Von der Pissrinne zum Kultur-Tunnel

Die Rathauspassage soll schöner werden

Die Rathauspassage in Stuttgart ist alles andere als schön – Das soll sich ändern. Wie, erzählen Sara Dahme und Ninette Sander.

Foto: Ronny Schönebaum

Stuttgart kann sich sehen lassen – wenn man weiß, wo die schönen Flecken sind. Ein Ort, der von Locals dagegen gemieden wird, ist die Rathauspassage. Denn wer hier aus der Bahn aussteigt, dem steigt erstmal Urin-Gestank in die Nase. Es tummeln sich strukturell benachteiligte Menschen, die hier einen sicheren Unterschlupf suchen und nicht selten alkoholisiert sind oder unter Drogen stehen. Das grelle Licht blendet, Lärm überreizt die Sinne. Wer die Stadt kennt, scheut die Unterführung. Doch man stelle sich vor: ein Tourist reist nach Stuttgart. Instinktiv zieht es die meisten dann erstmal an das Rathaus, das Aushängeschild einer Stadt. Der erste Eindruck Stuttgarts ist schnell dahin.

Doch, dass die Rathauspassage neu gedacht werden kann, das beweisen Stadträtin Sara Dahme und White-Noise-Betreiberin Ninette Sander mit dem Projekt „Interflux“, das noch diesen Sommer an den Start geht. „Wir haben den Ort liebevoll das ‚Tor zur Hölle‘ genannt“, sagt Sander, die durch die Lage des Clubs White Noise täglich erlebt, wie abschreckend dieser Ort wirken kann.

Gemeinsam mit Dahme stellte sie einen Antrag beim Kulturamt, um das Areal im Rahmen des städtischen Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ (KiöR) neu zu gestalten. Mit Erfolg. Über einen Open Call wurden KünstlerInnen gesucht, die sich mit der Passage und ihrer Umgebung auseinandersetzen. Die Resonanz war groß. „Wir haben ein offenes Konzept entwickelt und bewusst auf eine klassische Ausschreibung verzichtet. Stattdessen wollten wir mit einer vereinfachten Form möglichst niedrigschwellig zur Teilnahme einladen. Dadurch haben wir ganz andere Personengruppen erreicht, als es bei einer herkömmlichen Ausschreibung mit formalen Kriterien wie Finanzplan und Projektstruktur der Fall gewesen wäre“, so Dahme.

So entstand ein bunter Mix aus künstlerischen Projekten: Neben installativen und gestalterischen Elementen umfasst das Programm auch performative Beiträge. Ein künstlerischer Beitrag beschäftigt sich mit dem Unsichtbaren im öffentlichen Raum – an verschiedenen Stellen in der Passage werden an die entsprechenden Türen Begriffe geschrieben, die auf Objekte oder Strukturen hinweisen, die sich dahinter befinden. Ein „roter Teppich“ führt durch die Passage, flankiert von einer „Promiwand“ mit Namen der lokalen Geschäfte und Gewerbe aus dem Kiez. 

Alle KünstlerInnen sollten sich in ihren Arbeiten gezielt mit der Örtlichkeit auseinandersetzen. Und dabei auch auf Missstände aufmerksam machen. „Das Ziel des Projekts ist es nicht, Menschen zu vertreiben, sondern den Ort durch künstlerische Gestaltung aufzuwerten, sodass er als bewusst gestalteter Raum wahrgenommen wird. Das ist eine gängige Methode, die in der Stadtplanung angewendet wird“, so Dahme.

Stichwort Stadtplanung: Eigentlich sollte das Projekt im August starten. Die Umsetzung gestaltet sich aber schwieriger, als angenommen. Der Support von der Stadt sei auf jeden Fall da, erzählen die beiden Macherinnen. „Das Ganze muss aber erstmal viele Ämter und Verbände passieren. Da kommen dann Fragen auf, wie: Können sich Tauben hier zu einfach niederlassen? Sind die Klebeflächen behindertengerecht? Wird Brandschutz und Rutschfestigkeit gewährt?“, so Sander.

Doch der Versuch lohnt sich: Durch die Belebung des Ortes soll eine Form positiver sozialer Kontrolle entstehen, die Menschen sensibilisiert und dazu einlädt, achtsamer mit dem Ort und seinen NutzerInnen umzugehen. Dahme und Sander hoffen auf eine längerfristige Nutzung – drei bis fünf Jahre sind anvisiert. Auch hier ziehe die Stadt mit, betonen beide. Denn wenn der Ort schöner wird, verändert sich nicht nur die Umgebung, sondern das Verhalten der Menschen. „Vielleicht überlegt man es sich dann zweimal, ob man da wirklich hinpinkeln will“, so Sander.

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