Deutschlands erste self-exploring Weinbar hat es sich im Stuttgarter Süden gemütlich gemacht

Sitt Weinbar & Shop

Einmal aufs Knöpfchen drücken und lostrinken – Text: Petra Xayaphoum, Fotos: Ronny Schönebaum

In Sachen Wein hat sich Stuttgart längst den Stock aus dem Arsch gezogen: Formate wie das Urban Winetasting, bei dem Moritz Haidle seine neuen Tropfen bei HipHop-Beats im Club Schräglage vorstellt (nächste Runde am 24.10.), freshe Weinlinien wie die Kesselliebe-Weine vom Remstaler Jungwinzer Christoph Kern und unprätentiöse Weinhändler wie der Wein-Moment-Shop des Geschwisterpaars Mona und Anna-Lisa Wenzler im Stuttgarter Süden zeigen, dass Vino und Zugänglichkeit sich nicht widersprechen.

Aber das hat bisher noch keiner gewagt: Wein per Knopfdruck aus dem Hahn. „Was zum Geier...?!“ möchte man erst schreien und es direkt wieder zurücknehmen, denn das Prinzip von Sitt, Stuttgarts ers-ter „self-exploring Weinbar“, wie die beiden Macher Nicolas Sigloch (re.) und Florian Groetzner (li.) ihren Laden im Stuttgarter Süden beschreiben, ist gut durchdacht: 100 unterschiedliche Weine sind in fünf Klimakühlschränken ihrer Wohlfühltemperatur entsprechend eingelagert und kommen via sogenanntem By-the-Glass-System per Knopfdruck aus einem kleinen Hahn direkt ins Probierglas.

„Wir wollen einfach das ganze Elitäre aus dem Weinbusiness rausnehmen“, erklärt Nico Sigloch seine Intention. Er kommt selbst aus der Branche, hat Weinbetreibswirtschaft studiert und jahrelang für verschiedene Firmen aus dem Getränkebusiness gearbeitet. Im Zuge eines Praktikums für einen Weindispenser-Hersteller vor elf Jahren kam ihm auch die Idee zur Weinbar mit Knöpfchen. Den letzten Schubser zur Verwirklichung gab ihm dann die Umsetzung ähnlicher Konzepte in Ländern wie Vietnam und den Niederlanden.

Kurzerhand hat er seinen Kumpel Florian Groetzner – IT-Spezialist und „der Mann fürs Technische“ bei Sitt – an Bord geholt und den Mietvertrag in der Tübinger Straße unterschrieben.

Nicolas Sigloch (re.) und Florian Groetzner (li.)

Dass ihnen vor der Eröffnung der Lockdown dazwischenkam, sehen die beiden mehr oder weniger locker: „So hatten wir mehr Zeit uns ums Innere zu kümmern.“ Handgefertigte Holzmöbel aus Indien, Industrial-Dekoelemente, Kunst vom Fellbacher Maler Jürgen Schwartz und natürlich die Grundsanierung lassen einen schnell vergessen, dass hier zuvor die Abschuss-Kneipe Prime ihr Unwesen getreiben hat.

Doch wie funktioniert das Ganze nun genau? „Man lädt sich zu Beginn eine Karte mit seinem Wunschbetrag auf“, erklärt der Mann fürs Technische. „Die kann man dann in den entsprechenden Kühlschrank einstecken und sich vom gewünschten Wein zum angegebenen Preis 25, 75 oder 150ml rauslassen.“ Damit man nicht schnell unter der Bank liegt, werden Käse- und Salamiplatten zum Wein serviert.

Neben Local Heroes wie der KSK Vintage Winery aus Rohracker findet man unter den von Sigloch persönlich ausgesuchten Vinos im, sagen wir, „Kuriositätenkühlschrank“, auch Besonderheiten wie ein Tropfen vom Promi-Weingut Château Miraval in der Provence (Brangelina!) oder vom Weinlabel Treasury Wine Estates. Deren Flaschenettiketten erwachen via Augmented Reality zum Leben und erzählen bildhaft von den „19 Crimes“, für die man in den 1780ern auf der Strafgefangeneninsel Neuseeland einsitzen musste.

Sämtliche Weine, die einem gemundet haben, kann man übrigens zum Online-Preis plus etwa einem Euro Aufschlag für Zuhause erwerben. 

 

Sitt Weinbar & Shop [Tübinger Str. 91, S-Süd, Tel. 0711/50 47 58 90, Mo-Do 15-22, Fr+Sa 12-0 Uhr, www.facebook.com/sittwein]

Dieser Artikel ist aus LIFT 09/20

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