Erinnern für mehr Sichtbarkeit

Sinti- & Roma-Erinnerungskultur neu gedacht

Der 15. März ist der zentrale Gedenktag für Sinti und Roma in Baden-Württemberg. Aus diesem Anlass organisieren die zwei Stuttgarterinnen Pia Preu (li.) und Esther Reinhardt-Bendel (re.) jährlich einen Gedenktag.

Foto: Ronny Schönebaum

Dass am 27. Januar den Opfern des Nationalsozialismus gedacht wird, haben die meisten auf dem Zettel. Doch der 15. März sagt nur wenigen etwas. Dabei ist das der zentrale Gedenktag für Sinti und Roma in Baden-Württemberg. 1943 wurden am 15. März 234 Sinti vom Stuttgarter Nordbahnhof aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. 

Aus diesem Anlass organisieren zwei Stuttgarterinnen jährlich am 15. März eine Gedenkveranstaltung. Pia Preu (li.) von Lernort Geschichte der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft ist im Vorstand des Vereins „Zeichen der Erinnerung“. Esther Reinhardt-Bendel (re.) ist eine aktive Sintizza, die sich bei verschiedenen Organisationen für Aufklärung und Community-Beratung für Sinti und Roma engagiert. In diesem Jahr bekommen die beiden Unterstützung von Friederike Hartl vom Stadtjugendring. „Das Besondere an dem Event ist, dass – wie auch bei Esthers Geschichte – direkte Familienangehörige deportiert wurden“, erzählt Pia Preu. „Und es soll ein bisschen so sein wie beim Gedenken in Hanau, dass die Veranstaltungen auch wirklich von den Betroffenen ausgehen.“

In den vergangenen Jahren waren oft PolitikerInnen oder andere, nicht direkt Betroffene vor Ort, die Reden hielten. Dieses Mal wollen die drei Frauen ein etwas anderes Konzept ausprobieren. „Es geht vor allem um die Trauer“, betont Reinhardt-Bendel. „Es geht um Stärkung, um das Füreinander-da-sein, auch mit Blick auf die aktuelle politische Lage. Oft spricht man beim Gedenken nur über die Vergangenheit, und nicht über das, was gerade passiert. Zum Beispiel, dass ein CDU-Politiker sagt, man müsse die Roma abschieben aus Deutschland. Oder dass der Bundeskanzler am 27. Januar die Sinti und Roma nicht als Opfer des Holocaust erwähnte.“

Diese Unsichtbarkeit, so Reinhardt-Bendel und Preu, ist vor allem fehlender Bildung, mangelnder Aufklärung und fehlender Sichtbarkeit geschuldet. „Egal, mit wem ich spreche – alle haben das Bild von Sinti und Roma als Menschen, die am Schlossplatz betteln und keine Wohnung haben. Das ist erschreckend“, so Preu. Sinti und Roma würden nach wie vor als homogene Masse, als nicht-heterogene Minderheit wahrgenommen – trotz unterschiedlicher Herkünfte und Sozialisierungen. „Da blendet man komplett aus, dass wir zwei grundverschiedene Gruppen sind“, erklärt Reinhardt-Bendel.

„Sinti und Roma unterscheiden sich, und selbst innerhalb der Roma-Community gibt es viele Unterschiede, weil die Menschen von ihren jeweiligen Herkunftsländern geprägt sind. Das ist der Punkt, an dem es schwierig wird: Wenn man sich nicht einmal die Mühe macht zu verstehen, dass Roma und auch Sinti so vielfältig sind wie Europa selbst.“

Laut den beiden ist das ein Problem, das man lösen könnte, indem die Curricula an Schulen und Universitäten angepasst werden. „Natürlich ist der Holocaust an den Juden sehr wichtig. Aber es fehlt an Bildung im Kontext Sinti und Roma“, erzählt Reinhardt-Bendel. „Ich glaube, wenn es darum geht, unsere Demokratie zu bewahren, ist es ein Schlüsselfaktor, sich mit Minderheiten in unserer Gesellschaft zu befassen. Ich nehme niemandem etwas weg, indem ich meiner Toten gedenke, die genauso in der Gaskammer gestorben sind.“ Mit einem Community-Brunch wollen sie genau das ermöglichen: einen Raum schaffen und Gedenken neu interpretieren. Für „Zeichen der Erinnerung“, den Verein, der die Gedenkstätte in Stuttgart pflegt, ist das ein neues Modell. „Gedenken hat ja immer so eine Schwere. Raum zu geben für Begegnungen, Gespräche und Austausch – das ist uns wichtig“, erzählt Preu. „In einer Welt, in der der Faschismus droht, vieles von damals wiederherzustellen und zu spalten, wollen wir so erinnern: Wir halten alle zusammen, wir sind eine Welt“, ergänzt Reinhardt-Bendl. Viele der Sinti und Roma waren und sind bis heute katholisch. Deshalb bot Christine Göttler-Kienzle, Pfarrerin der katholischen Kirchengemeinde St. Georg, an, den Familiengottesdienst an diesem Tag den Opfern zu widmen. „Das war der Aufhänger für uns zu sagen: Dann gehen wir danach gemeinsam zur Gedenkstätte, anschließend wieder zurück in die Gemeinde und machen einen Brunch“, erklärt Preu.

An der Gedenkstätte wird es Reden und Musik geben, Blumen werden niedergelegt und Kerzen angezündet, außerdem werden die Namen der Menschen verlesen, die deportiert wurden. „Es wird auch einen Infotisch geben“, sagt Preu. Dass der Community-Brunch umgesetzt werden kann, liegt daran, dass Lernort Geschichte vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg Förderung für ein Empowerment-Projekt für junge Menschen erhalten hat. Die drei Frauen wünschen sich durch das Event mehr Sichtbarkeit in der Stadt: „Am schönsten wäre es, wenn junge Menschen kommen, die zur Sinti- oder Roma-Community gehören“, so Preu. „Es gibt in Stuttgart einfach zu wenige Orte, an denen sie zusammenkommen können.“   

Zeichen der Erinnerung [www.zeichen-der-erinnerung.org]

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