Vor Ort mit Künstlerin Dijana Hammans

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen

In der Serie "Vor Ort" treffen wir spannende Menschen an spannenden Plätzen. Folge 183 mit Mit „Inspirationsfee“ Dijana Hammans auf der Feuerbacher Heide.

Foto: Ronny Schönebaum

Magie, Zauber und Glück sind Begriffe, die man im Alltag nur sehr selten hört. Deadline, Stress oder Optimierung dagegen fast täglich. Für Magisches fehlt zu oft die Zeit, der Kopf oder die eigenen Probleme sind einfach zu groß. Oder?

Wir stehen hinter dem Bismarckturm, vor uns liegt das Grün der Feuerbacher Heide. Wir treffen uns mit der Künstlerin Dijana Hammans, die es sich zum Ziel gemacht hat, den Menschen den Zauber im Alltäglichen wieder näherzubringen. Wie und warum sie das macht, erzählt sie uns im Laufe des Vormittags. Doch zurück zum Anfang. Zur Begrüßung greift Hammans in ihren Einkaufstrolley, holt ein mit Gummibärchen gefülltes Glas heraus und hält es uns hin. „Ich hab‘ hier was für euch mitgebracht“, sagt sie lachend und schwärmt von der Süßigkeit, ehe sie kurz danach auf den Mülleimer neben uns zeigt. „Auf den habe ich schonmal Augen-Sticker geklebt, die verteile ich in der Stadt. Hier, wollt ihr mal?“, fragt sie. Ja, gern. Es entsteht ein Gesicht mit weit geöffnetem Mund, wo kurz zuvor noch ein nichtssagender Mülleimer stand.

Hammans zeigt uns ihr neustes Kunstwerk: Fische, die sie mit dem 3D-Stift gezeichnet hat. Bis zur Ausstellung Mitte Mai im Phyllis Space sollen noch viele Weitere entstehen. Neben ihrer Kunst ist Hammans auch als Performance-Künstlerin unterwegs. Außerdem illustriert sie, macht Videoinstallationen und  bringt in einem Pop-up Space Rollschuhbegeisterte zum Lernen und Fahren zusammen. Hammans strahlt, während sie über alte und anstehende Projekte spricht. Studiert hat die 44-Jährige eigentlich Wirtschaftsingenieurwesen, anschließend hat sie auch in diesem Bereich gearbeitet. „Viele halten meine Outfits, die ich trage, für ein Kostüm. Für mich hat es sich aber eher wie eine Verkleidung angefühlt, mich büromäßig anzuziehen.“ Dennoch hat ihr auch diese Arbeit Spaß bereitet.

Wie sie sich selbst heute bezeichnen würde, wo sie so viele unterschiedliche Dinge macht? „Inspirationsfee“, sagt sie halb im Witz, halb ernst.

Wir laufen am Bismarckturm vorbei, die Vögel kündigen den vor der Tür stehenden Sommer an. Dijana Hammans erzählt, was die Feuerbacher Heide für sie bedeutet: „Ich bin hier oft nachts und schaue die Sterne an – entweder allein oder mit meinem Mann. Tags­­-über hat man diese weite Sicht über den Wald, alles ist grün“, schwärmt sie.

Die Künstlerin sucht auf den Bänken und Wiesen die Ruhe, wenn sie zuvor in einer ihrer Arbeiten vertieft war. Und wenn ihr gerade eher nach dem Blick in die Stadt ist, geht sie auf die andere Seite des Bismarckturms. Hier nehmen wir auf einer Bank Platz, blicken über die Stadt, sind auf gleicher Höhe mit dem Fernsehturm. Über uns knistert ein silberner Ballon, der sich in den Zweigen verfangen hat. Wir blicken nach oben, hinter dem Silber ist das helle Blau des wolkenlosen Himmels. Hammans erzählt, wie sie Menschen den Zauber des Alltags  wieder näherbringen möchte. „Was wir gerade sehen, würde ich aufnehmen und mit den Menschen teilen. Es sind oft kleine Dinge, in denen Magie steckt“, so die Künstlerin. Und auch viele große Momente sind viel leichter zugänglich, als man oft meint. Manchmal reicht ein Blick nach oben. „Ich frage mich grade, ob das da hinten ein Komet ist, aber es ist nur ein Flugzeug“, sagt sie lachend. Erst letztes Jahr hat sie von hier aus einen Kometen beobachtet, sie zeigt ein Video auf ihrem Handy. 80.000 Jahre wird es brauchen, bis er wieder von der Erde aus sichtbar ist.

Woher ihre Begeisterung für das Weltall kommt? „Ich war als Teenagerin mal in Finnland, da habe ich die Milchstraße das erste Mal gesehen. Ich konnte das damals nicht glauben.“ Richtig angefixt war sie, als sie im letzten Jahr die Nordlichter beobachtet hat. Nicht in Skandinavien oder Finnland, sondern hier, auf der Feuerbacher Heide. „Ich war die ganze Nacht wach, ich konnte einfach nicht aufhören.“

Sie versucht sich auch regelmäßig anhand der Sterne zu orientieren, wie die Menschen es früher gemacht haben. „Heute erledigt das ja das Handy, das sowieso schon so viel Raum einnimmt“, sagt die Künstlerin. In einer aktuellen Ausstellung hat sie diese Problematik thematisiert, hat schöne Dinge (mit dem Handy) aufgenommen und den Menschen präsentiert. „Online/Offline“ ist deshalb auch der Titel. Sie will den Menschen ermöglichen, den Zauber aus dem Alltag wieder zu entdecken. Denn er steckt überall: „Es gibt bei der Kunstakademie eine Haltestelle, die ist mit irisierender Folie gestaltet. Ich liebe alles, was glitzert oder funkelt. Ich stand da und hab das einfach in mich aufgesogen. Dann kam ein älteres Paar vorbei und hat gefragt, was ich da mache. Ich hab‘ ihnen gezeigt, wie die Folie dieses besondere Licht wirft. Und die waren total baff – die meinten, sie hätten das noch nie gesehen, obwohl sie hier wohnen.“ Dijana Hammans lacht, während sie an die Begegnung zurückdenkt. Generell lacht die Künstlerin oft. „Oft ist es schwer, sich das zu erlauben, weil ich so den Eindruck habe, dass man keinen Spaß haben darf“, bemängelt sie.

Allerdings ist es nicht immer so, dass Dijana Hammans nur das Schöne sehen kann, auch sie hat mit Tagen zu kämpfen, an denen sie „eigentlich die ganze Zeit nur weinen könnte“. In ihrem Leben verlief auch nicht immer alles reibungslos. Sie hatte mit Krankheiten und Schicksalsschlägen zu kämpfen. „Ich habe irgendwann aber gemerkt, dass ich das alles akzeptieren und einfach weitermachen muss.“ Ihr Arzt habe ihr verschrieben, dass sie Dinge machen soll, die sie glücklich machen. Was sie auf die Idee gebracht hat, ein Rezept zu gestalten, auf dem diese Verschreibung draufsteht. Das will sie vervielfältigen und in der Stadt verteilen.

Auch die aktuelle Lage lässt die Künstlerin nicht kalt. „Ich mache das für mich inzwischen so, dass ich die Nachrichten-Dosis reduziert habe – denn was soll ich mit all den Dingen anfangen? Ich kann letztlich nur hier in meinem direkten Umfeld wirken.“ Politische Inhalte will sie nicht teilen. „Mein Instagram soll eher ein Ort sein, wo die Menschen Zauberhaftes entdecken können.“ Denn davon gibt es in Stuttgart jede Menge: Einmal sei sie Zeichnungen von Feen gefolgt. „Im Heusteigviertel sehe ich manchmal so gemalte Dinospuren auf dem Boden. Da frage ich mich dann, ob es da nicht vielleicht was zu entdecken gibt, wenn ich ihnen folge.“ Auch die Menschen im Ländle überraschen sie oft positiv, entgegen dem Klischee vom bruddelnden Stuttgarter.

Wir machen uns auf den Heimweg, Dijana Hammans erzählt Geschichten von dem Ort, schwärmt von den Häusern in der Gegend und zeigt einen geheimen Garten voller Skulpturen. Sie erzählt auch von den Erlebnissen, die sie hier schon hatte: Auf der Feuerbacher Heide hat ihr Mann der Künstlerin eines Abends einen Heiratsantrag gemacht. Doch das erzählt sie nur beiläufig, denn hier geht es heute nicht um die großen Momente. Die Magie liegt in den Kleinen.   

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