Ein irsinniger Auftrag, um zu überleben

Jetzt im Kino: Persischstunden

Text: Thomas Volkmann

Die Story im Grunde ist simpel, eigentlich ein klassisches Schelmenstück – doch vor dem Holocaust als Hintergrund entsteht daraus ein beklemmendes Drama.

Als der junge Belgier Gilles 1942 zusammen mit anderen Juden von der SS verhaftet und in ein Übergangslager gebracht wird, bietet sich ihm durch ein kurz zuvor in seinen Besitz gelangtes persisches Buch eine ungeahnte Chance.

Hauptsturmführer Klaus Koch, zuständig für die Lagerküche, sucht jemanden, der ihm Farsi beibringen kann. Also gibt sich der junge Häftling, der sich nun Reza nennt, als Perser aus und bietet seine Hilfe an – obwohl ihm die Sprache genauso fremd ist wie dem SS-Mann. Um zu überleben, erfindet Gilles Worte, die er lehrt. Doch der Auftrag ist durchaus irrsinnig: Denn bis Kriegsende, so stellt es sich der SS-Mann vor, soll sein Wortschatz 2.000 Wörter und Begriffe umfassen.

Die Idee zu dieser Geschichte hatte der für seine Drehbücher bekannte Wolfgang Kohlhaase („Sommer vorm Balkon“, „Die Stille nach dem Schuss“) bereits 2008 als Hörspiel mit dem Titel „Erfindung einer Sprache“ veröffentlicht. Der US-kanadische Regisseur Vadim Perelman adaptierte es nun für die Leinwand. Der Alltag des Vernichtungshorrors schwingt dabei bloß als Hintergrundrauschen mit.

Die Bedrohung für den Sprachenschwindler erhöht sich nicht allein dadurch, dass sein durchaus kreatives Spiel auffliegen könnte, sondern auch aus der Missgunst diensteifriger und ideologisch eingestellter Soldaten und Lagermitarbeiterinnen, die in Nebenrollen aus Hass, Eifersucht und purer Rachlust mit an der Spannungsschraube drehen.

„Persischstunden“ ist zuvorderst ein starkes Schauspielduell zwischen Lars Eidinger und dem mehrsprachigen Argentinier Nahuel Pérez Biscayart in der Rolle zweier ungleicher Figuren in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis. Denn während der jüdische Kriegsgefangene dem Tode geweiht scheint, bangt auch der Hauptsturmführer, der seinem Vaterland den Rücken kehren und selbst zum Immigrant werden will, bald um sein Überleben. Stimmlich und mimisch lösen beide ihre Aufgaben bravourös, wobei Eidinger hart an der Grenze zum Overacting agiert und teils mehr in seine Rolle legt, als er müsste.

Abgesehen davon banalisiert das Drama den Schrecken des Holocaust. Lageralltag und Soldatengespräche gehören eher zum dekorativen Beiwerk, als zum Hauptstrang. Ein Fauxpas? Nicht zwingend. Vadim Perelman hat sich bewusst entschieden, Sprache und Immigration in den Fokus der Geschichte zu rücken. Grund dafür dürfte seine eigene Biografie sein: Mit neun Jahren floh Perelman gemeinsam mit seiner jüdischen Mutter aus seiner Geburtstadt Kiew. Mit Stationen in Wien und Rom konnte die Familie schließlich in Kanada Fuß fassen.

Wie wichtig es ist, auf der Flucht die richtige Sprache zu  beherrschen, zeigt er nun in „Persischstunden“.       

Persischstunden [DE/RU 2020, R: Vadim Perelman, mit Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Start: 24.9.]

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Dieser Artikel ist aus LIFT 09/20

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