She's a Driftbeast

Mit Motorsportlerin Corinna Gräff im Tübinger Automuseum Boxenstop

Text: Petra Xayaphoum, Foto: Ronny Schönebaum

„When I sit behind the wheel, I'm not a mum, I'm not a wife – I am a racer.“ Corinna „Driftbeast“ Gräff hat Eier. Sie ist eine der Besten des Landes, driftet die großen Jungs mit ihrem Mercedes E-Klasse Coupé an die Wand.

Driften oder seltener Sliden, so wird die Fahrtechnik genannt, bei der sich das Auto seitlich zur eigenen Längsachse dreht, wenn’s in die Kurve geht – möglichst bei hohem Tempo. Für Nicht-Kenner sieht es nach Rutschen aus, womit wir auch schon beim Namensursprung des Motorsports wären: to drift beziehungsweise slide, englisch für rutschen.

Seit nicht allzu langer Zeit ist die Racerin aus Trochtelfingen auch Serienstar: Sie ist neben ihrem Mann Alexander Gräff eine der Hauptfiguren in der von Hollywood-Star Charlize Theron koproduzierten Netflix-Serie „Hyperdrive“, aus der das Anfangszitat stammt.

Darin messen sich Motorsportprofis unterschiedlichster Disziplinen und Herkunftsländer in Parcours, die der Sprecher des Serientrailers mit „like ,The Fast and the Furious’, but in real life“ ziemlich treffend beschreibt: Schienen, über die man seinen Wagen manövrieren muss, enge Tunnel, die nur wenige Zentimeter breiter als die aufgemotzten Karren sind, oder das wohl spektakulärste Hindernis der Serie – der „Leveler“, ­eine riesige, in der Höhe wippende Brücke, die vom Überfahrenden ausbalanciert werden muss.

Die schwäbische Familie Gräff: mittendrin. Denn zum elftägigen Dreh in Rochester im Norden der USA kamen die beiden Kinder mit: als Spotter, die ihre Eltern während der Fahrt aus der Zentrale per Funk über die Rennstrecke führten. „Zum Glück waren gerade Sommerferien“, sagt Gräff, deren Englisch sympathisch nach dem Ländle klingt.

Während sie in der kleinen Eingangshalle des Auto- und Spielzeugmuseums Boxenstop in Tübingen steht, erinnert sie sich an den Beginn des Abenteuers: Über Facebook war sie angeschrieben worden, ob sie nicht Lust hätte, mit ihrem Wagen an einer Fernsehproduktion mitzumachen, das Stichwort Netflix fiel damals noch nicht. Entsprechend groß war dann die Überraschung, wie riesig das Projekt am Ende wurde: Über eine Million Dollar kos-tete ein Produktionstag.

Die ganze Reise, der Dreh und alles, was danach kam –­ tausende neue Follower auf den sozialen Medien, zahlreiche Anfragen von der Presse und vom Fernsehen –­ haben die Mutter zweier Kinder nicht daran gehindert, auf dem Teppich zu bleiben. Noch immer arbeitet sie als stellvertretende Filialleiterin in einem Supermarkt und strahlt wie zehn Kronleuchter, als wir im Museum an den polierten Renn-Schlitten vorbeigehen.

Hier hat ihre Motorsportlaufbahn ihren Weg genommen, „hier habe ich Blut geleckt“, erklärt Gräff und stellt stolz zwei Pokale neben sich auf, die sie zum Interview mitgebracht hat. Einen davon hat sie vor fast 15 Jahren hier, bei einem vom Tübinger Museum veranstalteten Gleichmäßigkeitsfahrwettkampf gewonnen, damals als blutige Anfängerin. Die anderen Teilnehmer hätten mit Stoppuhren penibel ihre Zeit gemessen, weil­ die Rennstrecke bei dieser Art Wettbewerb zweimal in möglichst derselben Zeitspanne absolviert werden muss. „Ich hatte keine Ahnung und bin einfach volle Kanne aufs Gas, wie mein Mann es mir geraten hat“, erinnert sie sich.

Die Strategie ging auf – bei der Preisverleihung kam sie als Dritte aufs Treppchen und kann auch heute noch kaum ihre Überraschung und ihren Stolz über diesen ersten Pokal verbergen: „Die anderen Teams bestanden zum Großteil auch aus Ehepartnern, da bekam der Ehemann den Pokal und die Frau mit der Stoppuhr den Blumenstrauß –­ ich hab' beides bekommen!“

Stimmt, da war ja was: Motorsport ist immer noch eine Männerdomäne, auch wenn sich Netflix größte Mühe gibt, das weibliche Geschlecht mit Expertinnen und Rennfahrerinnen abzubilden. Dass Corinna Gräff dort gelandet ist, hat sie teils ihrem Ehegatten und teils ihrem eigenen Mut zu verdanken: Seit sie ihren Mann Alexander kennt, hat sie ihm beim Schrauben in der Werkstatt über die Schulter geblickt und schnell auch selbst angefangen, Hand an Zündschlüssel und Co. zu legen.

„Die anderen 16-Jährigen haben Party gemacht, ich hing mit meinem Mann in der Werkstatt herum“, so Gräff. Der hatte bereits im Jahr 2000 angefangen, mit seinem BMW Driftchallenges wahrzunehmen, seine Frau war als Mechanikerin mit dabei.

Als er dann sechs Jahre später einen zweiten Wagen aufgebaut hatte ­– wie bei den meis-ten Motorsportarten wird jeder unnötige Ballast herausgebaut, um den Wagen agil, leicht und schnell zu machen, stattdessen müssen Feuerlöscher, Renntank, ein schützender Käfig und ein Rennmotor rein –, überraschte er sie: „Er enthüllte das fertige Fahrzeug und da war mein Namen drauf!“ Damit kann kein Blumenstrauß mithalten.

Bei den ersten Rennen, bei denen es zu Geschwindigkeiten um die 180 km/h kommt, ist sie „eher bissle rumgerutscht als gedriftet.“ Heute steht die Bude mit Pokalen voll –­ mit seinen und ihren.

Ob sie es als Frau schwer hatte in der Community? „Auf der Strecke sind alle gleich: Auf den Gegner wird keine Rücksicht genommen, auch nicht auf mich als Frau“, erklärt die Rennfahrerin. Sobald man aus dem Auto ausgestiegen ist, sei man jedoch eine große Familie, in der Frauen eher mehr Unterstützung und Hilfe erfahren würden als ihre männlichen Konkurrenten. „Der Support untereinander ist sehr groß, man hilft sich gegenseitig, wo man kann. Den Druck, abliefern zu müssen vor den ganzen Männern, mache ich mir eher selbst“, gibt sie zu.

Wie groß der Support tatsächlich ist, erfuhren die Gräffs, als sie 2009 aufgrund eines  Missverständnisses in der Box ineinander krachten: Totalschaden. Ein treuer Fan aber half: Er stellte den Gräffs einen BMW zum Ausbau zur Verfügung, der baugleich mit dem von Alexander Gräffs kaputtgefahrenem war. Nicht selbstverständlich, zumal, wenn's sich um einen seltenen 1986er E28 handelt.

Den hat Corinna Gräff auch heute als Modell dabei, sorgfältig eingepackt in einem Karton. Bevor wir das Auto- und Spielzeugmuseum verlassen, hechtet sie noch schnell zurück zu den Vitrinen mit Fahrzeug-Modellen und Pokalen und packt ihn aufs Brett dazu: „Ich will den unbedingt noch hier für meinen Mann abfotografieren!“ This must be love.       

                                                 

[www.instagram.com/driftbeast]

Dieser Artikel ist aus LIFT 03/20

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