Wie das Prostitutionsverbot Stuttgarter SexarbeiterInnen in die Illegalität treibt

Hinter verschlossenen Türen

Text: Frank Rudkoffsky, Fotos: Ronny Schönebaum

Normalerweise ist man mit Kamera im Rotlichtviertel nicht gern gesehen, da kann es schon mal passieren, dass man beschimpft und weggejagt wird. Seit dem Lockdown Mitte März muss man sich als Fotograf im Eck um die Stuttgarter Leonhards- und Weberstraße aber nicht einmal um die Einhaltung der Datenschutzverordnung sorgen: Durch das Sexkaufverbot, das im Juli noch einmal speziell in Stuttgart um die Bestrafung von Freiern verschärft wurde, ist vor den einschlägigen Lokalitäten niemand mehr anzutreffen.

Offiziell sind in Stuttgart rund 4.300 SexarbeiterInnen angemeldet, die Dunkelziffer ist hoch. Sie alle durften von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr arbeiten. Weil sie nicht vorgewarnt wurden, wären viele Frauen aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien aufgrund der Grenz-schließungen beinahe für Monate in Stuttgart gestrandet. Zunächst vom Ordnungsamt einfach auf die Straße gesetzt, durften sie schließlich noch für einige Nächte im Bordell bleiben, bis sie ihre Heimreise organisiert hatten.

„Zeitweise waren kaum noch Frauen in der Stadt“, sagt Lena-Marie Schwing, die als Sozialarbeiterin der Caritas im Prostituiertentreff Café La Strada arbeitet. Diejenigen, die in Stuttgart blieben, waren massiv auf Unterstützung angewiesen.

Schwing und ihre Kolleginnen halfen ihnen bei den Anträgen für die Corona-Soforthilfe, eröffneten für sie Konten, übersetzten Formulare. Zunächst klappte das erstaunlich gut – bis den Frauen wieder das Geld ausging.

„Manche übernachten für 70 Euro am Tag im Bordell oder für 900 Euro Miete in Ein-Zimmer-Wohnungen“, so Schwing. Die Beantragung des zweiten Hilfspakets ist aber nur über einen Steuerberater möglich – eine große Hürde für viele.

Kein Einkommen seit März und noch immer keine Perspektive: Langsam rumort es im Rotlichtgewerbe. Besonders bei denen, die hier sonst das dicke Geld verdienen: „Im Mai haben wir den Behörden ein umfassendes Hygiene-Konzept vorgelegt, aber das wurde nicht einmal genau geprüft", ärgert sich der Stuttgarter Bordellbetreiber John Heer, der auch Klage gegen die Zwangsschließung eingereicht hat.

Beim Stuttgarter Ordnungsamt sieht man keine Chance auf eine baldige Öffnung: „Auch in anderen Bereichen, etwa beim Friseur oder einer Massage, findet Nähe statt“, räumt Stefan Praegert, Leiter der Polizeibehörde Stuttgart, zwar ein, „aber dort geschieht das viel mehr in der Öffentlichkeit. Hygieneregeln sind im Prostitutionsgewerbe nur schwer zu kontrollieren, wir hätten gar nicht die Kapazitäten dazu.“

Tatsächlich ist Sexarbeit in einigen Bundesländern wie Berlin inzwischen wieder mit Einschränkungen erlaubt, solange es bei Praktiken wie erotischen Massagen bleibt und nicht zum Geschlechtsverkehr kommt.

„In Stuttgart ist die neueste Verordnung aber so detailliert wie in nur wenigen Orten Deutschlands, da wurde auch noch das letzte Schlupfloch geschlossen“, beschwert sich Daria Oniér. Die Stuttgarter Sexarbeiterin organisierte im August eine Demonstration gegen das Berufsverbot. Rund 200 Menschen kamen zur Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz, ein offenes Ohr in der Lokalpolitik fanden Oniér und ihre MitstreiterInnen aber nicht: „Wir leben in einer Stadt, die keine Sexarbeit will. Das zeigt bereits, wie schwer es ist, hier Genehmigungen für neue Betriebe zu bekommen.“

Im Bundestag machen sich aktuell 16 PolitikerInnen, darunter der Epidemiologe Karl Lauterbach und die baden-württembergische SPD-Abgeordnete Leni Breymaier, für ein Sexkauf-Verbot nach dem Nordischen Modell wie in Schweden stark. Dort werden die Freier bestraft – so wie seit Mitte Juli auch in Stuttgart.

Grundsätzlich würde das auch Lena-Marie Schwing vom Café La Strada begrüßen, „aber dafür müsste man erst bessere Perspektiven und mehr Ausstiegshilfen schaffen“. In Stuttgart gebe es zum Beispiel nur zwei Wohnungen für Frauen, die aussteigen wollen. „Wichtig wäre auch, die Hürden für den Einstieg zu erhöhen, etwa mit der Pflicht zu einem festen Wohnsitz, einer Krankenversicherung und Deutschkenntnissen“, so Schwing. 

Von den osteuropäischen Prostitituierten aus prekären Verhältnissen ist auf der Demonstration keine einzige zu sehen – das heißt aber nicht, dass sie nicht in der Stadt sind. „Viele Frauen sind wieder nach Stuttgart zurückgekehrt, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive haben und ihre Familien unterstützen müssen“, sagt die Sozialarbeiterin.

Im Leonhardviertel habe das Ordnungsamt schnell durchgegriffen, seitdem arbeiten die Frauen illegal im Verborgenen, etwa in Hotelzimmern, auf Parkplätzen, bei Hausbesuchen. Schwing bereitet das Sorge: „Für uns ist das schwierig, wir können so nicht mehr auf die Frauen zugehen.“

Auch Heinrich-Hermann Huth, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Stuttgart Mitte und Mitarbeiter der Kiezkneipe Jakobstube im Leonhardsviertel, stellt eine Rückkehr der Frauen fest: „Prostitution im Sinne von Anbahnung sehe ich im Moment im Viertel nicht oder kaum, Prostituierte schon. Man sieht auch nach wie vor Damen an den Schaltern von Western Union Geld überweisen“, sagt Huth.

Geld, von dem Bordellbetreiber John Heer zur Zeit nichts zu sehen kriegt. Entsprechend groß ist sein Frust: „Bei Kontaktbörsen wie ,Kauf mich.com' oder ,Ladies.de' sehen wir fast das Doppelte an Anzeigen", so Heer. Liest man in Foren mit, in denen sich Freier unverblümt über den „Service“ und die Preise von Frauen austauschen, scheint niemand mehr auf Paysex verzichten zu müssen, der auf das Risiko einer Geldbuße oder Corona-Anste-ckung pfeift. Das Risiko für SexworkerInnen ist ungleich größer: In der Anonymität sind sie ihren Freiern schutzlos ausgeliefert.

„Sie arbeiten unter schlechten Bedingungen und machen sich erpressbar, weil sie illegal ihre Dienste anbieten“, sagt Daria Oniér. Und klar ist auch: Notwendige Hygieneregeln lassen sich so erst recht nicht kontrollieren.

Eine juristische Ausnahme hat sich Anfang Juli ein Anbieter von Tantramassagen vor dem Amtsgericht Stuttgart erkämpft. Im „Dakini“ nahe des Hauptbahnhofs wird nun ganz legal wieder bis zum Höhepunkt massiert – das sei aber kein Paysex, sondern ein passiv erlebtes, „durchkomponiertes Verehrungs- und Berührungsritual“, betont die Inhaberin Monika Kochs, die seit dem Lockdown auch Online-Seminare für den Erotikladen „Frau Blum“ im Stuttgarter Westen veranstaltet.

Auf Hygiene sei im Dakini schon immer ein großer Wert gelegt worden, beteuert sie.

Aber natürlich bleibt ein Restrisiko: „Das ist eben die neue Normalität. Es hat mit Vertrauen zu tun und einer gesunden Lebensweise, man hat Verantwortung für andere." Der käufliche Orgasmus mit gutem Gewissen inklusive hat seinen Preis: Tantramassagen bei Dakini kosten ab 200 Euro aufwärts, was die Anzahl der täglichen Kunden und potenziellen Superspreader vermutlich von ganz alleine beschränkt.

Beim Fotoshoot im Leonhardsviertel sind dann schließlich doch noch zwei Frauen vor einem Bordell zu sehen – allerdings nur kurz. Eine schwarze Limousine fährt vor und zwei Polizeibeamte in Schutzwesten steigen aus. Sie bitten die Damen freundlich, aber bestimmt, hineinzugehen und die Tür zu schließen. Hier findet an diesem Abend keine Prostitution statt – was hinter vielen anderen verschlossenen Türen in Stuttgart geschieht, bleibt jedoch im Verborgenen.   

Dieser Artikel ist aus LIFT 09/20

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