Jugendliche haben jetzt die Wahl

Diskutieren, entscheiden, Demokratie leben

Zum ersten Mal dürfen 16-Jährige bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg wählen. Doch welche Angebote zur politischen Bildung für Jugendliche gibt es im Kessel? Und sind diese ausreichend?

Foto: auremar/Adobe Stock

Mael Grünberg darf am 8.März zum ersten Mal wählen. Der 17-Jährige besucht das Sozialwissenschaftliche Gymnasium der Stuttgarter Hedwig-Dohm-Schule, die Landtagswahl ist für ihn eine Premiere. Das politische Geschehen in Stadt und Land ist ihm nicht nur vertraut, er gestaltet es seit drei Jahren aktiv mit. Als er 14 war, haben seine Mutter und seine ältere Schwester ihn davon überzeugt, dass er in seinem Stadtbezirk, im Stuttgarter Westen, für den Jugendrat der Landeshauptstadt kandidieren soll. „Kann ich das überhaupt?”, hat er sich anfangs gefragt. Inzwischen ist er seit drei Jahren Mitglied des Jugendrats und seit einem Jahr sogar einer der SprecherInnen. Für junge Menschen wie Mael, die nach Orientierung in der Politik suchen, gibt es in und um Stuttgart bereits zahlreiche Angebote – aber die Nachfrage ist noch größer. „Die Nachfrage übersteigt regelmäßig das Angebot, das wir leisten können”, sagt Nicole Lang, Sprecherin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB).

„Es ist wichtig, man braucht junge Leute in der Politik, weil sonst nichts für sie gemacht wird,” ist er überzeugt. Er und das ganze Jugendratsteam haben auch schon einiges erreicht. Themen wie den kostenlosen Bibliotheksausweis für SchülerInnen und Auszubildende, die älter als 18 Jahre sind, haben sie erfolgreich in die schwierigen Sparhaushalts-Beratungen des Gemeinderats eingebracht, andere wie etwa Hitzeschutzmaßnahmen für Schulen wurden immerhin in die Fachausschüsse verwiesen. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass der Jugendrat selbst Anträge zum Doppelhaushalt stellen durfte. Seiner Einschätzung nach gibt es in Stuttgart wirklich viele Angebote zur politischen Bildung und politischen Teilhabe für junge Menschen. Als Beispiel nennt er etwa das Jugendhearing zum Thema Mentale Gesundheit im vergangenen Jahr. Tatsächlich gibt es aber noch viel mehr. Die Vielfalt an Angeboten, egal ob von der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft oder der Mobilen Medienschule Stuttgart-Ost, bis hin zur Jugendstiftung Baden-Württemberg, der Landeszentrale für politische Bildung oder dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport – um nur einige zu nennen – ist so groß, dass nicht nur Jugendliche dafür fast einen eigenen Wegweiser brauchen könnten.

Nachfrage noch größer als Angebot

Beispiel Stuttgarter Jugendhaus GmbH: Anfang Februar startete die Beteiligungstour „Gib dein’ Senf dazu!” durch mehrere Stuttgarter Stadtteile. Da kann in einem Escape-Room gemeinsam ein Angriff auf die Demokratie abgewehrt werden, die Teilnehmenden können selbst ein Wahlplakat gestalten, es gibt ein Wahlquiz, ein Meinungsmatch und mehr. Die Tour wird von der Baden-Württemberg-Stiftung gefördert, begleitende Materialien dazu sind auf www.deine-wahl.net zu finden. Die nächsten Termine: 26. Februar Kinder- und Jugendhaus Neugereut, 27. Februar Kinder- und Jugendhaus Feuerbach, 5. März Kinder- und Jugendhaus Nord (jeweils von 16 bis 20 Uhr) und am 6. März von 15 bis 19 Uhr im Kinder- und Jugendhaus Hallschlag.

Die Mobile Medienschule Stuttgart-Ost, kurz Momo, geht am 5. März um 15 Uhr im Freien Radio für Stuttgart mit einer eigenen Wahlsendung live. Die Themen und Geschichten dafür werden von den Jugendlichen selbst recherchiert, produziert und moderiert. Die Momo gibt es seit 2019 und ist ein Kooperationsprojekt der Merz Akademie, des Stadtmedienzentrums, der Volkshochschule, des Kinder- und Jugendhaus Ostend, des Freien Radio für Stuttgart und des Aktivspielplatz Raitelsberg. Die bei der Merz Akademie angesiedelte Projektkoordinatorin Isabel Huber sagt: „Alle unsere Angebote zur Mediennutzung  verstehen wir generell als Beitrag zur Demokratiebildung und gesellschaftlichen Teilhabe, da sie Medienkompetenz fördern und vermitteln, wie Medien entstehen, funktionieren und welche Mechanismen hinter der Produktion stehen.” (medienschule-stuttgart.de)

Jugendliche wollen sich beteiligen

Diese Stuttgarter Einrichtungen sind in der Regel alle miteinander vernetzt, überall gibt es Querverbindungen. Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise auch das Team Tomorrow, ein gemeinnütziger Verein, in dem sich auch Jugendratssprecher Mael Grünberg engagiert. Ziel des Vereins ist es „möglichst viele junge Menschen zu befähigen, sich für Demokratie einzusetzen und ihre eigenen politischen Projekte und Formate zu organisieren und für andere Jugendliche umzusetzen.” Der Verein ist, wie auch die Momo, parteipolitisch unabhängig und organisiert Projekte wie etwa ein Quiz zur Landtagswahl im Café 44. (team-tomorrow.org)

Für die Jugendstiftung Baden-Württemberg ist Demokratiebildung eines der wichtigsten Themen. Das Angebot ist vielfältig und reicht von Webseiten mit jugendgerechten Informationen rund ums Wählen (jungeseiten.de/waehlen) oder einem Bildungsportal zu den Menschenrechten (menschenrechte.jugendnetz.de), bis hin zu den in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium organisierten Jugendkonferenzen im Land, für die allein im laufenden Schuljahr 2025/2026 schon mehr als 100 Standorte feststehen. Beliebt ist auch das kostenlose Browsergame „Join the comfortzone” samt Begleitmaterial  (join-the-comfortzone.com). Das Entscheidungsspiel in einer fiktiven Diktatur soll dazu anregen, sich mit demokratischen Werten zu beschäftigen. „Die Angebote werden sehr gut angenommen und wurden von uns als Stiftung in den letzten Jahren stark ausgebaut”, sagt die Geschäftsführerin der Jugendstiftung, Birgit Schiffers. „Sie ergänzen die Projektförderung und Projektarbeit. Letzteres ist nach unserem Verständnis eine wichtige Methode zum Einüben von demokratischen Beteiligungs- und Aushandlungsprozessen. Über Projekte übernehmen junge Menschen Verantwortung für sich, die Gesellschaft und die Gestaltung ihres Lebensraumes. Sie werden an Teilhabe und Beteiligung herangeführt, erfahren Selbstwirksamkeit, stärken Selbstvertrauen und Konfliktfähigkeit. Alles zentrale Eigenschaften für eine funktionierende liberale Demokratie.” (jugendstiftung.de).

Zum Angebot der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) gehören etwa „Politische Tage” mit Planspielen und Workshops an Schulen zu Themen wie Fake News, oder auch Workshops des Fachbereichs „Team meX. Mit Zivilcourage gegen Extremismus” zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und Verschwörungstheorien. Eine werteorientierte Demokratiebildung und Medienbildung ist Ziel des Projekts „Läuft bei dir!” (läuft-bei-dir.de) speziell für Berufsschulen und in Zusammenarbeit mit der Baden-Württemberg-Stiftung. Außerschulisch ist der Fachbereich Jugend und Politik aktiv, der sich vielfältig für Kinder- und Jugendbeteiligung stark macht. Zur Akzeptanz sagt die LpB-Sprecherin: „Bei unseren Angeboten wird vielfach deutlich, dass die Jugendlichen sich für politische Themen und das Geschehen, das um sie herum passiert, sehr interessieren. Sie möchten sich gern beteiligen und an politischen Prozessen teilhaben. Häufig fehlt ihnen jedoch die Kenntnis darüber, wie man sich vor Ort in der Gemeinde engagieren kann, oder die Hürden zur Beteiligung sind zu hoch. Hier braucht es niedrigschwellige Angebote seitens der Gemeinden und den Willen, den jungen Menschen zuzuhören und sie aktiv zu beteiligen.” (lpb-bw.de). Also etwa die Angebote der Jugendhausgesellschaft oder der Medienschule in Stuttgart.

Das bereits erwähnte Kultusministerium hat die Demokratiebildung fest in den Schulen verankert und dafür Leitperspektiven entwickelt. Verbindliche Unterrichtsstunden dazu gibt es von der fünften Klasse bis in die Oberstufe (km.baden-wuerttemberg.de). Bei den ebenfalls schon erwähnten Jugendkonferenzen im Land erarbeiten die jungen Teilnehmenden anhand von zehn Themen und Leitfragen konkrete Projekte und Maßnahmen. Die Kick-off-Konferenz für dieses Schuljahr fand  in Kirchheim/Teck statt, die Ergebnisse dieser Konferenz diskutierten die SchülerInnen unter anderem mit dem Kirchheimer Oberbürgermeister Dr. Pascal Bader und Landtagsabgeordneten. Politische Teilhabe also ganz hautnah.

Landtagswahlen Baden-Württemberg [8.3. versch. Orte in Stuttgart, www.landtagswahl-bw.de]

 

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