Vor Ort: Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen – Folge 127

Mit der Menschenrechtlerin Maïmouna Obot in der Kirche St. Barbara in S-Hofen

Text: Frank Rudkoffsky, Foto: Ronny Schönebaum

Choose your Fight!

Während draußen die Welt unterzugehen scheint, herrscht in der menschenleeren Wallfahrtskirche St. Barbara in Stuttgart-Hofen Stille – wir haben es gerade noch rechtzeitig vor dem Platzregen hineingeschafft.

Maïmouna Obot ist Juristin und studiert derzeit auch Theologie, sie engagiert sich in Stuttgart bei der Initiative Schwarzer Menschen, kämpft als Christin für die Aufarbeitung von Rassismus in der Kirche und hilft als Menschenrechtlerin verstoßenen Kindern in Nigeria. Sie war Personalchefin beim Landeskriminalamt und arbeitet jetzt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Und weil das alles nicht reicht, hat sie sich auch noch einen Kanal mit schwäbischer Mundart-Comedy auf Youtube zugelegt. Erst vorletzte Nacht, erzählt Obot, habe sie keine Minute schlafen können, weil sie etwas so beschäftigt habe – wen wundert's...

Wenn ihr alles zu viel geworden ist und sie Zeit zum Durchatmen braucht, kommt sie in die Wallfahrtskirche. Ein bisschen ist es wie mit ihrer Heimat Stuttgart, in die sie nach Stationen unter anderem in Köln, Lübeck oder München zurückgekehrt ist: „Wenn man so viel Kontra von allen Seiten bekommt, braucht man einen Raum, an dem man angenommen wird“, sagt die 38-Jährige. Dass sie manchmal nur schwer zur Ruhe findet, glaubt man ihr angesichts der vielen Aufgaben, denen sie sich verschrieben hat, sofort.

Bekannt wurde sie vor allem für ihre ehrenamtliche Arbeit in Nigeria: 2016 gründete sie mit Storychangers einen Verein zum Schutz sogenannter Hexenkinder, die in Nigeria von Verstoßung, Exorzismus oder gar Tod bedroht sind, nur, weil sie von Pastoren oder im eigenen Umfeld der Hexerei bezichtigt werden.

Zuletzt war sie im Frühjahr in Nigeria und wäre dank Corona beinahe dort gestrandet. „Plötzlich ging alles Schlag auf Schlag. Und mir der Hintern auf Grundeis“, lacht Obot. Sie erwischte gerade noch den letzten Flieger.

Geplant war ihr Engagement für die Hexenkinder nicht. „Es war eher wie bei einem Unfall“, sagt Obot. „Da kann man sich auch nicht aussuchen, ob man Erste Hilfe leisten will. Es gab bei meiner ersten Reise nach Nigeria noch niemanden, der etwas dagegen unternahm.“

Neben der Aufklärungsarbeit gibt es dank des Vereins inzwischen ein Heim für verstoßene Kinder. Zudem veranstaltet Obot jährlich Seminare mit nigerianischen Pastoren, um dem Hexenglauben entgegenzuwirken.

„Choose your Fight“, hat ihr eine Freundin einmal geraten. Manchmal fällt das der 38-Jährigen gar nicht so leicht – besonders, wenn es um die Religion geht. Der Glaube spielt eine große Rolle in ihrem Leben. Vor Kurzem wollte ihr eine Glaubensschwester aber auch beim Kaffee weismachen, dass die Black-Lives- Matter-Bewegung vom Teufel unterwandert sei. Obot lehnte das Gespräch höflich ab und twitterte dann darüber, Hashtag: Selbstbeherrschung.

Wenn es darum geht, Rassismus in den Kirchen aufzuarbeiten, stößt sie nur selten auf offene Ohren. „Manche sehen mich als Nestbeschmutzerin“, sagt Obot. Auf der Gegenseite findet sie aber ebenfalls kaum Unterstützung: „In der schwarzen Community denken viele, als schwarzer Christ habe man sein kolonialrassistisches Erbe nicht überwunden.“ Aus der Kirche auszutreten sei für sie keine Option. „Der britische Parlamentarier William Wilberforce wurde 40 Jahre dafür ausgegrenzt, dass er die Sklaverei abschaffen wollte – bis er es endlich schaffte. Für die Zukunft lohnt sich der Kampf, auch wenn er schwer ist“, macht sie sich Mut.

Als der Regen aufhört, laufen wir gemeinsam zur U-Bahn, zurück in die Stadt, wo sie in der Nähe des Europaviertels beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeitet.

Aufgewachsen ist Obot in Heslach, jetzt wohnt sie hier um die Ecke in Münster. Dort ist sie raus aus der Stadt und näher am Neckar, kann joggen gehen, ohne sich blöde Kommentare anhören zu müssen. Ein Ruhepol, wieder einmal. Allzu gemächlich darf es dann aber doch nicht sein, deshalb ist sie fast immer mit ihrem Tretroller unterwegs, auch jetzt. „Sehr praktisch, wenn man hohe Schuhe trägt“, lacht sie.

Der Tretroller spielt auch eine Rolle in ihrer Karriere. Zum Bewerbungsgespräch als Personalchefin beim LKA sei sie in Minirock, High Heels und Tretroller gekommen, so sprach es sich jedenfalls herum. Wahr ist nur das letzte.

Alltagsrassismus und Sexismus erlebte sie in jedem Job – und sprach das stets auch offen an. Vielleicht ist es diese Offenheit, die ihr die Arbeit in Behörden wie etwa dem Bundesverwaltungsamt, dem Bundesnachrichtendienst oder zuletzt beim LKA nie leicht machte: „Ich stieß an drei gläserne Decken: als Frau, als Schwarze und als jemand ohne Netzwerk.“

Wieder so ein Kampf, den sie sich nicht ausgesucht hat. Viel darüber sagen darf sie nicht, so viel dann aber doch: Man ging nicht im Besten auseinander beim LKA.

Seit Mai arbeitet sie beim BAMF, und es ist das erste Mal, dass sie in einer Behörde nicht ausschließlich von Weißen umgeben ist. „Das ist natürlich positiv, aber dass es ausgerechnet hier so ist, hat für mich auch ein Geschmäckle – so nach dem Motto: Räumt euren Mist doch selber auf!“

In die Antirassismusarbeit wollte sie eigentlich nie gehen, jetzt redet sie aber öffentlich über BLM und Polizeigewalt wie zum Beispiel in der Stuttgarter Online-Talk-Reihe „100 % Mensch“. Choose your fight? Manchmal drückt einem die Gegenwart den Kampf auf. Als Dozentin hielt sie mal einen Vortrag über Racial Profiling vor 20 angehenden PolizistInnen und konnte nur sieben von ihnen überzeugen, dass die Polizei-Praxis rassistisch ist.

Die BLM-Bewegung und all die Bücher über strukturellen Rassismus gebe es ja schon länger, habe aber zu wenige interessiert, sagt Obot. Nun hofft sie, dass der Tod George Floyds etwas bewirken könne, „sodass auf seinem Grab ein Baum wächst“.

Trotz ihrer Kämpfe wirkt sie nicht verbittert, sie weiß, dass sie den Zeitgeist auf ihrer Seite hat. Zudem ist ihr wichtig, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen – darum auch der Youtube-Kanal „Mai mit Trema“, der während des Lockdowns entstand.

Dort bruddelt sie in breitestem Schwäbisch über alles Mögliche. Das ist zwar amüsant, dient, wie Obot zugibt, manchmal aber auch zum Aggressionsabbau – etwa, wenn sie sich über eine Zeitungskolumne zum Thema Rasse im Grundgesetz aufregt. Choose your Fight? Choose your Weapon! 

 

[www.storychangers.de]

Dieser Artikel ist aus LIFT 08/20

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