Wie Rechte und bibeltreue Christen unsere Region zum Querdenker-Zentrum machen

Querdenker-Bewegung in der Region um Stuttgart

Querdenker-Demonstration durchs Stuttgarter Heusteigviertel, Fotos: Frank Rudkoffsky

Die Region um Stuttgart gilt als eine Keimzelle der immer radikaler auftretenden Querdenker-Bewegung. Der Politikberater, Autor und gebürtige Backnanger Erik Flügge weiß, warum erzkonservative Freikirchen, Esoteriker und Rechtsextreme in der schwäbischen Provinz so starken Einfluss haben – und was der Streit um S21 damit zu tun hat.

Porträt Erik Fluegge
Foto: Ruprecht Stempell

LIFT Bei der Stuttgarter OB-Wahl bekam Querdenken-Initiator Michael Ballweg gerade mal 1,2 Prozent der Stimmen. Schenken wir der Bewegung zu viel Aufmerksamkeit?

Flügge Die schnelle Antwort ist: ja. Wir haben es in Stuttgart mit einem Zentrum der Querdenker-Bewegung zu tun, die von sich behauptet, die eigentlich legitime Vertretung des Volkswillens zu sein. Ballweg hat schon mehrfach zu einer verfassungsgebenden Versammlung aufgerufen. Wenn aber jemand, der von sich in Anspruch nimmt, im Namen des Volkes die Verfassung neu schreiben zu dürfen, ein so lächerliches Ergebnis bei der OB-Wahl holt, dann ist halt auch mal dokumentiert, dass die nicht die Mehrheit sind.

LIFT Und die längere Antwort?

Flügge Wir müssen auch die Alternativen zur aktuellen Corona-Politik offensiv diskutieren – auch und gerade im Parlament. Dass das zuweilen zu kurz kommt, hat natürlich nichts mit einer Diktatur zu tun, sondern mit einem Abwägen zwischen dem notwendigen Tempo und demokratischer Legitimation.

LIFT Nun werden die Querdenker vom Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet. Sind sie eine echte Gefahr für die Demokratie?

Flügge Zunächst einmal gibt es einen Teil der Querdenker, der von vorne herein radikal war: Leute aus der rechtsextremen Szene, die gesehen haben, dass es da Potenzial für sie gibt. Diese Leute sind sowieso gefährlich für die Demokratie. Dann gibt es welche, die eigentlich nur gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren wollen. Ich halte das für einen Fehler: Man kann nicht gemeinsam auf einer Demo mit Staatsfeinden sein und sagen, man habe mit denen nichts zu tun. Und dann haben wir die Menschen, die durch die Reden und die Agitation tatsächlich erst radikalisiert werden – um die muss man sich Sorgen machen.

LIFT Warum ist die Corona-Skepsis gerade im Südwesten so stark?

Flügge Es gibt in Baden-Württemberg seit dem Streit um S 21 eine Vorerfahrung, dass Zahlen und Gewissheiten, mit denen Regierungen operieren, nicht zwangsläufig stimmen müssen. Heute wissen wir, dass der Bahnhof deutlich teurer geworden ist als ursprünglich propagiert.

LIFT Gerade in Orten in der Region um Stuttgart wie etwa Welzheim, Ludwigsburg, Backnang, Schorndorf oder Waiblingen gibt es regelmäßig Corona-Proteste. Was ist in der Region anders als in der Landeshauptstadt?

Flügge Der Bereich östlich von Stuttgart – im Rems-Murr-Kreis und bis auf die Ostalb hoch – ist schon immer ein Hochgebiet rechtsradikaler Umtriebe gewesen. Schon die Wahlergebnisse in der Weimarer Republik waren dort deutlich zugunsten der Nationalsozialisten. Im kleinen Dorf Spiegelberg etwa gewinnen rechte Parteien immer ein Viertel aller Wählerstimmen, es herrschen zum Teil politische Verhältnisse, wie wir sie sonst eher aus Ostdeutschland kennen. Diese Wahltradition gibt es schon seit Generationen. Lebt man in einem Ort, in dem 20 Prozent der Menschen rechts wählen, prägt das auch die Dorfgespräche im Alltag.

LIFT Gibt es noch einen anderen Grund für rechte Einstellungen in der Provinz?

Flügge Ich lebe zur Zeit in Köln und die Art, wie hier diskutiert wird, ist radikal anders als auf schwäbischen Dörfern. Wenn ich in mein Heimatdorf fahre, dann höre ich dort zum Teil rechte Thesen, wie sie bei mir in der Großstadt nie vorkommen. Deshalb muss man sich immer fragen, wo kommt der Frust her? Was ist der Kern des Problems? 

LIFT Zum Beispiel?

Flügge Hat es einen Kern, dass die Dörfer ausbluten? Ja, hat es. Die Busverbindungen werden weniger, das Vereinsleben schwächelt. Die Leute ziehen sich immer stärker ins Private zurück. Das Dorf verliert rapide an Lebensqualität – die Jüngeren wohnen dann halt in Stuttgart und das ist eine Niederlage für einen Ort. So entsteht das Gefühl, man sei nur der übriggebliebene Rest. Alles wird digitaler, die Jüngeren sind häufig besser ausgebildet und übernehmen Führungsaufgaben, obwohl die Älteren doch generationell eigentlich an der Reihe gewesen wären.

LIFT Das klingt besorgniserregend.

Flügge Verglichen mit einigen Regionen im Osten haben wir rund um Stuttgart eigentlich noch blühende Landschaften. Im Osten fahren die Menschen manchmal 40 Kilometer zur nächsten Apotheke, entsprechend größer ist der Frust.

LIFT Zuletzt war auch die Rede vom sogenannten Bible Belt rund um Stuttgart.

Flügge Genau in dieser Gegend haben sich in der Reformationszeit Kleinst- und Splitterkirchen gebildet, die teils bibeltreu-evangelikal sind und sich in Opposition zu einem Staat sehen, der mit wissenschaftlicher Aufklärung agiert.

LIFT Was haben Freikirchen mit Rechten gemeinsam?

Flügge Natürlich gibt es auch viele liberale Freikirchen, aber hier in der Gegend sind sehr viele erzkonservative, teils auch reaktionäre freikirchliche Systeme entstanden. Was hier mit Rechten zusammenpasst, ist die scheinbar eindeutige Wahrheit und der Wunsch nach einer autoritären Führung. Wer evangelikal-kreationistisch, also bibeltreu geprägt ist, ist es gewohnt, dass die Mehrheit eine andere Meinung vertritt. Es gibt da eine Tradition der Wissenschaftsfeindlichkeit, ob bei der Bibel, dem Klimawandel oder bei Corona.

LIFT Und dann gibt es noch die Esoteriker.

Flügge Genau. In Baden-Württemberg hat sich mit den Anthroposophen zudem ein esoterisches Milieu gebildet. Wir haben also eine Menge Quellen für eine potentielle Radikalisierung, die eine jahrzehnte- und jahrhundertelange Tradition haben – und zugleich seit S21 die kollektive Urerfahrung, dass da schon einmal etwas nicht gestimmt hat.

LIFT Baden-Württemberg hat die niedrigste Impfquote aller Bundesländer. Warum ist das so und was heißt das fürs nächste Jahr?

Flügge Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass sich das nicht ändern wird, weil hier sehr viele Leute Minderheitentheorien anhängen, die sich auch kritisch mit kollektiven Ideen wie dem Impfen auseinandersetzen. Impfen ist ein Konzept, das auf kollektiver Zusammenarbeit und Solidarität beruht. Der Südwesten ist aber geprägt von dem Gedanken individueller Leistungsfähigkeit.

Interview: Frank Rudkoffsky

Dieser Artikel ist aus LIFT 01/21

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