Schwarzsehen ist keine Lösung

Dinge, die in Stuttgart schon ganz schön gut laufen

Stuttgart-Bashing war gestern: Auch, wenn im Kessel nicht immer alles rund läuft – hier sind ein paar Vorzeigeprojekte!

Foto: Ronny Schönebaum, Illustration: Lena Hasse

0711 = Innovations-Hotspot

Stuttgart ist definitiv nicht perfekt. Und hat in vielen Bereichen noch Aufholbedarf gegenüber anderen deutschen Städten. Aber: Während die einen nur über die Stadt meckern, gibt es viele engagierte Stuttgarter­-Innen, die wirkliche Veränderung schaffen und mit Innovationen auf das schwäbische Bruddeln reagieren. Wir haben Beispiele – oft im Kleinen – gesammelt.

Zum Beispiel die Mitglieder des Vereins Adapter. Sie nutzen temporären gewerblichen Leerstand, um neue gemeinschaftliche Wohnformen zu erproben. Das gebaute System erwies sich in der ehemaligen Neckarspinnerei in Wendlingen als Erfolg – und ist nun auf der Suche nach neuen Flächen.

Dass auch die Stadt selbst bemüht ist, Probleme anzugehen, geht öfter mal unter. Unter dem Ansatz „Stadt als Campus“ will Stuttgart Innovationen aktiv in den Stadtraum holen. Und einen Ort schaffen, der Wissenschaft, Arbeit und Stadtentwicklung zusammen denkt. Denn bisher fehlen vielerorts bezahlbare Flächen für junge Unternehmen und internationale Talente wandern wieder ab. Das soll sich ändern. Und es wurden auch schon erste Impulse gesetzt – mit der Konzeptstudie „Innovationscampus plus" und dem Versuch, Innovationsquartiere als reale Stadträume zu entwickeln. Diese hybriden Stadträume sollen die bisher stark separierten Orte von Forschung (etwa Campus Vaihingen) und Stadt (Innenstadt, Wohnquartiere) zusammenführen.

Auch bei der Digitalisierung geht’s in der Landeshauptstadt (langsam aber sicher) voran: Stuttgart gehört im Bereich der Verwaltungsdigitalisierung zu den führenden Städten in Deutschland. Laut einer aktuellen Studie der Gisma University belegt die Landeshauptstadt Platz drei unter den zwanzig größten Städten – nur Frankfurt und Nürnberg schneiden besser ab. Positiv fällt ins Gewicht, dass inzwischen zahlreiche Behördengänge, wie etwa die Wohnsitzummeldung, online erledigt werden können. Auch die Ausländerbehörde geht mit einem neuen digitalen Antragsmanagement sowie mehrsprachigen Onlineformularen einen Schritt in Richtung BürgerInnenfreundlichkeit. Dass in Stuttgart hinter den Kulissen von Behörden, Firmen und Privatpersonen an diversen Problemen gearbeitet wird, lässt sich auch beim Stuttgarter Innovationspreis beobachten, der im Oktober wieder vergeben wird: Unter anderem eine Medizinisch zertifizierte Plattform für KI-automatisierte Therapiepläne oder ein alternatives Styropor stehen zur Wahl.

Eine Stadt voller SportsfreundInnen

Wer bei Stuttgart und Sport nur an den VfB denkt, denkt zu kurz. Denn: Das sportliche Angebot im Kessel kann sich wirklich sehen lassen. Schon mal was von Stuttgart Surge oder den Stuttgart Rebels gehört? Beide hechten in voller Schutzmontur und Helm einem kleinen runden Ding hinterher – die einen auf dem Rasen, die anderen auf dem Eis. Die Stuttgart Surge spielen American Football, und das ziemlich erfolgreich. Im Moment sind sie auf dem besten Weg das ELF European Championship Game zu gewinnen und bei den Spielen im Gazi-Stadion auf der Waldau wird ordentlich eingeheizt. Wenn die BesucherInnen zu einem Spiel von den Rebels kommen, wird’s eher eisig. Das Eishockeyteam spielt derzeit in der Oberliga Süd. Ende August beginnt die neue Saison und der ganze Kessel bibbert mit.

Und auch, wenn die Damenmannschaft Vol­ley­ball beim MTV Stuttgart keinen coolen Team-Namen hat, können sie doch einiges vorweisen. Seit 2019 holten sie quasi durchgehend den Deutschen Meistertitel nach Stuttgart und sind bereits einige Male Pokalsieger geworden. Da kann dann auch der bes­te Name nicht mithalten.

Ganz ohne Ball, aber dafür mit viel Körperspannung und Kraft am Barren, auf der Matte und in der Luft ziehen die Turnerinnen des MTV eiskalt durch. Bereits seit 2012 bleibt das Team deutschlandweit ungeschlagen. 15 Meis­tertitel? In Folge? Davon kann Sebastian Hoeneß nur träumen.

Aber auch für Normalos ist einiges geboten. Wer im Sommer gerne draußen sportelt, wird bei Sport im Park fündig. Von Mai bis September organisiert die Stadt über 80 Sportangebote im Freien – und das alles kostenlos und für jede Altersgruppe.

Das ganze Jahr über kann man sich auch bei einem der über 400 Sportvereine in der Stadt auspowern. Und da ist wirklich für jeden was dabei: Das Angebot reicht von Schach und Fechten über Biathlon, Schwimmen und Yoga bis hin zu Hobby Horsing und Eisklettern. Eine gute Übersicht findet man auf der Webseite der Stadt Stuttgart.

Und die denkt auch Menschen mit Beeinträchtigungen mit. So gibt es eine eigene Blindenfußballmannschaft, Sitzvolleyball und Rollstuhlbasketball. Eine gute Anlaufstelle ist der Württembergische Behinderten- und Rehabilitationssportverband.

Das S in Stuttgart steht für Sozial

Das Projekt Housing First Stuttgart vermittelt Wohnungen mit unbefristeten Mietverträgen an obdach- oder wohnungslose Personen. Das sechsköpfige Team bestehend aus drei Sozialarbeiterinnen, zwei Wohnhelfenden und einem Wohnungsscout hat seit Projektstart im Mai 2022 ganze 30 Wohnungen vermittelt, wodurch 46 Personen ein neues Zuhause gefunden haben. Für den nächsten Doppelhaushalt wurde bereits ein Fortführungs-Antrag bei der Stadt eingereicht, die Entscheidung erfolgt Ende 2025. Hoffentlich die richtige, denn das Interesse der KlientInnen ist hoch: Im Juni 2025 haben sich 225 Interessenten gemeldet.

Die Initiative SilberPfoten, eine Nachbarschaftshilfe für SeniorInnen und ihre Tiere, startete in Stuttgart und ist mittlerweile in etlichen Regionen in Baden-Württemberg und darüber hinaus aktiv. Und nicht nur das, sie ist auch dreifach ausgezeichnet: mit dem Deutschen Tierschutzpreis, dem Deutschen Engagementpreis und dem Tierschutzpreis Baden-Württemberg. Seit der Gründung unter dem Dach des Tierschutzvereins Stuttgart im September 2014 ist die Anzahl der Mitwirkenden von ein paar Ehrenamtlichen auf 7.000 regis­trierte HelferInnen gestiegen (Stand Juni 2025). Gerade für alleinstehende ältere Personen ist ein Tier ein wichtiger Sozialpartner, von dem sie sich oft, aufgrund von alters- oder gesundheitsbedingten Einschränkungen trennen müssen. Hier greifen HelferInnen aus der Nachbarschaft unter die Arme: Durch Gassi gehen, Hilfe bei der Pflege, Tierarztfahrten oder dem Besorgen von Futter.

Der Verein Anna Haag Mehrgenerationenhaus ist seit mehr als 70 Jahren Träger und Betreiber des Anna-Haag-Hauses in Bad Cannstatt, dem ältesten Mehrgenerationenhaus Deutschlands. Die Ursprungsidee ist, eine große Familie, bestehend aus mehreren Generationen, in einem Haus zusammen zu führen, um sich gegenseitig zu helfen und voneinander zu lernen. Mittlerweile sind im Cannstatter Stammhaus sogar eine Bildungsstätte, ein Seniorenzentrum und zwei Kindertagesstätten angesiedelt. In der Bildungsstätte werden Abgänger­Innen von Förder- oder Sonderschulen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, das Seniorenzentrum aus überschaubaren Wohngruppen beherbergt 84 Personen und die beiden Kitas bieten eine Ganztagesbetreuung für 125 Kinder ab drei Monaten bis hin zum Einschul-Alter. Durch Inklusion und das gemeinsame Miteinander von Jung und Alt, ist es ein echtes Vorzeigeprojekt im Ländle.

Die Idee für die Vesperkirche kam 1995 von Diakoniepfarrer Martin Friz, der in der Leonhardskirche in der Stuttgarter Innenstadt einen Ort zu schaffen wollte, an dem Menschen zusammenkommen. Am 21. Januar 1995 öffnete die Vesperkirche zum ersten Mal ihre Türen und bot 200 Plätze und Maultaschen für Obdachlose, Suchtkranke und Sexarbeiter­Innen – Menschen, die sich sonst eher nicht in Kirchen willkommen fühlen. Letztes Jahr feierte das Projekt 30-jähriges Bestehen. Heute suchen täglich bis zu 800 Menschen das Angebot auf, bestehend aus warmen Mahlzeiten, medizinischer und tierärztlicher Hilfe, diversen Kulturangeboten oder einfach nur einem Gespräch und sozialen Miteinander.

Umwelt hoch 0711

Mit der Uhlandschule hat Stuttgart Pionierarbeit in Sachen klimafreundliche Sanierung geleistet. Das Schulgebäude aus den 1950er-Jahren wurde so umfassend saniert, dass es seit 2013 mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Dafür wurde die Schule 2023 sogar bei der Kommunalen Klimakonferenz in Berlin in der Kategorie Ressourcen- und Energieeffizienz ausgezeichnet. Die Schule gilt als Vorbild für städtische Sanierungen und hat in Stuttgart dafür gesorgt, dass neue Energiestandards beschlossen und eingeführt wurden.

Bei steigenden Temperaturen dank Klimakrise werden Schattenspender immer wichtiger. Das Projekt Ecotrii hat ein Produkt entwickelt, dass es möglich macht, auch auf versiegelten Flächen – davon gibt’s in Stuttgart ja bekanntlich viele – Pflanzen wachsen zu lassen. An einer baumähnlichen Struktur wachsen Kletterpflanzen und bilden dadurch eine Art Baumkrone, die CO2 bindet. Und ja – Bäume sind natürlich die optimale Option, aber bis erstmal die Straße aufgerissen, ein Baum gepflanzt und der ausreichend gewachsen ist, vergehen ein paar Jahre. Eine gute Lösung also, die Bäume nicht ersetzen soll und kann, aber karge Betonflächen lebenswerter und umweltfreundlicher macht.

Die neue Kreislaufwirtschaftsstrategie, die im Juli 2025 einstimmig vom Verwaltungsausschuss beschlossen wurde, ist vielversprechend: 25 konkrete Maßnahmen werden damit auf den Weg gebracht, die durch Wiederverwendung, Reparatur und Recycling Ressourcen sparen und die Umwelt schützen. Ein bereits umgesetztes Beispiel ist die Bibliothek der Dinge in der Rathauspassage, in der sich BürgerInnen für 2,50 Euro pro Stück Gegenstände wie Töpferscheibe, Spiegelkompass oder Kameras ausleihen können.

Stuttgart wird elektrischer – zumindest was die öffentlichen Verkehrsmittel anbelangt. Denn bis 2027 sollen die Buslinien in der gesamten Innenstadt nur noch emissionsfrei betrieben werden. Außerdem werden Mobilitätsangebote ausgebaut, wie die bald verfügbare Plattform „ZuMoBi“ – eine Erweiterung des Programms „Stuttgart fährt mit“. Aktuell läuft es als Pilotprojekt, bald soll es Fahrgemeinschaften und den öffentlichen Nahverkehr miteinander verbinden.

Mehr Storys, Tipps und News aus Stuttgart in der Ausgabe LIFT 09/25

Den ganzen Artikel gibt’s in der Ausgabe LIFT 09/25
LIFT im September 2025

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