Gebärden der Geschichte

Wenn Geschichte mit den Händen spricht

Am 10. Dezember feiert das besonderes Theaterstück Uraufführung im Theater Rampe. Worum es im Stück geht und wie die Inszenierung entstanden ist, haben uns die beiden RegisseurInnen im Interview verraten.

„Es ist ein Experiment. Ein Experiment im Entstehen“ – Stephanie Mündel-Möhr und Jasmin Schädler sind die Regisseurinnen des Stücks „Gebärden der Geschichte“.  Mündel-Möhr ist Taub*, Schauspielerin und Regisseurin, Schädler ist hörend und Teil der Initiative „INTERAKT“, die Künstlerlnnen in interdisziplinären Projekten zusammenbringt. Gemeinsam haben sie ein bilinguales Stück geschaffen, das die hörende und Taube Welt miteinander vereint und die Geschichte Tauber Menschen in Baden-Württemberg in den Fokus rückt.

„Ich glaube, das ist etwas Neues, was vielen nicht bekannt ist“, erzählt Mündel-Möhr. Schädler ergänzt: „Es herrscht großes Unwissen. Viele Menschen hatten noch keine Berührungspunkte mit Tauben Menschen. Wissen gar nicht, dass die Deutsche Gebärdensprache eine eigene Sprache ist, mit Dialekten, einer eigenen Kultur und Geschichte.“ Außerdem gäbe es zu wenig kulturelle Angebote auf Deutscher Gebärdensprache, obwohl die Nachfrage da sei.

Also haben sie ein solches Angebot selbst geschaffen und nehmen die ZuschauerInnen mit auf eine Zeitreise: Vier ProtagonistInnen verkörpern historische Menschen und Zeiten. Dafür haben die Regisseurinnen viel recherchiert, waren im Stuttgarter Archiv, haben Erfahrungsberichte gesammelt, Interviews geführt – unter anderem mit Heike Heubach, der ersten Tauben Abgeordneten im Deutschen Bundestag.

„Es soll aber keineswegs ein akademischer Vortrag werden“, lacht Mündel-Möhr. Die geschichtlichen Fakten haben sie ins Dramaturgische übersetzt, mit Leben gefüllt. Die vier Zeitreisenden stellen historische Figuren dar – oder sind daran angelehnt – und zeigen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Ein Gebärden-Ensemble agiert als Zeitmaschine und begleitet die ProtagonistInnen durch Raum und Zeit.

Die bilinguale Umsetzung war ein Balanceakt – ihr Ziel: alle sprachlich abholen, Wissen übermitteln, die Welten vernetzen und dabei ein Erlebnis schaffen, das Spaß macht. Im Stück werden Laut- und Gebärdensprache teilweise zeitgleich stattfinden, manchmal werden lautsprachbegleitende Gebärden als visuelle Ankerpunkte eingesetzt – dies ist keine eigenständige Sprache, sondern ein System zur Visualisierung von Lautsprache. Außerdem gibt es Übertitel sowie eine Audiodeskription.

Inklusion haben sie von Anfang an mitgedacht, erzählen die Regisseurinnen. Auch die Spielstätte Theater Rampe hat sich aktiv gezeigt und einen Gebärdensprachkurs für seine Belegschaft organisiert. „Uns ist wichtig, zu zeigen, dass Inklusion Spaß macht. Es ist keine Bürde oder anstrengende Aufgabe, sondern unglaublich bereichernd“, sagt Schädler. Sie sieht das Stück als Vorzeigeprojekt. Mündel-Möhr ergänzt: „Wir wollen die Geschichte von Tauben Menschen erzählen, die Gebärdensprache und Kultur sichtbar machen. Und zwar so, dass alle daran teilhaben können.“

Die Uraufführung findet am 10. Dezember um 19 Uhr im Theater Rampe statt. Weitere Termine gibt es vom 11. bis 13. Dezember.

 

Gebärden der Geschichte [10.-13.12., versch. Uhrzeiten, Theater Rampe, Filderstr. 47, S-Süd, www.interakt-initiative.com]

 

* „Taub“ mit großem T betont die kulturelle und sprachliche Identität der Gebärdensprachgemeinschaft. 

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