Der Stuttgarter Autor schreibt einen bittersüßen Sterbehospiz-Roman

Fabian Neidhardt: Immer noch wach

Autor Fabian Neidhardt am Stuttgarter Bismarckplatz
Zentraler Schauplatz im Roman: der Stuttgarter Westen. Text: Frank Rudkoffsky. Foto: Ronny Schönebaum

Wer wissen möchte, was Fabian Neidhardt für eine Art Mensch ist, muss nur einen Blick in seine Instagram-Storys werfen, in denen er täglich ein #dailysmile als Selfie postet. „Ich habe ein Urvertrauen in dieses Leben“, sagt der Stuttgarter Autor über seine positive Grundeinstellung. Das merkt man seinen Geschichten an, selbst wenn sie sich, wie sein Roman „Immer noch wach“, um den Tod drehen.

Am Anfang steht darin für den Ich-Erzähler Alex eine Krebsdiagnose. Unheilbar, sagen die Ärzte – genau wie einst bei seinem Vater. Der 30-Jährige will seiner Freundin Lisa und seinem besten Freund den Anblick des Siechtums ersparen und fällt einen harten Entschluss: Nach zwei letzten gemeinsamen Monaten verabschiedet er sich zum Sterben in ein Hospiz – allein und ohne Handy, weit weg von denen, die er liebt. Der Abschied am Stuttgarter Hauptbahnhof soll ein Abschied für immer sein.

Dumm nur, dass sich sein Krebs nach Monaten als Fehldiagnose herausstellt. Aber: Wie kehrt man zurück in ein Leben, mit dem man bereits abgeschlossen hat – und zu denen, die einen längst für tot halten? Ratlos schiebt Alex seine Heimkehr auf, um stellvertretend für liebgewonnene HospizbewohnerInnen ihre unerfüllten Lebensträume zu verwirklichen.

Mit seinem Debüt ist Neidhardt ein ebenso trauriges wie optimistisches Buch gelungen. „So erzähle ich meine Geschichten am liebsten“, sagt er. „An den richtigen Stellen muss es weh tun, aber ich will, dass die Leute das Buch am Ende zuklappen und sich gut fühlen – mit Resttränen in den Augen.“

Geschichten erzählt Neidhardt auf vielerlei Arten: Er ist ausgebildeter Radioredakteur und Moderator, studierte Sprechkunst in Stuttgart und Literarisches Schreiben in Hildesheim, tritt als Redner auf, gibt Workshops oder Führungen im Marbacher Literaturarchiv. „Das Schreiben ist allerdings das, worauf ich immer wieder zurückkomme“, sagt der 35-Jährige.

Auf die Idee zu dem Roman kam er durch einen Spiegel-Artikel über einen Priester, der tatsächlich mit einer Fehldiagnose in einem Sterbehospiz landete – wohin den Autor auch seine Recherchen führten.

Für eine Woche arbeite er in einem Stuttgarter Hospiz mit – keine leichte Aufgabe für jemanden, der schon beim Anblick des eigenen Bluts in Ohnmacht fällt. „Ich habe Dinge getan, von denen ich nie geglaubt hätte, dass ich sie kann“, erinnert er sich.

Jeden Abend habe er weinen müssen, wenn er seiner Freundin vom Tag erzählte. „Trotzdem erlebte ich dort viel Wärme und Menschlichkeit, davon ist ganz viel in das Buch eingeflossen“, so Neidhardt. Ein Patient wurde sogar zur Romanfigur.

Das Vorbild für einen zentralen Schauplatz des Romans ist ebenfalls real: Das vegane Café, von dem Alex immer träumte und das er zusammen mit seinem besten Freund eröffnet, ist an das Lokal Metzgerei am Bismarckplatz im Stuttgarter Westen angelehnt.

Nicht weit davon lebt auch Autor Fabian Neidhardt – und der kann sich mit seiner Romanveröffentlichung nun seinen ganz eigenen Lebenstraum erfüllen.

 

Fabian Neidhardt:

Immer noch wach

[Haymon, 268 S.,

€ 22,90]

Online-Lesung und Gespäch mit Fabian Neidhardt im Kultur Kiosk

28.2. 18 Uhrlive über Facebook, YouTube, Mixcloud und Instagram. Alle Infos auch unter www.facebook.com/events/825167704994881

Dieser Artikel ist aus LIFT 02/21

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