Der Zauber von Cover- und Tributebands

Text: Joachim Katz

Give the People what they want

Livemusik bedeutet vor allem bei Stadtfesten, Firmenfeiern und Hochzeiten oft, dass bekannte Songs von unbekannten Bands gecovert werden – von aktuellen Chart-Hits bis zu Rock-Klassikern. Die Masche zieht, gerade bei Zufallspublikum. Denn wenn man die Songs kennt, kommt schnell Stimmung auf – das Prinzip Coverband funktioniert, gerade weil sie keine eigenen Songs spielen.

Ähnlich erfolgreich sieht es bei Tribute-Bands aus, die teils seit vielen Jahren ausschließlich Songs einer einzigen ver-ehrten Band spielen. Die Rolling-Stones-Coverband Stoned (u.re.) aus Ludwigsburg zum Beispiel widmet sich bereits seit 1984 ausschließlich den Songs der Glimmer Twins.

Und obwohl selbsternannte AuskennerInnen bei Cover- und Tributebands gerne die Nase rümpfen und sie kaum in etablierten Konzert-Locations zu erleben sind, läuft es für die Bands karrieremäßig meistens gut: Man bekommt Bookings, weil viele Veranstalter für Stadtfeste, kleine Festivals und Co. Bands wollen, die die großen Hits spielen – wegen der Stimmung und für den Getränkeumsatz, erklärt Thommy Messinger, Bandmanager der Tribute-Band Stoned. Im Großraum Stuttgart findet man zig Bands, die als reine Party- und Cover-Bands für Gagen in unterschiedlicher Höhe gebucht werden können. Stilistisch ergibt sich ein breites Spektrum, viele Bands bewegen sich aber unerschrocken durch die unterschiedlichsten Genres.

Die Stuttgarter Coverband Partyblues (o.re.) ist seit 1988 am Start. Gitarrist Andreas Vockroth erklärt den Reiz fremder Songs damit, „dem Original möglichst nahe zu kommen, aber trotzdem eine eigene Identität und speziellen Charme entwickeln zu können“. Die meisten Nummern werden dem Publikum zuliebe möglichst authentisch präsentiert, es gibt aber auch gewollt eigenwillige Arrangements.

Aber lieben Coverbands die Songs, die sie spielen, eigentlich selbst? „Ich denke mal, jeder unserer Musiker hat so seine Lieblingssongs und bei anderen freut man sich eben über die Reaktion des Publikums“, so der hauptberufliche Gitarrenlehrer Vockroth. Seine Band sieht er an der Stelle durchaus auch als Dienstleister.

Die sechsköpfige Coverband Dirty Saints aus Esslingen spielt seit 2005 bis zu fünfstündige Liveshows. „Eine Coverband wird deutlich öfter gebucht. Denn Lieder, die fast jeder kennt, können Menschen schnell in den Bann ziehen“, meinen auch Sören Richter und Felix Grossmann von den Dirty Saints. Wenn die Show richtig läuft, werden die Songs auch mal verändert: mit verlängerten Refrains oder Parts, in denen mitgesungen werden muss. Ein Image-Problem im Vergleich zu Bands mit eigenen Songs erkennen die Dirty Saints nicht: „Beide Arten Musik zu machen haben ihre Daseinsberechtigung.“

Nicht dogmatisch nah am Original, sondern mit Unplugged-Coverversionen ist die Stuttgarter Akustik-Coverband La Diri (li.) unterwegs. „Der Reiz liegt darin, die Cover-Songs so zu performen, als seien es unsere eigenen“, meint La-Diri-Gitarrist Christian La Cascia. So hat sich mit den Jahren ein eigener La-Diri-Stil entwickelt, in dem sie covern und auch wiederzuerkennen sind. Die Entscheidung, keine eigenen Songs zu spielen, hat die Band bewusst getroffen. „Wir haben als Cover-Projekt begonnen und sind dabei geblieben.“

Erfolgreiche Cover- und Tribute-Bands gibt es aber nicht nur regional, sondern auch im internationalen Großformat. Mittlerweile touren aufwändige Großprojekte wie „The Australian Pink Floyd Show“ regelmäßig durch die Lande. Trotz happiger Eintrittspreise füllen sie große Hallen – obwohl die Truppe mit den originalen Pink Floyd nichts zu tun hat.

Arnulf Woock vom Stuttgarter Veranstalter Music Circus erklärt den Erfolg solcher Mega-Tribute-Bands nicht nur mit der fehlenden Präsenz der oft bereits verstorbenen Originale. „Viele der Tribute-Shows warten nicht nur mit exzellenten MusikerInnen auf, sondern reproduzieren mit oft sehr aufwändigen Mitteln klassische Bühnenshows."

Dieser Artikel ist aus LIFT 04/22

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