Markplatz Hanau. Eine Statue der Gebrüder Grimm ziert die Mitte. Darunter ihr Name und der Schriftzug: Das deutsche Volk. Wer das hessische Städtchen einst mit den berühmten Märchenbrüdern verbunden hat, verbindet es seit Februar 2020 mit etwas anderem. Am Abend des 19. Februar 2020 erschoss ein Neonazi dort neun junge Menschen aus rassistischen Motiven. Anschließend fuhr er nach Hause, tötete seine Mutter und dann sich selbst. Doch nicht nur der Anschlag war von Rassismus verursacht und geprägt. Auch die polizeilichen Ermittlungen und Reaktionen der Behörden lassen bei den Hinterbliebenen und
Überlebenden die Fragen offen: Wie wäre der Tatabend verlaufen, wenn die Opfer Deutsche gewesen wären? Und wer gehört zu Deutschland – und wer nicht? Polizeiliche Berichte und Erzählungen der AugenzeugInnen weisen auf ein Versagen der Behörden am Abend der Tat und im Anschluss an diese hin. Deshalb rekonstruierten die Opferangehörigen den Tathergang mithilfe des Londoner Recherchekollektivs „Forensic Architecture“ selbst, um Strafanzeige gegen die Behörden zu stellen. Und um Antworten auf ihre bisher unbeantworteten Fragen zu finden. Fragen wie: Warum war der Täter trotz psychischer Auffälligkeiten und Gewaltandrohungen im Internet im Besitz eines Waffenscheins, warum wurden die ersten Notrufe in der Tatnacht nicht angenommen, warum wurden die Angehörigen in der Tatnacht lange nicht über die Toten, und danach nur lückenhaft über den Tatverlauf informiert, warum durften sie die Toten erst Tage später sehen, warum waren 13 Mitglieder des SEK – das in der Tatnacht eingesetzt worden war – jahrelang in einer rechtsextremen Chatgruppe aktiv und warum fehlt es immer noch an einer Aufklärung der Behördenversäumnisse in der Tatnacht?
Über vier Jahre lang begleitete Regisseur Marcin Wierzchowski die ProtagonistInnen bei der Verarbeitung des Verlusts ihrer Kinder, Brüder, Onkel, Verwandten und Freunde und dokumentiert ihren Kampf um Gerechtigkeit und Aufarbeitung. In Interviews erzählen sie darüber, wie sie den Abend selbst, die Tage und Wochen nach dem Attentat erlebt haben. Sie zeigen Bilder, die nun leerstehenden Zimmer der Opfer, ihre Gräber und versuchen das Geschehene begreiflich zu machen. Die Stille zwischen dem Erzählten hallt nach und verdeutlicht: Für die Angehören gibt es kein Vergessen. "

