Sommer 2024: Ganz Stuttgart ist im Fußballfieber. Über 900.00 Menschen sammeln sich im Kessel, um die Europameisterschaft der Männer gemeinsam zu feiern. Die Stimmung bei den Fans ist ausgelassen, die Stadt baut die gesamte City zur „Fan-Zone“ um – für teures Geld.
Über einen Monat lang finden in neun deutschen Städten Spiele der Männer-EM statt, darunter auch fünf Spiele in Stuttgart. Dafür investierte die Stadt nicht gerade wenig: Über 30 Millionen Euro kostete die EM, hinzu kamen 20 Millionen Euro für die Sanierung der MHP-Arena. Die Begründung: Der hohe Aufwand sorge für die Etablierung des Images als „Sportstadt“.
Sommer 2029: Die Frauen-Fußball-EM steht an. Aber das Fußballfieber in Stuttgart wird wohl ausbleiben. Denn in der MHP-Arena werden auf Wunsch des Gemeinderats keine Spiele der Frauen-Fußball-EM im Kessel stattfinden. Die Entscheidung wirft viele Fragen auf: Rechnet die Stadt etwa nicht mit demselben Interesse für den Frauenfußball wie für den Männerfußball? Und warum wird bei den Frauen nun Geld eingespart, das im letzten Jahr noch großzügig investiert wurde?
Nachdem sich die Stadt erst als Austragungsort und Host-City für die Frauen-EM im Jahr 2029 beworben hatte, zog sie nach einer Abstimmung des Gemeinderats im Februar die Bewerbung wieder zurück. Die Mehrheit stimmte gegen die Austragung des Frauen-Sportevents: Grüne, AfD, Freie Wähler sowie der Oberbürgermeister Frank Nopper waren mit 24 Stimmen dafür, während CDU, SPD/Volt, Linke/SÖS, Puls und die Tierschutzpartei mit 28 Stimmen dagegen waren. Es sind völlig neue Allianzen im Gemeinderat, die sich bei der Abstimmung ergeben haben.
Doch würde Stuttgart durch eine weitere Großveranstaltung wie der Frauenfußball-EM nicht erneut profitieren? Im vergangenen Jahr kurbelte ein solches Event den Tourismus und die Umsätze – zumindest vereinzelt – in Gastronomie und Handel schließlich ordentlich an. Die Frauen-EM könnte zumal das Image Stuttgarts als Sportstadt weiterhin stärken.
Alexander Kotz von der CDU nennt als Hauptgrund für die Gegenstimme die aktuell schwierige Haushaltslage der Landeshauptstadt, weshalb vorerst keine zusätzlichen freiwilligen Projekte mehr angenommen werden würden. Das einschränkende Konzept des europäischen Fußballverbands UEFA sei ebenfalls in die Entscheidung der Partei eingeflossen. Die Linke/SÖS ist ebenfalls aufgrund der Beteiligung der Uefa dagegen. „Die Gewinne der Uefa stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten der Gastgeberländer beziehungsweise den Kosten für die Stadt Stuttgart“, erläutert die Fraktionsvorsitzende Johanna Tiarks. Im Gegensatz zu den Kosten für die Männer-EM ist die eingeplante Summe von 10 Millionen Euro für die Frauen wohl eher gering. Tiarks stellt aus diesen Gründen fest: „Problematisch wird es aus unserer Perspektive, wenn man der Männer-EM noch zustimmt und bei der Frauen-EM aus finanziellen Gründen dann nicht.“
Für die FDP und Grüne stand bei ihrer Entscheidung vor allem die Förderung des Frauenfußballs und die Gleichberechtigung im Vordergrund. „Für Stuttgart ist die falsche Entscheidung ein weiterer Schritt in die Provinzialität und eine Abkehr von den Zielen der Sportstadt Stuttgart und dem damit verbundenen Stadtmarketing“, so Matthias Oechsner von der FDP. Florian Pitschel von den Grünen kritisiert die Einsparungen bei den Frauen trotz vorhandener Infrastruktur und weist auf das große Wachstum des Frauenfußballs in der Region hin. „Die Zeiten, in denen Frauenfußball in der Region Stuttgart eher belächelt wurde, sollten nun endlich vorbei sein. Deshalb ist die Entscheidung gegen die Frauenfußball-EM in Stuttgart eine verpasste Chance und ein echter sport- und gleichstellungspolitischer Rückschritt.“
Wie steht es momentan um den Frauenfußball abseits der EM? Wird er immer noch als Randsportart wahrgenommen? Der Frauenfußball erlebte in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Immer mehr Mädchen und Frauen stehen selbst auf dem Platz und treten Vereinen bei. Auch das Zuschauerinteresse bei den Spielen wird deutlich größer: Beim Finale der EM 2022 sahen 86.000 Menschen den deutschen und britischen Frauen zu. Und besonders in der Region Stuttgart tut sich einiges: Seit 2021 hat der VfB Stuttgart eine eigene Frauenfußball-Abteilung, mit der der Verein vielen Mädchen und Frauen die Möglichkeit einer professionellen Karriere bietet.
Das bestätigt auch Josef Klaffschenkel, erster Vorsitzender des Fußballvereins VfL Sindelfingen Ladies. Der Frauenfußball in Sindelfingen hat eine lange Erfolgsgeschichte. Der Verein startete vor über 50 Jahren mit einer eigenen Frauen-Abteilung und war im Jahr 1990 Gründungsmitglied der ersten Frauen Bundesliga. 2017 kam dann die Abspaltung zum eigenständigen Verein, der Mädchen und Frauen aller Altersklassen in der Region hochklassigen Fußball ermöglicht.
„Der Frauenfußball wird immer professioneller und größer, die Anforderungen steigen und die Mannschaften entwickeln sich weiter“, so Klaffschenkel. Das Hauptproblem war lange und sei immer noch das Fehlen der finanziellen Mittel und Fördermöglichkeiten für die Spielerinnen. Anders als bei den Männern: „Fast alle Mädchen im Frauenfußball sind Teilzeitprofis, die teilweise studieren, halbtags oder sogar ganztags arbeiten und nebenher trainieren.“ Durch den Aufbau von Frauenmannschaften in vielen Männerprofivereinen, die in den höheren Ligen spielen, komme es glücklicherweise zu einer Verbesserung der Strukturen, erklärt der Vorsitzende. Klar, denn hier liegen die finanziellen Mittel und Aufstiegsmöglichkeiten – auch für die Frauen. Außerdem gebe es wenige Profi-Vereine, weshalb viele Frauen oft noch wegziehen mussten, um einer professionellen Karriere nachzugehen. Der Aufbau von Frauenmannschaften wie die des VfB Stuttgarts habe dies geändert, erklärt Josef Klaffschenkel.
Die Entscheidung der Stadt gegen die Austragung der Frauenfußball-Europameisterschaft in Stuttgart bedauern der Vorstand sowie die Mitglieder des Sindelfinger Vereins sehr. „Stuttgart verliert hier eine tolle Möglichkeit, sich nochmal als Sportstadt zu präsentieren. Und es wäre natürlich auch ein großer Schritt in die Öffentlichkeit gewesen, um noch mehr Reputation für den Frauenfußball zu gewinnen.“ Die Chance, jungen Mädchen und Frauen den Fußball näherzubringen und sie für den Sport zu begeistern, sei dadurch ebenfalls genommen worden, so Klaffschenkel. Ebenso die öffentliche Repräsentation der engagierten Fußballerinnen aus der Region, die laut dem Vorsitzenden des VfL Sindelfingens Ladies eine entsprechende Anerkennung verdient hätten. Zudem ist die Infrastruktur Stuttgarts für ein solches Event bereits durch die Männer-EM gegeben – man bedenke den aufwändigen Stadionumbau. Josef Klaffschenkel fügt hinzu: „Ich glaube auch, dass das Stadion sicherlich ausverkauft wäre.“ Das angeblich fehlende Interesse am Sport sei also kein Argument gegen die Austragung des Turniers im Kessel.
Trotzdem: Spiele der Frauenfußball-EM wird es im Sommer 2029 in Stuttgart nicht geben. Dafür finden dieses Jahr zwölf Turniere der Handball-WM der Frauen im Kessel statt und auch die Radsport-Damen dürfen beim Women’s Cycling Grand Prix wieder in Stuttgart und Region um Plätze auf dem Treppchen kämpfen. Zumindest ein kleiner Trost für den Frauensport.

