Die Stadt der Einsamen?

Stuttgart muss was gegen Einsamkeit tun

In Stuttgart fühlen sich rund 58.000 Menschen einsam. Die Kampagne "GemEINSAMkeiten" der Stadt Stuttgart informiert über Anlaufstellen und will das Thema enttabuisieren.

Foto: AdobeStock/Jorm Sangsorn

Die Corona-Pandemie und damit verbundene Einschränkungen, Kontakt- und Ausgangssperren haben für eine Vielzahl der Menschen im Land den Alltag auf den Kopf gestellt. Während die ein oder anderen aus dem Lockdown rückblickend auch positive Erfahrungen mitgenommen haben – durch Entschleunigung des Alltags, mehr Zeit mit Familie oder in der Natur – ist bei den meisten vor allem eines vermehrt aufgetreten: das Gefühl der Einsamkeit.

„Durch Corona fing die Einsamkeitsforschung erst richtig an“, erklärt Gabriele Reichhardt, Leiterin der Abteilung strategische Sozialplanung Stuttgart, die angedockt ist an das Referat für Soziales, Gesundheit und Integration. Eine Abteilung die ebenfalls erst 2022 ins Leben gerufen wurde. „Wir hatten das Glück, dass es da bereits erste wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema Einsamkeit gab und mit der Auseinandersetzung des Themas wurde schnell deutlich, dass es kein punktuelles Problem ist, sondern ein gesellschaftliches.“ Der Sozial- und Gesundheitsausschuss war, so Reichhardt, während der Pandemie sehr besorgt. Insbesondere über die ältere Generation, die durch Ausgeh- und Besuchsvorgaben noch stärker isoliert war. „Auf einmal wurde allen bewusst, wie wichtig Begegnung ist. Und wie sehr sie fehlt.“

Denn das Schlimme an Einsamkeit ist, dass sie sich so schmerzhaft anfühlen kann. Und, dass sie weitreichende Folgen für die psychische und physische Gesundheit hat: Wer chronisch einsam ist, hat ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Angststörungen und Depressionen. Studien zeigen, dass Einsamkeit ebenso gesundheitsschädlich ist, wie der Konsum von 15 Zigaretten täglich – und sogar doppelt so schädlich wie Adipositas.

Der Gemeinderat Stuttgart legte also 2021 das Thema Einsamkeit als sozialpolitisches Handlungsfeld der Abteilung strategische Sozialplanung fest. Das statistische Amt der Stadt Stuttgart erhob die zughörige repräsentative „Stuttgart-Umfrage“. Mit überraschenden Ergebnissen. Bereits diese erste Datenerhebung führte auf, dass Einsamkeit nicht nur die Älteren betrifft, sondern ein Problem der gesamten Gesellschaft darstellt, das sich durch alle Altersgruppen zieht. Deutlich wurden zudem drei Zielgruppen, die besonders betroffen sind: Menschen mit Migrationshintergrund, mit schlechter Gesundheit und die mit wenig Geld, also einem monatlichen Einkommen von unter 2.000 Euro. „Einsamkeit ist ein sehr multifaktorielles Geflecht aus verschiedenen Auslösern, individueller Verfasstheit und auch räumlichen Strukturen. Für alle drei Gruppen sind daher auch städtebauliche Strukturen sehr wichtig, also Orte, wo man sich einfach treffen kann“, erklärt Reichhardt. „Bänke, Spielplätze, solche Treffpunkte. Wir versuchen auch die sozialen Treffpunkte, die Stadtteilzentren zu aktivieren und auf die Problematik hinzuweisen.“

Das ist nur ein kleiner Teil der „Strategie gegen Einsamkeit“, die Reichhardt 2022 für Stuttgart – als bundesweit erste Kommune – mit ihrer Abteilung ins Leben gerufen hat. „Als wir uns die Zahlen angesehen haben, haben wir gleichzeitig eine Analyse der Stuttgarter Angebotsstruktur vorgenommen und geschaut, welche Angebote sich eignen könnten, um Einsamkeit entweder präventiv zu verhindern oder zu bekämpfen“, so Reinhardt. Aus den anfänglichen 40 Partnern, bestehend aus eigenen Ämtern wie dem Sportamt, Gesundheitsamt oder der Abteilung für Integrationspolitik sowie dem Jobcenter und der Liga der Wohlfahrtspflege, sind inzwischen über 420 geworden. Und die setzten sich aus den unterschiedlichsten Akteuren zusammen: Von Sportvereinen und Initiativen über Beratungsstellen und die Telefonseelsorge, bis hin zu kleinen Tanzevents oder Café-Treffs.

Ziele der Strategie bestehen darin, zu entstigmatisieren, enttabuisieren und mehr über das Thema Einsamkeit zu sprechen. „Wir wollten es mehr in die Öffentlichkeit rücken und so viele gesellschaftliche Bereiche wie möglich erreichen, also Sport, Kultur, Soziales. Und gleichermaßen so viele PartnerInnen, die Angebote gegen Einsamkeit gestalten, wie möglich erreichen.“ Der enorme Anstieg der Beteiligten scheint nötig zu sein: Die Auswertung der aktuellen Stuttgart-Umfrage aus dem Jahr 2023 – die Daten werden alle zwei Jahre erhoben, die nächste Umfrage erfolgt diesen Sommer – ergab, dass sich in Stuttgart allein 11,6 Prozent der Befragten ab 16 Jahren einsam fühlen. Somit sind 58.000 Menschen in der Stadt von Einsamkeit betroffen.

Um also Angebote und Hilfestellung an die StuttgarterInnen zu tragen und einen weiteren Anstieg zu vermeiden, ist Öffentlichkeitsarbeit ein essenzieller Teil der Strategie. Reichhardt und ihr Team aus drei weiteren Leuten merkten schnell: Je offensiver sie Öffentlichkeitsarbeit machen, desto mehr Rückmeldung erreicht sie. Unter dem Stichwort „GemEINSAMkeiten“ wurden überall in der Stadt Bilder und Plakate aufgehängt, Anzeigen wurden auf Social Media geschalten. Wer die Motive sieht, soll dazu ermuntert werden, auf die Website zu gehen, aktiv zu werden, sich Unterstützung und Hilfe zu holen. Dort gibt es Angebote, Vernetzungsmöglichkeiten, Beratungsstellen, die Telefonseelsorge, Stadtteilhäuser und Infos zu allen Angeboten und PartnerInnen. „Die Seite soll aufklären, aber sie soll auch Hinweise geben, an wen man sich wenden kann.“

Etwas gegen Einsamkeit zu tun, hilft nicht nur Einzelnen, es könnte sogar die Demokratie stärken. Denn Menschen, die sich isoliert fühlen, verlieren oft das Vertrauen in staatliche Institutionen und beteiligen sich seltener am politischen Geschehen. Das ist besonders gefährlich, wenn man einen Blick auf die Zukunft – die jüngeren Generationen – wirft. Die Untersuchung der Bundesregierung zum Thema, das sogenannte Einsamkeitsbarometer, zeigt, dass während Corona die Einsamkeitsbelastung bei allen Altersgruppen sehr hoch war, die ältere Generation jetzt aber wieder auf dem Niveau von zuvor ist. Gerade bei den 18 bis 27-Jährigen aber bleibt eine höhere Einsamkeitsbelastung. „Das ist, wenn man in Richtung Demokratiestärkung denkt, eine hohe Belastung für unsere Gesellschaft,“ so Reichhardt. „Ich glaube, wir wissen inzwischen alle, dass wir Gruppen brauchen, die mithelfen die Kommunen zu stärken, das ganze Land stärken. Und wenn sich viele junge Leute jetzt schon zurückziehen, dann ist ganz wichtig, da andere Impulse zu setzen.“

Es ist also auf jeden Fall ein Thema, das langfristig verfolgt werden muss. Und das auch von der Bundesregierung als so relevant und prägend für die Gesellschaft anerkannt wurde, dass es wieder in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde.

Aber wie kann man selbst auf individueller Ebene gegen Vereinsamung vorgehen? „Der eine wichtige Punkt ist natürlich Selbstfürsorge. Zu merken, wenn ich mit meinen Beziehungen, entweder mit der Anzahl oder mit der sozialen Qualität, nicht mehr zufrieden bin. Heißt, wenn ich mich einsam fühle, dann aktiv zu werden, und zwar so früh wie möglich.“ Dafür gibt es verschiedene Wege, vom Volkshochschulkurs über ganz niederschwellige Angebote wie Sport am Park, einen Anruf bei einer Beratungsstelle oder der Telefonseelsorge. „Und der zweite Punkt ist ein Stück weit einen Blick zu haben, was um einen herum passiert. Das kann ganz einfach sein, dass man mal die Nachbarin fragt, ob sie ein Stück spazieren will oder man zusammen Kuchen isst. Kann aber auch bei Freundschaften in die Richtung gehen, dass man fragt, warum sich jemand immer stärker zurückzieht.“

Den Weg aus der Einsamkeit heraus muss letztendlich jede und jeder selbst gehen. Die Unterstützung von außen macht ihn allerdings weniger steil und steinig. „Wir können Gemeinsamkeit nicht verordnen, sondern wir müssen Orte, Wege, Optionen suchen, wo die Menschen so ein bisschen andocken können. An Orten, wo sie gerne hingehen, wo sie sich wohl fühlen. Denn das schöne Gegenstück der Einsamkeit ist ja wirklich Gemeinsamkeit.“           

 

Gemeinsam gegen Einsamkeit [www.stuttgart.de/gemeinsam]

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