Eigentlich hätte er Tischler werden sollen. Doch wie heißt es so schön? „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“ Fünf Tage vor Ausbildungsbeginn entschied sich Mika Noé für einen ganz anderen Beruf: Musiker. Der Berliner geht dieses Jahr auf seine erste eigene Tour – und die ist bereits ausverkauft. Für einen Newcomer, der noch kein Album veröffentlicht hat, ein beachtlicher Start.
Die ersten Tour-Erfahrungen konnte Mika Noé bereits als Voract von Schorndorfs Goldjungen Majan auf dessen Tour Ende vergangenen Jahres sammeln. „Das war eine krasse Erfahrung, vor so vielen Leuten zu spielen, zu lernen, wie so ein Tourleben funktioniert“, erzählt er. Obwohl Musikerwerden bei ihm so gar nicht auf dem Plan stand, spielte Musik schon früh eine wichtige Rolle in seinem Leben. „In der Grundschule hatte ich Gitarrenunterricht, konnte die Noten allerdings nicht lesen und musste immer alles zu Hause auswendig lernen“, lacht Noé. „Dadurch hab ich schnell gecheckt, dass Mucke für mich mehr ist, als wenn mir Leute sagen: Hier, spiel mal.“
Ein paar Jahre später bekommt er die Diagnose ADHS und klassische Therapieansätze zeigen keine richtige Wirkung. Musik dafür schon: „Mit 14 haben mir meine Eltern und Großeltern dann ein Keyboard zu Weihnachten geschenkt. Ab da habe ich fünf Jahre für mich in meinem Kinderzimmer gespielt und meinen Gesang aufgenommen“, erzählt der Musiker. „Das war wahrscheinlich alles krumm und schief, aber mehr Herz hat in die Songs nicht reingepasst.“
Dabei ging es ihm beim Musikmachen nicht darum, Hits zu kreieren oder die Songs zu veröffentlichen, sondern seine Gefühle – vor allem die weniger guten – zu verarbeiten. „Ich glaube, das hat es mir so leicht gemacht, Songs zu schreiben: Dass es nie den Punkt gab, an dem Musik mehr sein muss als das, was ich da in meinem Zimmer gemacht habe.“ Seine erste Single „vermiss nicht mehr“ lud er 2023 auf Rat eines Bekannten, dem er zuvor einen Ausschnitt des Songs gezeigt hatte, bei TikTok hoch. Kurz darauf schrieben ihn die ersten Labels und MusikmanagerInnen an, die mit ihm zusammenarbeiten wollten. „Ich konnte das anfangs kaum begreifen, es war doch immer nur meins. Nach sechs Jahren Musikmachen im Kinderzimmer fühlt sich das so komisch an, wenn Leute plötzlich mehr darin sehen, als man selbst“, lacht Mika Noé.
Ab diesem Zeitpunkt wurde ihm bewusst, dass er dem Musikmachen eine ernsthafte Chance geben möchte. „Ich dachte mir, wenn es nicht klappt, dann war es ein schönes, aufregendes halbes Jahr. Und dann mache ich wieder meinen Tischlerkram.“ Seine erste EP „Therapiebericht“, erschien im Mai 2025. „Die war für mich persönlich unglaublich wichtig, ganz abgesehen davon, was sie mit den Leuten gemacht hat“, erzählt der Newcomer. „Ich wollte nur für mich ein Projekt machen, mit Themen, die mir wichtig sind und über die ich sagen konnte: Da warst du ehrlich und hast auf dein Herz gehört.“ Die sechs Songs beschreibt der Berliner als konzeptionelles Werk, bei dem die Tracks aufeinander aufbauen, sich ergänzen und Videos ästhetisch angepasst wurden. Mit schweren Themen und tiefen Beats bringen sie ein härteren Pop-Sound mit sich.
Anfang März erscheint seine zweite EP „irgendwann…“. „Das Projekt ist soundtechnisch viel, viel wärmer – und auch von den Videos her weicher“, so Noé. Darunter sind Songs wie „frieden“ und „lieblingslied“, Tracks, die sich mit dem Finden und Verlieren von Liebe beschäftigen. „Die EP ist nicht konzeptionell, sondern einfach autobiografisch, weil ich die Songs genau parallel zu dem, was ich erlebt habe, geschrieben habe. Und das lässt sich vorher schwierig planen.“
Was allerdings schon in Planung steht, ist ein Debütalbum – früher oder später. Denn für so ein Projekt möchte sich der Berliner die nötige Zeit nehmen. „Es gibt so ein paar Dinge, die muss man mit Samthandschuhen anfassen: die erste Tour, das erste Album“, erzählt er. „Die letzten anderthalb Jahre hab ich mich darauf konzentriert, meinen Sound zu finden. Ich will, dass man auf einem Album merkt, dass es eine Weiterentwicklung gibt.“
Ein bisschen warten müssen seine Fans also wohl noch. Doch keine Sorge: Live werden seine Songs auf jeden Fall auch nach der aktuellen „Zum ersten Mal frei“-Tour zu hören sein. „Es wird eine Möglichkeit geben, Tickets zu kaufen, auch wenn man vorher keine bekommen hat“, freut sich der Berliner und fügt zwinkernd hinzu: „Und es wird nicht die einzige Tour dieses Jahr bleiben.“
Mika Noé [19.3. 19:45 Uhr, Wizemann, Quellenstr. 7, S-Bad-Cannstatt, www.chimperator-live.de]

