Playtime mit Gaisma: Hinsetzen. Zuhören.

Marc Engenhart, Gaisma, Duc-Thi Bui (v.l.n.r.), c Ronny Schönebaum

Live-Listening-Performance: Die Stuttgarter Musikerin Gaisma präsentiert bei der Playtime ihre neue EP

Handy raus, Kopfhörer rein, play. Wie Hören geht, weiß jede und jeder. Trotzdem haben sich die beiden Stuttgarter Duc-Thi Bui und Marc Engenhart zusammengetan und mit den Playtime-Veranstaltungen Hör-Events geschaffen, bei denen nicht nebenher noch auf Insta gesurft, geputzt oder Auto gefahren, sondern einfach nur gehört wird – ein Album, eine Stunde lang. So entstand auch die Idee: „Wir saßen einen Nachmittag lang ohne Worte vor ,Immunity’ von Jon Hopkins“, erzählt Marc Engenhart. „Das war so pur, das mussten wir teilen.“ Also gründete sich die Event-Reihe „Playtime“, die regelmäßig an wechselnden Locations in und um Stuttgart stattfindet.

„Im Merlin können wir die „Playtime“ zum ersten Mal etwas experimenteller umsetzen“, sagt Duc-Thi Bui. In Pre-Listening-Sessions wird normalerweise das noch nicht veröffentlichte Album als Vinyl komplett durchgehört, im Talk erzählen die KünstlerInnen dann ganz persönlich die Story hinter der Platte. „Damit schaffen wir einen Raum für bewusstes Hören, ohne Quatschen, Ablenkungen oder Gezappel.“ Diesmal neu: Durch Lichtinstallationen rund um das Merlin soll sich das Publikum noch mehr auf die atmosphärische Musik der Stuttgarter DJ und Performance-Künstlerin Gaisma einlassen können.

„Mit Gaisma haben wir eine Künstlerin gefunden, die sich super in das Format fügt“, freut sich Duc-Thi Bui. Bevor Gaisma – Alisa Scetinina mit bürgerlichem Namen – ins Ländle kam, hat sie in Lettland schon mit zehn Jahren Klavier gespielt und Ballett getanzt. Fünf Jahre später tanzt sie dann im Stuttgarter Ballett und den städtischen Clubs: „Beim Feiern gehen konnte ich mich auch mal frei bewegen, so, wie ich es wollte“, erklärt die Musikerin. Fasziniert von den KünstlerInnen will sie auf eigene Faust Kreatives schaffen und legt selbst auf. „Mich hat die Atmosphäre begeistert, in denen sich die Leute komplett verlieren.“ Heute erzeugt sie diese Atmo selbst mit ihrer eigens produzierten Musik, die sich zwischen Contemporary, R’n’B, Neo-Soul und Indie, teilweise House und Tech-House bewegt. Egal, welches Genre: Layer für Layer bauen die Songs psychedelische Dimensionen auf, ergänzt von atmosphärischem Songwriting.

Bei der „Playtime“ feiert Gaismas neue EP „Mirrors of the Cosmic Cinema“, die auf dem Label Treibender Teppich erscheint, Premiere. Wie auch die anderen Alben wurde die EP mit viel analogem Equipment produziert. „Ich brauche meine Knobs, an denen ich drehen kann. Ich glaube, dadurch steckt viel mehr Energie in den Tracks“, so Gaisma. Neu an dem Werk ist, dass es gemeinsam mit einem zweiten Künstler, nämlich Paul Schwarz, produziert wurde. Unter anderem ist er für die Drums auf der Platte zuständig und dürfte einigen bereits aus den Stuttgarter Bands Levin goes lightly oder Karies bekannt sein. „Ich wollte immer Songs aufnehmen, die etwas Band-Feeling, etwas mehr Volumen haben“, erklärt Gaisma.

Was das Album noch stärker von ihren älteren Werken unterscheidet, ist der Hang zum Soul. Weiche Vocals besingen alltägliche Geschichten und Etappen, die Gaismas Leben prägten. Am Abend der „Playtime“ werden diese Geschichten weitererzählt: „Manchmal sitze ich nur da, manchmal stehe ich vielleicht auf und halte Objekte in der Hand, die den Song erklären. Ich bin selbst gespannt.“

Veronika Veile

Playtime X Gaisma [28.9. 20 Uhr, Merlin, Augustenstr. 72, S-West, www.facebook.com/PlaytimeAlbumSessions, www.merlinstuttgart.de]

 

Dieser Artikel ist aus LIFT 09/22

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