Der Superblock wird sichtbar

Pflanzen und Kultur statt Autos: So wird der Verkehr der Zukunft in Stuttgart-West

Die ersten Schilder stehen, die ersten Flächen für Stadtterrassen sind markiert. Die durchgezogenen weißen Linien halten zwar bis jetzt noch keine AutofahrerInnen davon ab, dort zu parken. Aber sei’s drum. Der erste Superblock der Stadt in Stuttgart-West wird langsam sichtbar.

Foto: Visualisierung: Citydeck Lifeable Cities GmbH

Eigentlich ist es zwar nur ein Superblöckle, was da im Quartier um die Augustenstraße herum entsteht. Es handelt sich nämlich lediglich um einen temporären Verkehrsversuch. Deswegen kauft die Stadt die Straßenmöblierung in Form von hölzernen Stadtterrassen, High-Tech-Hochbeeten und Baumkübeln auch nicht, sondern mietet sie nur. Aber immerhin soll das 18 Monate lang getestet werden. Und eineinhalb Jahre sind ja schon was.

Aber was bedeutet das für die Anwohnerinnen und Anwohner in den zehn Baublöcken zwischen Rotebühl- und Reinsburg-, Silberburg- und Schwabstraße?

Entgegen so mancher Fake-Info heißt das nicht, dass dort kein Auto mehr fahren oder parken darf. Es geht vielmehr um eine andere Form der Verkehrslenkung, was idealerweise zu Entschleunigung und somit zu mehr Lebensqualität führt.

Die Superblock-Vorbilder kann man in Barcelona bewundern. Das Original stammt aus dem Jahr 2003 und liegt im Stadtteil Gracia. Weitere „Superilles” wurden ab 2017 eingerichtet. Das Grundprinzip: Maximal neun Häuserblocks werden zusammengefasst, mit Hilfe eines Einbahnstraßensystems wird der Verkehr so kurz wie möglich durch die Blocks und so schnell wie möglich wieder hinaus gelenkt. Das vorgegebene Tempo liegt bei zehn oder 20 Kilometern pro Stunde, RadfahrerInnen und FußgängerInnen haben Vorrang.

Die Kreuzungen, die in den schachbrettartig angelegten Vierteln der katalanischen Hauptstadt deutlich größer sind als in Stuttgart, werden umgestaltet, manchmal mit Spielplätzen, manchmal mit Sportmöglichkeiten, einmal sogar als kleiner Park. Immer mit viel Grün und Begegnungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten für die Nachbarschaft.

Ziele sind vor allem eine Verbesserung der Luftqualität, eine Abkühlung der in Zeiten des Klimawandels immer heißer werdenden Stadt und eine deutlich bessere Lebensqualität.

Inzwischen interessieren sich weltweit Städte für dieses besondere Stadtentwicklungskonzept. Das Bundesministerium für Umwelt begleitet Superblock-Projekte im Rahmen eines Forschungsvorhabens mit dem sperrigen Namen „Verkehrliche und stadtplanerische Maßnahmen zur Neuverteilung und Umwidmung von Verkehrsflächen des motorisierten Verkehrs zugunsten aktiver Mobilität und einer nachhaltigen urbanen Siedlungsstruktur mit hoher Lebensqualität.” Die Mittel vergibt das Umweltbundesamt und auch die Stadt Stuttgart bekommt  für den West-Superblock-Verkehrsversuch etwas davon.

Was passiert also in den kommenden Wochen entlang der Augustenstraße und drumherum? Aktuell werden bereits die Flächen für die geplanten Stadtterrassen markiert. Wie viele es genau werden, hängt auch davon ab, wie viele Gastronomiebetriebe eine solche Terrasse beantragen werden. Von der Stadt sind bisher sechs geplant, auf die dann Parkletts aus Holz mit Infostelen und Sitzgelegenheiten platziert und von den AnwohnerInnen als Begegnungsorte genutzt werden können. Das Kulturzentrum Merlin hat bereits eine eigene beantragt, die dann zum einen mit Außengastronomie, zum anderen aber auch mit kulturellen Angeboten bespielt werden soll.

Projektleiter Felix Märkert vom Stadtplanungsamt geht davon aus, dass noch weitere Anträge kommen werden. Er sagt auch: „Wir begrüßen natürlich auch, wenn sich Privatleute engagieren.” Auch private Möblierungen wie etwa Sitzbänke oder Pflanzkübel seien unter den entsprechenden Vorgaben der Stadt möglich.

Markiert werden zurzeit auch kleinere Flächen für Fahrradstellplätze, auf die später dann entsprechende Bügel festmontiert werden. Lichtgrün ist die Belagsfarbe für die Fahrrad- und Terrassenflächen. Rot umrandet werden neue Abstellplätze für Carsharing-Fahrzeuge, deren Zahl im Versuchsgebiet deutlich erhöht werden soll.

Die Kreuzungen im Versuchsbereich der Augustenstraße werden mit sogenannten Diagonalsperren so gestaltet, dass der Autoverkehr entweder in eine der Einbahnstraßen ausgeleitet oder nur in eine Richtung in die Augustenstraße eingeleitet wird. Auf der Augustenstraße selbst kann man dann immer nur einen Block weit bis zur nächsten Ausleitung fahren. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit bleibt bei Tempo 30. Die Kreuzungen werden zusätzlich noch mit jeweils zwei Pflanzkübeln wenigstens etwas grüner.

Das Merlin ist mittendrin im Verkehrsversuch, hat sich in den vergangenen Jahren zusammen mit der Anwohnerinitiative für den Superblock eingesetzt und wird auch in der Versuchszeit immer wieder eine zentrale Rolle spielen. “Wir bespielen das kulturell”, sagt Merlin-Leiterin Annette Loers, die das Kulturzentrum damit auf die Straße bringen will. Zudem will sich das Merlin-Team um die Pflanzen kümmern. Weitere Gießhelferinnen und -helfer sind aber herzlich willkommen.

Stadtterrassen, Fahrradplätze, Carsharing und Pflanzkübel werden so weit wie möglich „parkplatzneutral” aufgestellt, wie es der Projektleiter der Stadt ausdrückt. Insgesamt gibt es im Parkraummanagementgebiet W4, das in etwa dem Superblock-Gebiet entspricht, rund 750 legale Parkplätze. Durch den Superblock fallen lediglich 20 davon weg. Und da die Auslastung der Parkplätze nach den Erhebungen der Stadt bei maximal 97 Prozent in Spitzenzeiten liegt, geht es also ziemlich genau auf.

Wissenschaftlich wird das Projekt nicht nur vom Umweltbundesamt, sondern auch von der Uni Stuttgart begleitet. Schließlich will die Stadt fundiert wissen, was sich durch den Verkehrsversuch in dem Stadtquartier verändert. Die Studie im Rahmen des Projekts „Urbanome“ wird von der EU-Kommission gefördert. Zwischen Februar und Ende März führte das Uni-Team, unterstützt von 50 bis 60 Freiwilligen aus dem Quartier, Messungen und Untersuchungen zum Ist-Zustand durch. Dafür führten die HelferInnen Tagebücher und wurden regelmäßig befragt, haben mit Hilfe eines kleinen Mikrofons und einer App den alltäglichen Lärm gemesen und mit einem Sensor die Luftqualität draußen und drinnen erfasst. „Wir versuchen zu verstehen, wie der Alltag unterschiedlicher Personen im Gebiet aussieht”, beschreibt Doris Lindner vom Projekt-Team der Uni.

Die AnwohnerInnen können sich, ihre Erfahrungen und ihre Verbesserungsvorschläge in regelmäßigen runden Tischen einbringen. Da es sich um einen „atmenden Versuch” handelt, wie es Projektleiter Märkert ausdrückt, können Impulse gegebenenfalls auch schnell umgesetzt werden. Schon vor dem eigentlichen Start hat das Stuttgarter Projekt die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. „Das hat wirklich Wellen geschlagen”, sagt Märkert. Anfragen kamen schon aus Wien, von Mobilagenturen, von der Polizeihochschule Münster und von anderen Städten im In- und Ausland. Eine ganze Menge Superblock-Führungen sind schon geplant.

Wann genau das Superblöckle in Stuttgart-West startet, ist allerdings noch nicht ganz klar, das hängt auch von den Lieferzeiten für die Terrassen und Pflanzkübel und den Fortschritt der erforderlichen Gestaltungsarbeiten ab. Das Merlin plant ein erstes Fest für den 21. Juni, eine „Rue de la Musique” nach französischem Vorbild. Dann sollen vier der Stadtterrassen mit kleinen Konzerten bespielt werden, anschließend geht es zum Abschlusskonzert ins Merlin selbst. Das könnte dann auch das Eröffnungsfest werden.

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