Raus aus der Dauernotlage

Fotos:Illustrez-vous/Adobe Stock (li.), Ronny Schönebaum (o.re.), Housing First (u.re.)

Kann Housing First die Wohnungsnot in Stuttgart mindern?

Bezahlbarer Wohnraum in Stuttgart ist Mangelware. Doch nicht nur Menschen mit geregeltem Einkommen suchen teils verzweifelt nach einer Wohnung – besonders schwer haben es jene, die auf der Straße oder in prekären sozialen Verhältnissen leben müssen.

Und in Stuttgart sind das nicht gerade wenige: Laut Caritas leben in Stuttgart schätzungsweise bis zu 150 Obdachlose, also Menschen, die im Freien übernachten. Hinzu kommen rund 5.350 Wohnungslose, die übergangsweise in Sozialhotels oder Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe untergebracht sind.

Für diese Menschen war es bisher fast unmöglich eine eigene Wohnung zu finden, die einerseits bezahlbar, andererseits längerfristig gesichert ist. Im bestehenden Sys­tem der Stuttgarter Wohnungsnotfallhilfe bekommt meist nur eine eigene Wohnung, wer sich vorab auf sozialarbeiterische und beratende Maßnahmen einlässt – etwa um die gesellschaftliche Wiedereingliederung nach einer Haft zu meistern, eine Sucht oder psychische Probleme zu bekämpfen.

Betroffene kommen dann von einer Notunterkunft in eine ambulante oder stationäre Unterbringung, wo sie für eine bestimmte Zeit bleiben können. „Manche fühlen sich dort auch wohl, andere aber nicht. Diese fallen im bestehenden System leider durchs Raster“, so Harald Wohlmann, Bereichsleiter für Armut, Wohnungsnot und Schulden bei der Stuttgarter Caritas, die das neue Projekt Housing First als geschäftsführender Träger fördert.

 

„Wohnraum ist ein Grundrecht“

Nachdem Housing First in mehreren europäischen Metropolen bereits erfolgreich durchgeführt  wird, startet das Modellprojekt nun auch in Stuttgart. „Das Projekt wurde in Berlin ausführlich evaluiert und zeigt eine Wohnstabilität von etwa 97 Prozent“, so die Stuttgarter Projektleiterin Ina Thaidigsmann (1. v. li.).

Doch wie unterscheidet sich Housing First von der sonst üblichen Handhabung? Das Projekt kehrt das bisherige System der Wohnungsnotfallhilfe um: Zuerst wird Wohnungslosen eine eigene Mietwohnung mit unbefristetem Mietvertrag vermittelt, danach werden die Gründe für den vorherigen Wohnungsverlust geklärt und mithilfe von SozialarbeiterInnen angegangen. Das Ziel: Die Dauerschleife aus Stress­situationen ohne festen Rückzugsort unterbrechen.

„Wohnraum ist ein Grundrecht, das man sich nicht erst verdienen muss“, davon ist Harald Wohlmann von der Caritas überzeugt. „Wohnungslosigkeit bedeutet Stress und Anspannung – erst aus der Sicherheit und Geborgenheit einer eigenen Wohnung heraus, kann man die eigenen Sachen richtig anpacken.“

Das bestätigt auch Svenja Köstler von Housing First (2. v. li.): „Das Prob­lem an Konzepten ohne festen Mietvertrag ist, dass die Menschen nicht aus dieser Schleife herauskommen. Durch den unbefristeten Mietvertrag hat man eine Bleibeperspektive.“

Das Wohnungsprogramm für Obdachlose und Wohnungssuchende ist vorerst auf vier Jahre angelegt und wird seitens der Stadt Stuttgart mit 1,8 Millionen Euro unterstützt. Neben der Caritas sind als Partner die Ambulante Hilfe, die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (Eva) sowie die Sozialberatung Stuttgart beteiligt. Über die kommenden vier Jahre sollen insgesamt 50 Wohnungen vermittelt werden. Sollte das bis Ende 2025 gelingen, soll das Projekt fortgeführt werden.

 

Mietvertrag trotz Haft

„Das Wohnungslosenhilfesystem in Stuttgart ist überlastet, es gibt zu viele Menschen, die eine Wohnung suchen“, so Alexandra Sußmann, Bürgermeisterin für Soziales und gesellschaftliche Integration. „Housing First soll das Sys­tem entlasten und eine schnellere Versorgung mit Wohnraum ermöglichen.“

Um das zu erreichen, werden vor allem Ein- bis Zweizimmerwohnungen für Alleinstehende, aber auch für Paare und Familien gesucht. „Wir suchen Wohnungen, die unterhalb der Mietobergrenze liegen, also unterhalb des Vertrags, der vom Job-Center oder Sozialamt als angemessen gilt und finanziert wird“, erklärt Projektleiterin Ina Thaidigsmann, die gemeinsam mit ihrem Team Anlaufstelle für VermieterInnen und MieterInnen ist. „Dabei handelt es sich aktuell um eine Kaltmiete von 525 Euro für eine Wohnung mit bis zu 45 Quadratmetern.“ Je größer die Wohnung, desto höher der Mietpreis.

Mit Blick auf die horrenden Preise auf dem Stuttgarter Wohnungsmarkt sind Wohnungen in diesem Preissegment aber eine Seltenheit. Thaidigsmann ist dennoch zuversichtlich: „Es ist nicht einfach, solche Wohnungen zu bekommen, aber es gibt sie.“

Anders als bei den sogenannten Garantiemietverträgen, für die die Stadt Stuttgart in den letzten Jahren kaum VermieterInnen gewinnen konnte, müssen VermieterInnen sich bei Housing First nicht auf Zehn-Jahres-Mietverträge verpflichten, sondern gehen nur einen unbefristeten Vertrag ein – den sie im Rahmen der gesetzlichen Regelungen wieder auflösen können.

Und das Interesse am Projekt ist da. „Auf MieterInnen-Seite sind es meist alleinstehende Personen, die sich für unser Projekt interessieren“, so Svenja Köstler von Housing First. „Wir haben aber auch schon Anfragen von Familien oder von Menschen bekommen, deren Kinder aktuell in anderen Haushalten untergebracht sind. Um diese wieder zu sich holen zu können, benötigen sie eine eigene und geeignete Wohnung.“ In einer Einrichtung der Wohnungsnotfallhilfe ist das bisher nicht möglich.

 

Wohnungen aus privater Hand

An das Büro von Housing First werden Wohnungssuchende in der Regel von Trägern, Fachberatungsstellen oder Streetworkern verwiesen. Sind eine passende Wohnung sowie ein oder eine MieterIn gefunden, organisiert Housing First zwei Aufnahmegespräche, in denen die soziale und finanzielle Situation des oder der MieterIn abgesteckt wird.

Alles passt? Die anschlie­ßende Wohnungsbesichtigung und das darauffolgende Mietverhältnis läuft dann unabhängig von der sozialarbeiterischen Betreuung – das ist der Grundgedanke des neuen Projekts.

Bei Fragen und Problemen steht das Team von Housing First Vermietenden und MieterInnen aber beratend zur Seite. Ebenso sind die VermieterInnen über Housing First abgesichert: „Es ist uns bewusst, dass Vermietende reibungslose Mietverhältnisse wünschen – etwa die pünktliche Mietzahlung“, so Projektleiterin Ina Thaidigsmann.

Und wie steht es um die Wohnungsangebote? Noch sucht das Team von Housing First händeringend nach geeignetem Wohnraum. „Wir nehmen mit  Wohnbaugenossenschaften und großen Wohnungsunternehmen aktuell Kontakt auf“, erklärt Svenja Köstler von Housing First. „Es haben sich aber auch schon Privatleute bei uns gemeldet, die Wohnraum zur Verfügung stellen möchten. Erfolgreich vermittelt haben wir bisher eine Wohnung.“

Damit weitere Vermittlungen gelingen und so die Wohnungsnot in Stuttgart vermindert werden kann, ist also noch einiges zu tun.

Genossenschaften wie die Stuttgarter Wohnungs- und Städte­baugesellschaft (SWSG) sind laut Sozialbürgermeister Alexandra Sußmann allerdings nicht die  Zielgruppe des neuen Projekts: „Die SWSG unterstützt uns schon in vielen Bereichen – etwa, wenn es um die Vermittlung von Wohnraum an Geflüchtete geht. Es gibt aber auch so viele andere Wohnbauträger und private sowie gewerbliche VermieterInnen in Stuttgart“, so Sußmann. Sie appelliert an die Solidarität der BürgerInnen, die über freien Wohnraum verfügen.

Edith Wolf von der Vector Stiftung, die das Projekt mit 150.000 Euro unterstützt, wünscht sich dagegen, „dass nicht nur private und gewerbliche VermieterInnen, sondern auch die Stadt oder die beteiligten Träger, die ja selbst Wohnungseigentümer sind, ihren Beitrag leisten und eine kleine Quote davon für Housing First zur Verfügung stellen.“

Ob das Projekt auch ohne diese Unterstützung Früchte trägt, die Wohnungsnot in Stuttgart mindern und Obdachlosen tatsächlich eine neue Perspektive bieten kann, bleibt abzuwarten. 

 Nina Scheffel

 

Housing First [Urbanstr. 53, S-Mitte, Mo, Mi+Fr 9-12, Do 14-16 Uhr+n. Vereinb., www.housing-first-stuttgart.de]

Spenden für Obdachlose

Ambulante Hilfe

Der Verein hilft Obdachlosen und sozial Benachteiligten. Beratungsgespräche, Hilfe beim Beantragen von Sozialleistungen sowie bei Problemen mit Schulden oder vor Gericht sind nur einige derHilfstätigkeiten. [IBAN: DE18 6005 0101 0001 1550 02, www.ambulantehilfestuttgart.de]

 

Bahnhofsmission Stuttgart

Die Stuttgarter Bahnhofsmission hilft nicht nur Menschen in Notlagen, sondern bietet Obdachlosen auch einen Platz zum Aufwärmen, Essen abholen oder Hilfe bei der Beantragung einer Notunterkunft. [IBAN: DE58 5206 0410 0005 0159 95, www.bahnhofsmission.de]

 

Förderverein Helfende Hände

Der Förderverein hilft neben Jugendlichen, Familien und SeniorInnen auch um Obdachlose – etwa in Form von Lebensmittelspenden, Kleidung und Hygieneartikeln. [IBAN: DE22 3006 0601 0004 8849 73, www.helfendehaendeev.de]

 

Trott-war

Ziel des Vereins ist es, obdachlosen Menschen ihre Beteiligung am sozialen Leben zurückzugeben – etwa durch die Mitarbeit an der Straßenzeitung. Unterstützen kann man den Verein mit Sach- oder Geldspenden. [IBAN: DE 4060 0501 0100 0110 2323, www.trott-war.de]

 

Spenden für Geflüchtete

Refugio Die Beratungsstellen des psychosozialen Zentrums für traumatisierte Geflüchtete in der Region Stuttgart hilft in Einzel- und Gruppensitzungen bei psychischen Problemen. [IBAN: DE54 5206 0410 0000 4143 87, www.refugio-stuttgart.de]

 

Freundeskreis Neckarpark Die Einrichtung kümmert sich um die Aufnahme und Integration von Geflüchteten. Es finden Beratungen statt, zudem unterstützt der Freundeskreis die Menschen bei Amtsangelegenheiten. [IBAN: DE65 6005 0101 0004 6390 75, www.freundeskreisneckarpark.de]

 

Stelp Diese Hilfsorganisation hilft mit einem Netzwerk von Ehrenamtlichen, PartnerInnen und SponsorInnen, wo die Not am größten ist. Ehrenamtliche HelferInnen setzen sich weltweit sowie im Kessel für Geflüchtete ein. [IBAN: DE32 4306 0967 7001 8011 00, www.stelp.eu]

 

S.O.S. Ukraine UkrainerInnen haben sich seit Anfang des Krieges in dieser Initiative organisiert, um humanitäre Spenden in die Ukraine zu schicken. Erwünscht sind sowohl Sach- als auch Geldspenden. [IBAN: DE48 6005 0101 0405 5601 69, www.ukraine-sos.eu]

 

Spenden für Kleine

Stuttgarter Kinderschutzzentrum Kinder, die zuhause Probleme haben oder Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben finden hier eine Anlaufstelle. [IBAN DE85 6005 0101 0002 3597 97, www.kisz-stuttgart.de]

 

Kindheitstraum Sozial benachteiligten oder kranken Kindern aus finanziell schwachen Umfeldern zu helfen, ist das Ziel dieser Initiative. Um materielle Wünsche zu erfüllen, helfen vor allem Geldspenden. [IBAN: DE62 6025 0010 0015 1183 34, www.kindheitstraum-stuttgart.de]

 

Kifu Stuttgart Kifu steht für Kinderfreundliche Umwelt. Die Sozialeinrichtung ist aber viel mehr als das. Im Zusammenarbeit mit dem Verein Deutsche Lebensbrücke bietet sie bedürftigen Kindern einen  Rückzugsort sowie ein kostenloses Mittagessen. [IBAN: DE78 7008 0000 0335 5330 00, www.lebensbruecke.de]

 

Schlupfwinkel Jugendliche, denen es zu Hause unerträglich geworden ist, finden hier einen Rückzugsort. Egal, ob Schwierigkeiten mit den Eltern, in der Schule oder mit Behörden – hier wird ihnen geholfen. [IBAN: DE87 6005 0101 0002 1676 04, www.schlupfwinkel-stuttgart.de]

 

Spenden für Tiere

Fellnasen Stuttgart  Tiere, die ausgesetzt worden oder krank sind, oder von überforderten Tierhalter­­­Innen nicht mehr versorgt werden können, werden hier von Ehrenamtlichen aufgenommen und gepflegt. [IBAN: DE64 6116 1696 0239 9430 15, www.fellnasen-stuttgart.de]

 

Help for Paws Stuttgart Der Stuttgarter Verein sorgt dafür, dass Hunde und Katzen ein neues und liebevolles Zuhause finden. TierfreundInnen können hier auch Tier-Patenschaften übernehmen. [IBAN: DE98 6005 0101 7415 0263 28, www.help-for-paws.de]

 

Vergessene Pfoten Stuttgart

Hilfe für Tiere in Not und die Vermittlung an neue verantwortungsvolle BesitzerInnen – dafür setzt sich die Initiative  ein. Neben Geldspenden werden Futterspenden für Hunde und Katzen in Rumänien gesammelt. [IBAN: DE55 6005 0101 7412 0587 08, www.vergessene-pfoten-stuttgart.de]

Dieser Artikel ist aus LIFT 12/22

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