Erster Drogenkonsumraum in Stuttgart eröffnet

Endlich Raum für neue Drogenpolitik

Mit „Kombo“ hat der erste Drogenkonsumraum Stuttgarts in der Lazarettstraße in Stuttgart-Mitte eröffnet. Damit wird eine wichtige Lücke in der Drogenpolitik geschlossen.

Foto: Caritasverband für Stuttgart

„Ein Drogenkonsumraum lässt weiter auf sich warten“ hieß es im LIFT noch im September 2023. Doch jetzt ist er endlich da: Mit der Suchthilfeeinrichtung „Kombo“ schließt Stuttgart die bisherige Lücke in der Drogenpolitik. Höchste Zeit, denn die Zahlen der Todesfälle durch Drogenkonsum in Baden-Württemberg sind so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr.

„Konsumräume retten Leben. Konsum findet statt – ob im öffentlichen oder privaten Raum, oder eben in dafür geschaffenen Orten“, erklärt Bernd Klenk, Geschäftsführer des Vereins Release. Die 32 Konsumräume, die bereits in Deutschland existieren, bestätigen das. Allein 2023 konnten hier in über 650 kritischen Situationen Todesfälle verhindert werden. Die Räume machen den Konsum hygienischer und sicherer, denn dieser findet unter Begleitung von geschultem Fachpersonal und nur mit den dort verfügbaren desinfizierten Utensilien statt. Außerdem gibt es niederschwellige Beratungs- und Wiedereingliederungsangebote. In Stuttgart ist im selben Haus auch ein Kontaktcafé mit günstigen Speisen und Getränken angesiedelt, das Platz für Austausch bietet. 

Beim Standort für „Kombo“ haben sich die Träger – der Verein Release und der Caritasverband Stuttgart – auch nach den Wünschen der Konsumierenden gerichtet. Vorerst ist er an einem Interimsstandort in der Lazarettstraße gegenüber des Züblin Parkhauses eingezogen. Denn die langfristige Bleibe in der Ossietzkystraße in der Nähe des Hauptbahnhofs muss erst von der Stadt renoviert werden. Der Einzug ist für 2028 geplant.

Der Beschluss für den Konsumraum kam bereits 2019. Die Grundlage für die Durchsetzung bei der Stadt lieferte Roland Baur mit seinem Verein JES (Junkies, Ehemalige, Substituierte) ein Jahr zuvor mit einem Forschungsprojekt. Schon vor knapp 40 Jahren machte es die Schweiz mit den sogenannten „Fixerstübchen“ vor. Laut Baur herrschte auch in Stuttgart schon lange der Konsens, dass Bedarf für einen Konsumraum besteht. „Ich möchte nicht nachrechnen, wie viele Leben hätten gerettet werden können, hätte man früher damit angefangen“, betont Baur.

Bei dem Projekt müssen viele AkteurInnen an einem Strang ziehen: die Träger, die Stadt, verschiedene Vereine. Besonders die Zusammenarbeit mit der Polizei stelle sich als besonders erfolgskritisches Spannungsfeld heraus: „Wenn die Polizei direkt davor an jeder Ecke kontrolliert, wird es von den Konsument-Innen nicht angenommen werden“, schätzt Baur ein.

Alexander Stalder, Leiter der Kriminalpolizei Stuttgart, positioniert sich klar auf Seite des Projekts, mit dem Ziel der Prävention und der Reduzierung von Todesfällen. Er betont jedoch, dass der Raum und sein Umfeld kein rechtsfreier Raum seien, Kontrollen zur Bekämpfung des Drogenhandels also weiterhin stattfinden werden. MitarbeiterInnen sollen allerdings geschult und der Fokus der Kontrollen nicht auf die suchtkranken Menschen gelegt werden.

Stefan Michel, Bereichsleiter der Sucht- und Sozialpsychiatrischen Hilfen des Caritasverbandes Stuttgart betont, dass „Kombo“ nicht allein Konsumraum sei, sondern ein Gesamtkonzept, bei dem auch Beratung und Orientierung im Fokus stehen. „So können wir künftig auch DrogenkonsumentInnen erreichen, die bisher noch keinen Kontakt zum Hilfesystem hatten.“ Und somit die bisherige Versorgungslücke endlich geschlossen werden. 

Kombo [Lazarettstr. 8, S-Mitte, www.caritas-stuttgart.de, www.release-stuttgart.de]

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