbienchen erfahren, dass ein Mitglied der verfeindeten Kaktus-Bande schlecht über seine Drehtabakmarke gesprochen hat. Ihm brennen alle Sicherungen durch: „Ich meditier den in die Hölle!“, ruft er.

Shoppingtüten-Klopper in Mitte

Berühmt-berüchtigt bis über die Landesgrenzen sind sie, die top gestylten Stuttgarter Shoppingtüten-Klopper, die sowohl im Heimspiel als auch auswärts eine solide Einkaufsleistung einfahren. Während sich anonyme Shopaholics für die monatliche Kontoüberziehung schämen, ziehen die Tüten-Klopper mit stolz geschwellter Brust durch Stuttgarts Innenstadt, sorgen für Rekordumsätze und kämpfen gegen das Ladensterben. Sie leben für verkaufsoffene Sonntage und feiern jeden Schlussverkauf. Ihr Motto: „I say shoppen, we say kloppen.“ Mit vier Tüten am Arm wird in Cliquen der Einzelhandel gestürmt, langsame EinkäuferInnen zur Kasse gedrängt oder durch choreografiertes Tüten-Schwingen zu höheren Einkaufssummen bewegt. Gekloppt wird allerdings nur als letztes Mittel, schließlich will man sich den Fummel nicht ruinieren.

Lastenrad-Rambos in West

Kommen hört man sie nie, denn die fetten Bikes mit Elektro-Motor sausen geräuschlos durchs Viertel. Der Lastenkorb, vollgepackt mit Hund, drei Jutebeuteln und diversen Kindern, wird kurzerhand zum Rammbock umfunktioniert. Verbissen wird gegen SUVs und andere Feinstaubschleudern in die Pedale getreten – böse Blicke und aggressives Klingeln sind die Kriegsmittel der Wahl. Ohne Rücksicht auf Verluste geht’s auf dem Öko-Highway vom Waldorfkindergarten über den Biomarkt zum Waldspielplatz. „Ruben, bitte hau die Friederike-Greta doch nicht ganz so fest.“ Nicht umsonst werden die Mitglieder der skrupellosen Öko-Dynastie in Kennerkreisen auch „Sons of Antiauthority“ genannt.

Leihwagen-Casanovas in Zuffenhausen

Ein Leben im Einklang mit der Theodor-Heuss-Straße: Die Leihwagen-Casanovas aus Zuffe lieben das Aufheulen ihrer V8-Motoren. Dafür wird auch mal gerne in einer 0,5-Zimmerwohnung gelebt, Hauptsache die Karre stimmt. Arm aus dem Fenster, Sonnenbrille auf dem Hinterkopf und die Seiten frisch rasiert – Life can be sweet. Dafür tritt man auch gerne mal Doppelschichten am Porsche-Band an, Hauptsache die Ladies machen Augen beim Vorbeifahren. Gangsta-Rap und Nikotin sind treue Begleiter der friedliebendsten Gang der Stadt. „Digga, wir wollen nur cruisen, catcallen und den ein oder anderen Opel Corsa in die Schranken weisen“, zeigt sich Gangführer Mark von seiner sanften Seite. In privaten Kreisen trägt er den Spitznamen „Laufende Apotheke“. Was das wohl bedeutet?

Schampus-Schuss-Gangster am Killesberg

Nachts, halb drei auf dem Killesberg. Eine Gruppe in Reih und Glied. Sie tragen Steppjacke, Poloshirt und zurückgeföhnte Haare. „Komisch, von Uniform stand gar nichts in der Einladungsmail“, denkt sich Lisa-Marie, während ihr eine Schampus Flasche und eine Schärpe mit dem Aufdruck „Save Water. Drink Champagne“ überreicht wird. Jetzt geht alles ganz schnell, Anführer Karl Alexander tritt nach vorn. Alle schütteln ihre Flaschen, er hebt den rechten Arm und gibt drei Schüsse mit einer Schreckschuss-Pistole ab. Das war das Zeichen – unzählige Korken knallen durch den nächtlichen Himmel, während die Meute feierlich verkündet: „Ruinart, Veuve Clicquot und Pommery – gegen Harzer und Sozialdemokratie“.

Krautkopf-Ultras auf den Fildern

„Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken“ – Krautschnaps und Krautschupfnudeln gehören zur Grundausrüstung der Krautkopf-Ultras. Während die Ultras, vor denen man sich vor allem auf der Filderebene in Acht nehmen muss, das Jahr über die Füße stillhalten, geht’s Mitte Oktober richtig ab. Denn dann werden nicht nur die Spitzkrautköpfe auf dem Feld geerntet, in Leinfelden-Echterdingen huldigen die Ultras ihrem Kampf-Gemüse beim Krautfest, Deutschlands größter Krauthocketse aka inoffizielles Clan-Treffen. Beim Wett-Krauthobeln wird der oder die neue AnführerIn und damit KrauthobelweltmeisterIn ermittelt. Und wehe dem, der sich mit dem Krautkönigspaar anlegt – Spitzkraut macht nämlich  auch als Wurfgeschoss was her. Erkennungsmerkmal im Rest des Jahres: Die Krautkopf-Ultras haben immer einen Kübel Sauerkraut im Vorratsschrank und schon im Januar alle Termine im Oktober geblockt.

Zwiebel-Randalen in Esslingen

„Ich hab‘ ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin Randaleee“, lautet die Vereinshymne der aufmüpfigen Ess­-linger Zwiebel-AnhängerInnen, die gar nicht daran denken, ihren Namen zu ändern, auch wenn ihr heiligster Feiertag nun gar nicht mehr Zwiebelfest, sondern Estival heißt. Zur jährlichen Hocketse geht man natürlich trotzdem – und zwar im Zwiebel-Look. Den neuesten Klatsch erfahren die AnhängerInnen aus dem Zwiebel-Blatt (kein Spaß, das gibt’s wirklich) oder beim wöchentlichen Stammtisch in der zentralen Weinstube Zwiebel, in der man selbst schuld ist, wenn man nicht den Zwiebelrostbraten bestellt. Ob auch die Randalen ihren Namen vom Teufel, der in eine Zwiebel, statt den sauren Apfel biss, erhalten haben ist nicht überliefert. Jedenfalls ist mit den Randalen nicht gut Zwiebeln essen, denn sie bringen einen auch ganz schnell mal zum Weinen…

Stocherkahn-Raudis in Tübingen

Die Fönwelle wippt im Wind, der Kasten Bier steht kalt – barfuß nimmt Justus, der im dritten Semester Jura in Tübingen studiert, den Weg zum privaten Anleger der Studi-Verbindung  am Neckar. Mit einem kühlen Blonden und einer Blonden im Arm lässt­ er sich auf den Stocherkahn sinken. Die Verbindungskollegen Antonius, Mauritz und Konradin folgen mit hochgestellten Krägen und einer Musik-Box, aus der „Layla“ von DJ Robin dröhnt. Die ersten Kronkorken klacken, während sich die grölende Meute auf dem Kahn über den Fluss bewegt und anzügliche Witze raushaut. Noch ist es ruhig, ihr wahres Gesicht zeigen die Raudis erst, wenn das jährliche Tübinger Stocherkahnrennen auf dem Neckar beginnt. Mit bunten Kostümen maskiert schreien Mauritz und Konradin ihrem Kollegen dann zu: „Los Justus, mach die Wallawalla-Hippies kalt“, während sie mit ihrem Kahn nebenan vorbeiziehen.

Mehr Storys, Tipps und News aus Stuttgart in der Ausgabe LIFT 07/23

Den ganzen Artikel gibt’s in der Ausgabe LIFT 07/23
LIFT im Juli 2023

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