Dirty Business

Mülltrennung in der Region Stuttgart

Text: Isabel Mayer, Fotos: Ronny Schönebaum, Celine Warta

Pizza bestellen, ein Kippchen rauchen und dabei zwei Gläser Wein zu viel trinken – solche Abende kennen wir im Lockdown zur Genüge. Am nächsten Morgen grüßt der Müllberg und das große Trennen beginnt.

Immerhin ist Deutschland Weltmeister in Sachen Mülltrennung – keiner sortiert so akribisch wie wir. Also: Pizzakartons ins Altpapier, Aschen­becher im Biomüll auskippen und zerbrochene Gläser zum Altglas, oder?

Leider nein. Wer hinter die Kulissen der Entsorgungsmaschinerie schaut weiß, dass Mülltrennung kein Kinderspiel ist. Alle genannten Beispiele sind im Restmüll richtig: Versiffte Pizzakartons können nicht mehr recycelt werden, in Kippenfiltern steckt Plastik, Trinkgläser gehören aufgrund ihrer Zusammensetzung nicht ins Altglas. Die Liste der Müll-Mythen könnte ewig so weitergehen. Wer alles richtig machen und die Wiederverwertung fördern möchte, muss sich einlesen, doch wer macht das schon? Während faire Mode und Flugscham in aller Munde sind, spricht keiner über seinen Müll – dabei liegt Nachhaltigkeit hier so nah.

„Am Ende wird doch eh alles verbrannt“, lautet ein weit verbreitetes Vorurteil. Da ist was Wahres dran, das wird im Heizkraftwerk in Stuttgart-Münster deutlich. Hier werden von der Stadt Stuttgart und den Landkreisen Esslingen und Rems-Murr jährlich etwa 225.000 Tonnen Müll verheizt. Weitere 185.000 Tonnen kommen von weiter her, etwa vom Bodenseekreis oder aus Tübingen.

Als der Laster am Heizkraftwerk seinen Schlund öffnet und den Abfall in den riesigen Bunker wirft, landen nur wenige Reste daneben: darunter Plastiktüten, Batterien und eine Postkarte, die vor 30 Jahren vom Oktoberfest in München verschickt wurde. „Das gehört nicht in den Restmüll“, sagt Ralf Pietzsch von der EnBW, der normalerweise Führungen über das Gelände gibt, die im Moment ausfallen.

Doch ein Stück Papier oder Plastik schadet bei der Müllverbrennung nicht, deshalb wird alles in den Bunker gekehrt. „Im Kessel herrschen zwischen 900 und 1.100 Grad, da verbrennt alles“, sagt er, als sich die riesige Müllzange tief in die Müllberge frisst, um sie nach und nach vom Bunker in Richtung Ofen zu befördern.

Wenn Pietzsch erzählt, wie aus Müll Wärme wird, spürt man seine Begeisterung: Das Fernwärmenetz durch die Region Stuttgart ist etwa 275 Kilometer lang. Angeschlossen sind rund 25.000 Haushalte, 1.300 Firmen und 300  öffentliche Einrichtungen. Inzwischen wird so viel Müll im Heizkraftwerk angeliefert, dass das Steinkohlekraftwerk nebenan im Sommer aus bleiben kann. „Nur im Winter, wenn alle ihre Heizungen aufdrehen, wird es angeschaltet“, erklärt Pietzsch.

Erklärt das den Dampf der aus den Schornsteinen pafft? „Keine Sorge“, lacht der Experte. „Das ist nur warme Luft, die bei kälteren Außentemperaturen kondensiert und deshalb als Dampfschwaden austritt.“ Er vergleicht den Vorgang mit dem warmen Atem an einem kalten Wintertag. Was aus privaten Öfen austritt ist schädlicher, denn die Gase, die aus dem Heizwerk austreten, werden gereinigt. Der Staub wird aufgefangen, Schadstoffe werden ausgewaschen und als trockene Salze wieder entnommen. Beides wird im Tagebau verwertet.

Direkt sichtbar werden die Auswirkungen der Mülltrennung dagegen in der Biomüllvergärungsanlage in Backnang-Neuschöntal. Hier wird in einem Idyll aus grünen Wiesen und rauschenden Bächen der Bioabfall aus dem Rems-Murr-Kreis gesammelt und direkt vor Ort verwertet. Neben dem Kompost, der vorrangig in der Landwirtschaft und im Gartenbau eingesetzt wird, werden auch Flüssigdünger und eine Menge Strom erzeugt. Die Anlage wirft bis zu 12 Millionen Kilowatt pro Jahr ab. 1,2 Millionen fließen direkt zurück in die Anlage. Der Rest wird in den Kreislauf eingespeist.

Gerald Balthasar, technischer Vorstand der Abfallwirtschaft Rems-Murr, ist sichtlich stolz: „Das ist absolut nachhaltig, vergleichbare Anlagen gibt es nur etwa 120 Mal in Deutschland.“

In Stuttgart hätte eine ähnliche Anlage schon vor Jahren entstehen sollen. In den nächsten Monaten soll es mit dem Bau im Stadtteil Zuffenhausen losgehen, sagt Markus Töpfer, Betriebsleiter der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS). Bis dahin werden die braunen Tonnen aus der Stadt vorrangig in Kompostwerken in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz entsorgt – ein langer Weg, nur um Müll zu sammeln.

In Backnang-Neuschöntal kommen währenddessen bis zu 240 Tonnen Biomüll pro Tag an. Umgerechnet auf die EinwohnerInnen im Rems-Murr-Kreis sind das 85 Kilo Biomüll pro Jahr pro Kopf. Zum Vergleich: In Stuttgart wurden im Jahr 2018 nur 40 Kilogramm Biomüll pro Nase gesammelt. „Das liegt vor allem an Gartenabfällen“, erklärt Gerald Balthasar, während ein Laster vor uns seinen Bauch entleert.

Heraus fällt Biomüll vom Feinsten – so scheint es jedenfalls. Bei näherem Betrachten fallen jedoch die Plastiktüten auf, die sich unter den Müll mischen. Sie werden mit anderen Störstoffen aussortiert und müssen von der Biovergärungsanlage zurück zum Heizwerk transportiert werden. Das ist teuer und unnötig. Am meisten ärgern Balthasar sogenannte kompostierbare Biomüllbeutel aus Plastik. „Die Menschen wollen zwar umweltfreundlich sein, aber wir müssen die Tüten dann aussortieren, das ist sehr ärgerlich.“

Ein Problem, das auch in Stuttgart bekannt ist: „Die Beutel werden zwar als biologisch abbaubar zertifiziert, doch die Norm schreibt nur vor, dass Bioplastik innerhalb von zwölf Wochen zu mindestens 90 Prozent in Teile mit einer Größe von bis zu zwei Millimetern zerfallen sein muss“, heißt es bei der AWS.

Der Abbau in Vergärungsanlagen dauert aber höchstens sechs Wochen. Darüber hinaus bleibt im Kompost Mikro-Plastik zurück, das zu klein ist, um es auszusieben. Im Kompost in Backnang müssen wir nicht lange suchen, schon blitzt ein knallrotes, klitzekleines Plas­tikteil hervor.

„Das stellt Betreiber von Kompost- und Vergärungsanlagen zunehmend vor Probleme“, so die AWS. Die zulässigen Grenzwerte für Fremdstoffe im Kompost wurden jüngst nämlich von bisher 25 auf 15 Quadratzentimeter pro Liter Kompost verschärft. Wer den Wert nicht einhält, kann sein Gütesiegel verlieren.

Gerald Balthasar macht sich noch keine großen Sorgen. „Die meis­ten BürgerInnen im Rems-Murr-Kreis halten sich an die Vorgaben. Es ist nur ein geringer Prozentsatz der Menschen, der uns das Material versaut.“ Viel mehr stört es ihn, dass man es besser wissen müsste. „Viele BürgerInnen sind einfach zu bequem geworden.“

Derselben Meinung ist auch Ralf Pietzsch von der EnBW: „Die Menschen wissen, dass Batterien  im Supermarkt gesammelt werden. Trotzdem landen sie bei uns.“ Alles lässt sich nämlich doch nicht verbrennen. Als Pietzsch im Heizwerk die Schlacke begutachtet, die aus dem Ofen übrig bleibt, zählt er eine Batterie nach der anderen. „Viele BesucherInnen sehen die gar nicht. Ich bin aber mittlerweile geübt darin.“

Dieser Artikel ist aus LIFT 06/21

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