Plötzlich ging’s nicht mehr – Stuttgarter erinnern sich an den Pre-Lockdown

Mein letztes Mal

Vom Judo-Ringer über den Pfarrer bis zur Escort-Dame: StuttgarterInnen erinnern sich an’s letzte Mal bevor Corona alles verändert hat.

Florian Buntfuss, Geschäftsführer beim Stuttgarter Club Climax Institutes

Foto: Ronny Schönebaum

„In den 24 Jahren Climax ist das eine einmalige Situation: Uns hat so gut wie nie etwas davon abgehalten, aufzumachen, das war Clubchef Michael Gottschalk immer wichtig. An den letzten Abend vor dem Lockdown erinnern wir uns daher noch gut: Wir hatten vor der Öffnung noch ein Personalmeeting anberaumt, um alle Hygienevorrichtungen durchzusprechen und kolloidales Silber zur Desinfektion zu verteilen.

Nicht nur beim Meeting saßen wir eng aufeinander, auch bei der „Fullproof“-Party am Abend hatten wir volles Haus: Die Leute dachten alle, Corona sei weit weg und es gab einen geradezu euphorisierenden Moment.

Der 13. März musste dann spontan abgesagt werden. Keiner hatte damit gerechnet. Allerdings bin ich seitdem fast beschäftigter als zuvor: Schon am zweiten Wochenende nach dem Lockdown fingen wir an, zu streamen und bauten unseren Online-Shop auf.

Wir stehen wieder in Kontakt mit Gästen, die uns supporten, das ist toll.

Wir nutzen die Zeit aber auch, um die Technik wieder auf Vordermann zu bringen und Kleinigkeiten zu reparieren. Und im Juli werden wir uns am digitalen Programm des CSD beteiligen.

Klar, unsere Gäste, unser Personal und der Dialog fehlen uns, wir sind aber auch in der glücklichen Position, dass es uns schon lange gibt und Micha noch einen zweiten Job hat, sodass wir ein kleines Polster aufbauen konnten – vielen anderen Clubs in Stuttgart geht es schlechter.“

Oliver Brehmer, Gastronom und Betreiber des Goldenen Ochsens und der Weinstube Eißele in Esslingen

Foto: Ronny Schönebaum

„Der Goldene Ochse ist noch geschlossen, die Weinstube Eißele habe ich aber mittlerweile wieder geöffnet. Leider zählt ihr Stammpublikum großteils zur Hauptrisikogruppe, und das merken wir auch: Die Umsätze sind katastrophal – trotz des Abholservices seit dem Lockdown.

In der Woche nach dem 13. März klingelte das Telefon ununterbrochen: Alle haben ihre Reservierungen storniert – 1.000 dürften es etwa gewesen sein. Wir hatten von jetzt auf nachher keine Gäs-te, keine Feiern, keine Hochzeiten mehr. Und so komisch es sich anhört: Als dann die endgültige Verordnung eine Woche später kam, war es für mich eine Erlösung, weil sich mir nicht mehr täglich die Frage gestellt hat, ob wir nun auf oder zu machen sollen. Und auch mit den Lockerungen ist es schwerer: Wir haben Trennwände, Desinfektionsmittel, Masken, aber die Leute sind verunsichert und haben keine Lust auf Feste, bei denen sie sich nicht umarmen und miteinander tanzen können.

Ich mache die Weinstube jetzt seit 16 Jahren, da hat man schon seine Rücklagen gebildet. Aber auch ich bin mittlerweile 57 und muss mich fragen, wie viel von meinen privaten Ersparnissen ich investieren kann und möchte: Die Gastronomie kostet mich im Moment monatlich 25.000 Euro. Wenn ich mich bei anderen Gas-tronomen umhöre, teilen wir unsere größte Angst: die vor einem erneuten Lockdown zur Weihnachtszeit. Das wäre für viele das Aus.“

Nicole Gryczan, Flugbegleiterin für Langstreckenflüge

Foto: Manuela Preissl

„An meinem letzten Arbeitstag war ich mit meinem Team in Chicago. Kurz vor dem Rückflug erfuhren wir, dass Präsident Trump ein Einreiseverbot für die USA verhängt hat.

Beim Rückflug –  meinem vorerst letzten – mussten wir beim Service in der Kabine sorgfältig desinfizieren und das Flugzeug war nur mit etwa 50 bis 60 Personen besetzt, da viele Geschäftsreisende lieber zu Hause blieben.

Momentan kann ich als Flugbegleiterin noch immer nicht auf Langstreckenflügen arbeiten, einzig für Cargo-Flüge, die beispielsweise Schutzmasken aus China importieren.

Problematisch ist diese Flugpause für mich auch, weil ich regelmäßig Schulungen zur Lizenzerhaltung wahrnehmen muss, um weiterhin als Flugbegleiterin arbeiten zu können. Diese finden momentan online und für den praktischen Teil in nur sehr kleinen Gruppen vor Ort statt.“

André Ehrmann, Ringer, Dritter Deutscher Meister 2017, ringt in der Oberliga

„Momentan sind Ringwettkämpfe verboten. Meine letzte Ringerrunde hatte ich im Dezember. Im Mai und Juni hätten die Baden-württembergischen Meisterschaften stattgefunden, diese wurden jedoch leider abgesagt. Der neue Rundenstart ist auf Mitte Oktober verschoben worden,  auch der ist aber noch ungewiss.

Neben den Wettkämpfen trainiere ich normalerweise viermal die Woche. All das ist weggefallen. Körperlich und auch psychisch ist das Ganze ein enormer Rückschlag, denn Ringen basiert auf engen Körperkontakt und ist ein Teamsport. Man braucht einen Partner, ohne geht es nicht.

Ich vermisse mein Team und brauche Alternativen. Um mich körperlich auszupowern und fit zu halten, mache vor allem Ausdauer- und Krafttraining.

Für den Teamgeist haben wir während der Kontaktbeschränkungen als Team auch über Videokonferenzen virtuell miteinander trainiert, um im Austausch zu bleiben.“

Pfarrer Michael Schneider, Evangelischer Kirchenbezirk Waiblingen, Gemeinde Endersbach

Foto: Ronny Schönebaum

„Ich erinnere mich noch genau an meinen letzten Gottesdienst in der Kirche am 7. März. Ich hätte natürlich nicht gedacht, dass es das vorerst letzte Mal in der Kirche sein wird.

Dann entschieden wir uns, den Gottesdienst nach draußen auf den Anhänger eines Traktors zu verlegen. Wir sind drei Ortschaften angefahren und ich habe für etwa 20 Minuten gepredigt. Das Angebot wird so gut angenommen, dass wir für den August fünf weitere Termine planen und auch im nächsten Jahr damit weitermachen möchten.

Inzwischen finden wieder Got-tesdienste bei uns im Pfarrgarten statt, außerdem verteilen wir jeden Sonntag über 170 Hausandachten für die Risikogruppen. Was vielen besonders fehlt, ist das Singen. Es ist selbst draußen untersagt, dabei ist die singende Gemeinde ein wichtiger Ausdruck des Glaubens. Trotzdem ist die Traktorkirche eine tolle Alternative. Für Weihnachten habe ich schon den Sportplatz reserviert.“

Ben Engelhard, Klimaaktivist bei Fridays for Future

Foto: Ronny Schönebaum

„Unsere letzte Fridays-for-Future-Demo in Stuttgart war am Valentinstag – damals ahnten wir nicht, dass es die vorerst letzte sein würde. Die nächste Demo wäre am 13. März gewesen, aber wir haben dann sehr schnell beschlossen, dass wir das nicht verantworten können. Wir fordern ja nicht umsonst von Politik und Gesellschaft, auf die Erkenntnisse der Wissenschaft zu hören. So etwas wie die Demos auf dem Wasen kam für uns nicht infrage.

Im Lockdown habe ich meine Energie in das Magazin „Druck!“ gesteckt. Darin erscheinen jetzt wöchentlich Artikel von der Fridays-for-Future-Ortsgruppe aus Stuttgart. Anders als auf den Demos können wir dabei mal in die Tiefe gehen und uns auch über unsere eigenen Positionen klar werden. „Druck!“ war auch ein Ventil für die fehlenden Streiks, aber inzwischen hoffen wir, dass es als deutsches Klimamagazin bekannt wird.“

Madlene, Escort-Modell bei der Stuttgarter Agentur Diana

Foto: Ronny Schönebaum

„Für uns war Corona lange weit weg. Aber plötzlich saß ich mit meinen beiden Kindern zuhause und hatte kein Einkommen mehr – da bin ich schon in ein Loch gefallen. Gott sei Dank hat meine Mutter mir finanziell ausgeholfen, auch mein Vermieter kam mir entgegen.

Unser Beruf ist nun mal nah am Menschen, wir sind deshalb sicher die letzten, die wieder arbeiten dürfen. Ich vermisse meine Arbeit sehr – ich traf ja nicht nur fremde Gäste, sondern auch viele Stammkunden. Mir fehlen die Gespräche und der Austausch. Denn bei Begleitagenturen dreht es sich ja nicht nur um das eine, wir gehen zum Beispiel auch mit Geschäftsreisenden essen, die alleine in der Stadt sind.

Manche in der Politik wollen Corona nun als Chance nutzen, Prostitution zu verbieten – ich finde es zwar richtig, dass scharf gegen Zwangsprostitution vorgegangen wird, aber man darf nicht vergessen, dass da auch ganz viele Existenzen dranhängen.“

Dieser Artikel ist aus LIFT 07/20

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