Seit 1979 demonstrieren Menschen in Stuttgart gegen Homophobie und Queerfeindlichkeit. Man könnte meinen, fast fünf Jahrzehnte der Aufklärung und des Füreinander-Einstehens würden uns heute in einer offenen, menschenfreundlichen Stadt leben lassen. Doch die Zahlen zeigen ein anderes Bild: Hass und Gewalt gegen queere Menschen nehmen zu. Queersein ist in Deutschland wieder gefährlicher geworden. Laut der Onlinebefragung „Bunt & Stark“, die 2023 vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration durchgeführt wurde, gaben drei von vier queeren Personen in Baden-Württemberg an, Erfahrungen mit Gewalt gemacht zu haben. Bundesweit wurden 2024 insgesamt 1.785 queerfeindliche Straftaten registriert – ein Anstieg um 50 Prozent. Für 2024 wurden zudem 1.152 Straftaten im Bereich geschlechtsbezogene Diversität gemeldet – ein Anstieg um knapp 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Baden-Württemberg stieg die Zahl der queerfeindlichen Delikte um knapp 30 Prozent auf 212 Fälle im Jahr 2024.
Für Canan Uguroglu stellt das ein gesamtgesellschaftliches Problem dar, das nicht nur auf bestimmte Kulturen oder Regionen beschränkt ist: „Stuttgart trägt Verantwortung – aber nicht nur als Stadt. Jeder einzelne Mensch ist Teil der Kette, die Stuttgart, Baden-Württemberg und Deutschland ausmacht.“ Uguroglu ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen, Teil des Stuttgart Pride Teams und im Präsidium der Pride Zürich. Auch sie hat Erfahrungen mit queerfeindlichem Hass gemacht. „In einem Umfeld, das einerseits offen sein wollte, aber wo viele Themen noch stark tabuisiert waren“, erinnert sie sich. „Das spiegelte sich in meinem sozialen Umfeld, in Schule, Stadtbild und öffentlichem Leben wider.“ Auch Gewaltdrohungen habe sie erlebt. Diskriminierung zeigte sich durch verbale Anfeindungen und durch den Ausschluss aus sozialen Kreisen, gepaart mit Unterstellungen und Vorurteilen. Die tiefgreifenden Folgen solcher Erfahrungen bleiben meist unsichtbar. „Queerfeindlichkeit beginnt im Versteckspiel. Wenn man lügen oder schweigen muss.“
Die eigene Identität zu verheimlichen, weil man Angst vor Ablehnung oder Angriffen hat, zieht sich durch alle Lebensbereiche. Sprachlosigkeit, Scham und das Gefühl, nicht dazuzugehören, wirken lange nach. Auch heute hängt Uguroglus Sicherheitsgefühl vom Umfeld ab. „Sobald man das sichere Umfeld auch nur zeitweise verlässt, spürt man schnell, dass Akzeptanz keine Selbstverständlichkeit ist.“
Mit dieser Erfahrung ist sie nicht allein: Über 90 Prozent der Befragten in der „Bunt & Stark“-Studie gaben an, ihr Verhalten im Alltag angepasst zu haben – etwa durch das Vermeiden bestimmter Orte bei Nacht oder das bewusste Nicht-Tragen queerer Symbole. Diese Verhaltensweisen, die sich queere Personen aneignen, um sich zu schützen, sind nichts neues. Uguroglu erinnert sich an die 1990er, als Stuttgart trotz liberaler Fassade stark von Verheimlichung geprägt war. Coming-Outs waren heikel, queere Orte wie der Kings Club Zufluchtsorte. Heute sei vieles strukturell besser – doch gleichzeitig nehme gesellschaftlicher Rückschritt zu: „Die Probleme sind überall spürbar, nicht nur in Stuttgart.“
Woher kommt dieser Hass? „Der Hass ist immer da, er bewegt sich in Wellen", sagt Lars Lindauer, Vorstandsmitglied der Stuttgart Pride. Queerfeindlichkeit sei kein neues Phänomen, aber sie habe sich in ihrer Form und Sichtbarkeit verändert – vor allem in Bezug auf trans und nicht-binäre Menschen. „Diese Bilder sind extrem anschlussfähig“, sagt Lindauer. „Es gibt einen Raum für Vorurteile, der mit Geschichten gefüllt wird – vor allem bei Menschen, die wenig Kontakt zu queeren Personen haben.“
Soziologe und Aktivist Mark Schwarz bestätigt: Die Rückkehr spaltender Identitätspolitik sei ein weiterer Treiber. „Wir gegen die – Normale gegen Unnormale“, beschreibt er. Queere Identitäten widersprechen binären Normen und genau das stößt auf Widerstand. Besonders deutlich wird das im öffentlichen Raum. „Je weniger eine Person ins binäre Bild passt, desto höher ist das Risiko von Anfeindungen bis hin zu Übergriffen“, so der Soziologe. Politische Errungenschaften wie das Selbstbestimmungsgesetz und die Ehe für alle seien politisch bedroht. Was lange als Fortschritt galt, wird nun infrage gestellt oder gezielt zurückgedreht. Diese Rückschritte erzeugen Unsicherheit und Angst. „Wir sind lange davon ausgegangen, dass es immer nur vorwärts geht. Aber das war ein Trugschluss“, sagt Lars Lindauer. Die Studie zeigt, dass die meisten Angriffe im öffentlichen Raum stattfinden: 741 Befragte gaben die Straße, 582 den öffentlichen Nahverkehr als Tatort an.
Mit dem anstehenden CSD in Stuttgart rückt die Frage der Sicherheit in den Fokus. „An diesem Tag ist Queerness in Stuttgart so sichtbar wie nie, weil das sonst oft nicht möglich ist“, betont Lindauer. Doch in den letzten Jahren hat sich die Atmosphäre um CSD-Veranstaltungen verändert. Rechte Gruppen formieren sich gezielt, um Pride-Events. Auch für dieses Jahr ist eine rechtsextreme Gegendemo geplant. „Der Charakter einer Pride wird immer weniger auf das freie Empowerment gelegt. Der Sicherheitsaspekt wird immer relevanter“, erklärt Soziologe Mark Schwarz.
Diese Sorgen spiegeln sich in konkreten Vorfällen wider: In den letzten Jahren kam es mehrfach zu Angriffen. 2022 wurden queere Personen auf dem Rückweg angegriffen, Plakate angezündet und Stände beschädigt. Im April und Mai diesen Jahres wurden am Kulturzentrum Prisma Regenbogenflaggen heruntergerissen. „Es wird schon nochmal schlimmer“, bestätigt Marius Kotas (Bild S. 8 re.), Demoleiter der Stuttgart Pride. Als Reaktion auf die Bedrohungslage wird das Sicherheitskonzept des CSD kontinuierlich angepasst. „Wir können viel für die Veranstaltung tun, aber gerade Themen wie die Anreise und Abreise sind relevant“, erklärt Kotas. Ziel sei es, auch außerhalb der Veranstaltungszeiten Schutz zu gewährleisten. Die Zusammenarbeit mit Polizei und Stadt sei dabei zentral. Der Demoleiter hebt hervor, dass die Polizei im Umfeld des CSD verstärkt präsent sein und aufmerksam beobachten möchte. „Sie sind sensibilisiert und wissen Bescheid. Ich kann nur ermutigen, die Leute anzusprechen und das Problem zu schildern“, so der Demoleiter. Die klare Botschaft der OrganisatorInnen des CSD lautet: Nicht entmutigen lassen, denn der CSD ist ein Ort, an dem Queerness sichtbar, gefeiert und bestmöglich geschützt ist.
Und was sagt die Polizei Stuttgart dazu? Auf Anfrage erklärte das Polizeipräsidium Stuttgart, dass sie der steigenden queerfeindlichen Gewalt mit einem Maßnahmepaket begegnen. Dazu gehörten gezielte Aus- und Fortbildungen, Ansprechpersonen für queere Menschen sowie die enge Zusammenarbeit mit der Community. Neben einer mobilen Wache stehe ein Präventionsteam während des CSD bereit. Die Bundespolizei sei für den Schutz bei An- und Abreise zuständig.
Auch die Stadt Stuttgart positioniert sich bezüglich der aktuellen Zahlen. Sie arbeite aktiv für eine offene, vielfältige Stadtgesellschaft. Neben klassischen Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen zähle auch die gezielte Förderung queerer Projekte, enge Zusammenarbeit mit der Community sowie ein intensiver Austausch mit Polizei und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen.
Trotz dieser Fortschritte bleibt der Handlungsbedarf hoch. Lars Lindauer betont, dass es nach wie vor an breiter politischer Anerkennung fehle. Queere Rechte würden noch immer einseitig in eine „linke“ oder „grüne Ecke“ geschoben. „Eigentlich sollten alle ja dafür sein, dass Menschen gleiche Zugangsvoraussetzungen und gleiche Rechte erfahren“, betont das Vorstandsmitglied. Konservative Positionen, die behaupten, „es sei doch alles erreicht", würden die realen Herausforderungen ignorieren.
Auch Canan Uguroglu fordert: „Keine Lippenbekenntnisse mehr, sondern strukturelle Verantwortung in Bildung, Politik, Medien und Alltag. Und das nicht nur im Juni.“ Soziologe Mark Schwarz betont die Forderung nach finanzieller Unterstützung queerer Einrichtungen. Viele Vereine und Initiativen kämpfen angesichts aktueller Sparpolitik um ihre Existenz.
Doch politische Maßnahmen allein reichen nicht. Auch die Gesellschaft ist gefragt. „Gemeinsam mit unseren Ally-Strukturen müssen wir sichtbar bleiben, Dialoge suchen und klarmachen, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Es braucht kontinuierliche Arbeit, Schutz und Bereitschaft“, betont Canan Uguroglu. „Gerade jetzt, wo queere Menschen wieder als Störfaktoren markiert werden, darf man sich nicht zurückziehen“, warnt sie. „Nicht weggucken, nicht relativieren, sondern Haltung zeigen. Wer sich raushält, macht mit.“ Auch Lars Lindauer unterstreicht die Wichtigkeit der Mehrheitsgesellschaft. „Solidarisch sein, solidarisch wählen, solidarisch auf Veranstaltungen gehen.“ Queere Veranstaltungen seien nicht nur für queere Menschen und dienten der Begegnung. Mark Schwarz fügt hinzu: „Spenden, um queere Räume aufrechtzuerhalten.“ Auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien gehöre laut dem Soziologen dazu. Für Marius Kotas liegt einer der entscheidenden Schlüssel im Zuhören: „Wir sind zu wenig füreinander da.“ In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft fehle häufig die Bereitschaft, einander mit Offenheit zu begegnen. Empathie sei keine Zustimmung, sondern eine Grundhaltung. „Ich kann ja auch einfach einen Menschen als Menschen annehmen und respektieren“, so der Demoleiter des CSD.
Das Motto des CSD Stuttgart 2025 lautet „Nie wieder still! Laut für Freiheit, stark für Vielfalt“. In Zeiten wachsender Spannungen ist es auch ein Appell: Es wird deutlich, dass queere Sichtbarkeit Rechte, Schutz und Haltung braucht – und das laut, deutlich und vor allem gemeinsam.
CSD-Kulturwochen [11.-27.7., versch. Orte in Stuttgart, www.stuttgart-pride.de]
CSD-Demonstration [26.7. ab 13 Uhr, Stuttgart Innenstadt, www.stuttgart-pride.de]
CSD-Hocketse [26.+27.7., Markt- und Schillerplatz, www.stuttgart-pride.de]

