Betreten auf eigene Gefahr

Der LIFT-Hood-Check: Was sind die gefährlichsten Plätze Stuttgarts?

Die Krawallnacht am Eckensee hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt, dabei wissen es Stuttgarter schon längst: Das G in Kessel steht für Gefahr. Ohne Rücksicht auf Verluste hat sich LIFT an die heißesten Pflaster der Stadt gewagt – und dabei herausgefunden, um welche Plätze man besser einen großen Bogen machen sollte.

Der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt

Früher tatsächlich ganz hübsch, inzwischen eine Verkehrsinsel für Wagemutige: Das Platz im Namen steht hier vor allem für: „Platz da!“ Für Fußgänger ist der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt ein Abenteuer, das seinesgleichen sucht. Sagenhafte 105 Ampeln regeln den Verkehr für täglich 35.000 Autos und 84 stündlich ankommende ÖPNV-Fahrzeuge. Wer zu Fuß von einer Seite zur anderen will, fühlt sich wie in einem Jump’n’Run-Game im schwersten Level – allerdings mit nur einem Leben. Hier wird die Stadt selbst zum Bossfight! Pilze oder andere Substanzen, die einem im Umfeld des Wilhelmsplatzes zur In-Game-Stärkung angeboten werden, sollte man trotzdem lieber Profis wie Super Mario überlassen.

Der Südheimer Platz

Egal, wie hart du bist, die Muskeln von Franco vom Bihlplatz sind härter. An den Open-Air-Trainingsgeräten hier wird nämlich gepumpt und gepost, bis der Bizeps platzt. No Pain, no Gain, Ass to Grass, Shut up and Squat. Der Venice Beach Stuttgarts ist nichts für Weicheier, hier werden Herkules’ und Heras gemacht, oder eben die, die es gerne wären. Oberste Regel: Beim kleinsten Sonnenstrahl das Shirt ausziehen. Soll ja auch jeder sehen, dass man sich die vergangenen Monate einen Protein-Shake nach dem nächsten reingezimmert hat. Dass das manchmal eher das Gegenteil vom gewünschten Effekt erzielt hat (200 kcal auf 100 ml, Freunde!), ist wurscht, Hauptsache das Selbstbewusstsein fühlt sich nach Pumping Iron an.

Der Marienplatz

Man munkelt, dass hier einmal Bäume standen und gefährliche Jungs im Dickicht mit verbotenen Pflanzen dealten. Inzwischen haben sich die Dealer andere Plätze gesucht, hier werden jetzt stattdessen Viren unter die Leute gebracht – und das dank Lisa und Max, die beide gerade 18 geworden sind und mit ihren engsten 137 Freunden am hippen Marienplatz abhängen. Dazu gibt’s Sekt, Wodka-O und Pizza en masse. Gemeinsam wird gesoffen, bis die Polizei kommt und freundlich darauf hinweist, dass wir immer noch mit einer globalen Pandemie kämpfen. Kein Ding Bruder, dann wird halt zuhause weitergefeiert. Gefährlich wird’s dann erst wieder für die Kids, die sich am nächsten Morgen den Weg zum Spielplatz am Marienplatz durch ein Sammelsurium von Pizzakartons, Glasscherben und Zigarettenstummeln bahnen müssen. Aber hey: YOLO.

Der Schlossplatz

Härtester Platz Stuttgarts für alle, die um ihre Privatsphäre und Medienpräsenz besorgt sind. Einmal nicht hingeschaut – klick, schon ist man, ohne es zu merken, im Hintergrund einer Instagram-Story gelandet. Zu spät geduckt – klick, hat man das obligatorische Touri-Foto am Brunnen von Familie Petersen gephotobombt. Klick, der unfreiwillige Background-Auftritt bei einem Dreh für die Landesschau ist im Kasten. So schnell rennen, ausweichen und die Tasche vors Gesicht halten kann man gar nicht, wie hier Auslöser gedrückt werden. Da hilft nur ein großer Bogen drum herum oder eine Geheimagenten-Ausbildung (wegen Laserfallen ausweichen und so, ihr wisst schon). Mit der geplanten Videoüberwachung an zentralen Plätzen der Stadt kann man sich das mit der Privatsphäre dann aber auch vollends stecken.

Der Bismarckplatz

Unglücklich Single und Angst, für immer allein zu bleiben? Oder glücklich mit dem Partner, solange niemand das Stichwort „Kinder“ erwähnt? In beiden Fällen gilt: Fernbleiben! Der Stuttgarter Westen rund um den Bismarckplatz ist die Gebärmutter unter den Kiezen. Tagtäglich werden hier neue Mias, Emmas, Noahs oder Leons in den Kessel gespuckt – man begegnet ausschließlich Müttern mit Kinderwagen oder Buggys, die sie mit gestreckten Armen vor sich herschieben, um Platz für ihre abermals runden Bäuche zu lassen. Wessen biologische Uhr nach einem Nachmittag am Bismarckplatz nicht zur tickenden Zeitbombe geworden ist, der ist auf dem Kirchplatz vermutlich von einer wilden Dreirad-Bande über den Haufen gefahren worden.

Der Erwin-Schöttle-Platz

Wer glaubt, das französische Boule-Spiele sei ein lockeres Kugelstoßen, sollte sich nicht nach Heslach trauen. Denn die Herren, die dort vom Mittag bis in den späten Abend den Boule-Platz belegen, nehmen die Sportart mindestens so ernst wie einst Erwin Schöttle seine Politik. Eiserne Kugeln fallen pausenlos in den Sand. Kommuniziert wird ausschließlich mit trockenen, kaum sichtbaren Handbewegungen. Ein Nicken des Schiedsrichters, der am verschwitzten Polo-Hemd zu erkennen ist, ist das höchste der Gefühle. Selten geht ein Raunen durch die Zuschauer, die auf den umstehenden Parkbänken Platz nehmen. Mitspielen oder übers Feld zum Bus rennen? Lieber nicht. Sonst treffen einen die Kugeln – oder zumindest vernichtende Blicke.

Illustrationen: Sua Balac, Texte: Redaktion

Dieser Artikel ist aus LIFT 09/20

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