„Wenn an Kultur gespart wird, wird an Bildung – an Selbstbestimmung, Urteilsfähigkeit und Emanzipation gespart“ – ein klares Statement, mit dem Philipp Wolpert und Tobias Frühauf ihre neuen Posten als Geschäftsführer der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS) starten.
Doch es wird gespart: Dem städtischen Haushalt stehen Kürzungen bevor. Auch die Kultur ist betroffen. Der solidarische Appell der FTTS an die Kulturpolitik Stuttgarts ist klar: Der Kulturetat im Doppelhaushalt 2026/27 soll auf mindestens ein Prozent des städtischen Gesamtetats angehoben werden. Außerdem soll die Befristung der Förderung einiger freien Gruppen, deren Förderung auslaufen und in Teilen in 2026 wegfallen würde, aufgehoben werden. Das sind nicht ihre einzigen Pläne.
Die FTTS macht es sich seit 2018 zur Aufgabe, die Interessen der freien darstellenden Künste in Stuttgart zu vertreten und sie zu stärken. Sie ist Schnittstelle zwischen Politik, Kunst, Publikum und Presse, aber gleichzeitig auch Informationsplattform, Co-Veranstalter-in und Beratungsstelle. „Wir sind sozusagen die Kulturlobbyisten für die freie Szene“, beschreiben Wolpert und Frühauf ihre Aufgabe. Die Tandemführung der Cousins ist bereits erprobt, zuletzt als künstlerische Leiter des Theaterschiffes Heilbronn. Im Juli haben sie ihre neue Position angetreten, die zuvor von Thomas Guggi bekleidet wurde.
Die Stuttgarter Kulturlandschaft ist für sie kein Neuland. Zahlreiche Inszenierungen haben sie hier auf die Bühnen gebracht, unter anderem ein 48-Stunden-Technotheater mit dem Pop-Büro, dem Stadtpalais und dem Schauspiel Stuttgart und eine Trap-Oper in der Kulturinsel. Zeitgenössische Kreativprojekte wollen sie auch in ihrer neuen Position nicht aufgeben, sie teilen sich die Stelle der Geschäftsleitung der FTTS und sind weiterhin als künstlerische Leiter am Theaterschiff Heilbronn aktiv.
„In unserer bisherigen beruflichen Laufbahn haben wir viele Einblicke sowohl in die freie Szene als auch in feste Theaterhäuser bekommen. Wir kennen die unterschiedlichen Perspektiven, Interessen und Herausforderungen“, erzählen sie. Ihre Pläne für die freie Szene: Sie möchten vorhandene Strukturen ausbauen, die Sichtbarkeit der freien Szene stärken und Konzepte für eine Spielstätte mit Proberäumen erarbeiten. Sie sind motiviert: „Wir möchten, dass die einzelnen AkteurInnen zusammenfinden und die Szene als eine Einheit agiert.“ Außerdem soll ihre Geschäftsstelle zum „Schaufester der freien Szene“ und damit zum Begegnungsort werden.
Doch ihr Start ist überschattet von alarmierenden Neuigkeiten: Ein Teil der institutionellen Förderung der FTTS wird nicht verlängert. „Das bringt unsere Arbeit und komplette Existenz in Gefahr. Und ist zudem absolut absurd – einerseits gibt es einen Beschluss für eine Spielstätte, andererseits läuft ein sechsstelliger Betrag an Fördermitteln aus, der nicht verlängert werden soll“, so die Geschäftsführer. Eine Spielstätte steht schon lange auf der Agenda. Einen vorläufigen Beschluss vom Gemeinderat gibt es bereits.
In ihrem Appell im August machen sie auf die prekäre Lage aufmerksam: „Ein Auslaufen der befristeten Gelder würde die Freie Szene stark treffen und damit Existenzen gefährden“ – auch die Existenz der FTTS als Interessensvertretung. Ein schwieriger Start für Wolpert und Frühauf, die damit sogleich ihre Aufgabe als Kulturlobbyisten füllen: „Kultur ist Treiber für Innovation, für Freiheit, Rebellion, Menschenrechte. Sie ist wichtiger Pfeiler für unsere demokratische Zukunft. Gerade die freie Szene steht für diese Werte und für Innovationskraft – dafür werden wir uns mit Nachdruck einsetzen.“
Freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart [Kriegsbergstr. 30, S-Mitte, www.ftts-stuttgart.de, @freieszenestuttgart]

