Film, Grafik, Games, Medien: Jedes zehnte Unternehmen in Stuttgart gehört zur Kreativwirtschaft. Konkret sind das 35.000 Beschäftigte in 3.378 Unternehmen. Gar nicht so wenig, oder? Und doch werden sie oft nicht genug gesehen, gefördert, unterstützt. Weil eben kein Big Player wie Bosch oder Daimler dabei ist. Stattdessen besteht diese Wirtschaftsbranche aus vielen kleinen und mittleren Unternehmen sowie Soloselbständigen.
Zeitgleich werden in und um Stuttgart herum an Standorten wie der Hochschule der Medien oder der Filmakademie Baden-Württemberg laufend neue kreative Köpfe ausgebildet. „Wir haben jährlich in der Region Stuttgart über 1.000 AbsolventInnen aus kreativen Studiengängen“, zitiert Dr. Hannah Schneider von der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart eine Studie von Goldmedia aus dem Jahr 2024. „Das sind alles Talente, die wir natürlich hier am Standort halten wollen.“ Doch wohin mit all jenen, die fertig mit der Ausbildung sind und im kreativen Beruf arbeiten wollen? Stuttgart ist nicht Berlin, denken viele, und wer etwas reißen will, nimmt für den Berufseinstieg den Umzug in eine andere Stadt in Kauf.
Es kommen also zwei Dinge zusammen, die Widerspruch und Bestätigung zugleich sind: Es gibt in Stuttgart eine große Kreativwirtschaft, was ihr jedoch fehlt, ist Sichtbarkeit. „In Stuttgart haben wir nicht das ‚eine‘ Kreativwirtschaftszentrum“, bestätigt Ines Gräter, ebenfalls von der Wirtschaftsförderung. „In anderen Städten gibt es kreative Hubs, aber haben wir nicht diesen einen Ort, an dem Kreativwirtschaftsförderung stattfindet. Deswegen ist die Idee entstanden, die jetzt im Areal Süd auch aufgegangen ist. Man hat sich überlegt: Wo sind denn diese kreativen Orte? Wo haben wir ein bestehendes Micro-Cluster?“
Hier kommt ein Netzwerk ins Spiel, entstanden aus einer Idee der Wirtschaftsförderung Stuttgart und diversen KreativdienstleisterInnen: das Areal Süd. Es ist ein Zusammenschluss aus KreativdienstleisterInnen aller Art, von Grafikdesign über Architektur, Kommunikation im Raum, Gamedesign, Comedy, Booking, Musik oder Tonstudios. Inzwischen sind auch Gastronomie und Einzelhandel Teil des Netzwerks in Stuttgart-Süd. Hannes Steim, Mit-Umsetzer des Projekts, fasst zusammen, worum es dabei geht: „Das Areal Süd hat drei Grundziele: interne Vernetzung, Sichtbarmachung und Austausch mit der Wirtschaft.“ Denn auch wenn die Verbindung zueinander und das Gesehenwerden wichtige Punkte sind, darf man den Bezug zur Wirtschaft nicht außen vor lassen. „Damit zum Beispiel Dinkelacker keine Grafik in Berlin bestellt, sondern lieber vis-à-vis aus zehn Möglichkeiten vor der Haustür wählen kann“, erklärt Steim.
So weit, so gut. Umgesetzt wird das Ganze in verschiedenen „Get Togethers“ der KreativdienstleisterInnen, aber auch in der Organisation von Vorträgen oder, so Steim, indem DienstleisterInnen und Wirtschaft gematcht werden und gemeinsam Mittagessen gehen, um vielleicht zukünftig zusammenzuarbeiten. Ein Blind Date mit positiven Folgen also. Wer sich mit der Stuttgarter Kreativszene auseinandersetzt und die Nachrichten verfolgt, wird bei dem Thema Vernetzung kreativer Köpfe und Sichtbarmachung vielleicht hellhörig. Immerhin ist im Stuttgarter Süden auch das Schoettle-Areal schon seit Längerem im Gespräch. Die Idee ist, das ehemalige Gebäude des Statistischen Landesamts, das seit Juli 2024 leer steht, sowie die zukünftig frei werdenden Räume der Uni Stuttgart direkt nebenan zu nutzen, um Orte für soziale und kreative Begegnung zu schaffen.
Tommi Fadini von der Initiative Solidarische Nachbarschaft Schoettle-Areal ist einer von vielen, die sich für die Leerstandnutzung der insgesamt 15.000 Quadratmeter großen Fläche einsetzen. „Wir alle suchen diese Freiräume in Stuttgart, in denen sich etwas außerhalb der Norm entwickeln kann“, sagt er. Das Schoettle-Areal könnte daher wunderbar als Ergänzung zum Netzwerk des Areal Süd funktionieren. „In der heutigen Zeit ist Vernetzung der wichtigste Punkt. Da ist das Areal Süd im Gewerbe natürlich deutlich stärker verankert als wir, gerade in der Kreativwirtschaft. Es ist super für Netzwerktreffen – aber es wäre wünschenswert, wenn es einen Ort gäbe, wo diese passieren könnten.“
Wann es mit dem Schoettle-Areal tatsächlich weitergeht, ist unklar. Geplant ist eine Pioniernutzung, die immerhin das Erdgeschoss und eventuell das erste Obergeschoss umfasst und als Zwischenlösung bis etwa 2030 vorgesehen ist. Doch nun musste das Projekt kürzlich einen Rückschlag erfahren, als die Stadt Stuttgart vom geplanten Kauf des Gebäudes zurücktrat und damit auch die zugesprochene eine Million Euro an Geldern für Umbau- und Instandsetzung wegfielen. Auch wenn die Stuttgarter Wohnungsbaugesellschaft den Kauf übernimmt – das Geld fehlt. „Dass das wegbricht, ist extrem traurig und da müssten neue Lösungen her“, so Fadini. „Wir brauchen also die Hilfe der Politik. Die Alternative wären sechs Jahre Leerstand und das wäre auch für das Areal Süd ein extremer Rückschlag.“ Und demnach auch für die Kreativ- und Kulturwirtschaft in Stuttgart.
Wie wichtig die ist, weiß auch die Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart. „Wir unterstützen das Areal Süd auf vielfältige Art und Weise“, so Ines Gräter. „Ein Programm über das die Initiative gefördert wird, nennt sich Creative Connection. Das Besondere ist, dass wir nicht nur mit Ressourcen der Kreativwirtschaftsförderung unterstützen, sondern mit Ressourcen aus dem Bereich Wirtschaftskoordination Stadtteilzentren, also zum Beispiel das MEO-Förderprogramm.“ Das sei das erste Mal, dass man die Kreativwirtschaftsförderung und die Förderung der Stadtteilzentren zusammen in einem Projekt betrachte – „weil wir eben auch sehen, dass kreative Unternehmen für die Entwicklung der Stadtteilzentren eine Wirkung haben“, bestätigt Dr. Hannah Schneider.
Um das Areal Süd auch für Außenstehende und Kreative aus anderen Stadtteilen greifbarer zu machen, plant die Initiative nun ein Sommerfest. Am 24. Juli öffnen deshalb ab 17 Uhr rund 20 Kreativ-Offices, Shops und Gastronomien ihre Türen, es gibt Workshops, Kurzvorträgen, Ausstellungen, DJ-Sets und Live-Acts. Im Anschluss findet in ansässigen Gastronomien wie dem Ratto, Bruno, Lennart, Sattlerei, Galao und bei Sitt Wein eine Blockparty statt, um den Abend ausklingen zu lassen.
Für alle, die aus der Kreativbranche kommen oder sich für eine Zusammenarbeit interessieren, gibt es von 15 bis 17 Uhr Studio Sessions in den Agenturen MDCT, Studio Brot und Poolhaus, bei denen WirtschaftsvertreterInnen und KreativdienstleisterInnen zusammengebracht werden. „Ich hoffe, das mit dem Event klar wird, das hat Mehrwert und ist eine gute Sache. Und dass sich auch Leute finden, die sagen: Hey, ich habe Interesse mitzuwirken und einen Posten zu übernehmen“, so Hannes Steim.
Areal Süd [www.arealsued.de, @arealsued]
Schoettle-Areal [www.schoettleareal.de, @initiative_schoettle_areal]

