Blindenfußball MTV Stuttgart

Der MTV Stuttgart ist deutscher Rekordmeister im Blindenfußball – und kaum einer weiß es

Hier ist Mut und ein guter Orientierungssinn gefragt. Wie Blindenfußball funktioniert und warum die kleine Mannschaft so gut ist.

Foto: Ronny Schönebaum

MTV Stuttgart, Kunstrasenplatz, Spieler kicken einen Ball hin und her. Auf den ersten Blick sieht alles aus wie immer. Aber es hört sich anders an: Die Bälle, die über den Rasen rollen, geben rasselnde Geräusche von sich und man hört immer wieder, wie sich die Spieler etwas zurufen. Alle anderen, vor allem die ZuschauerInnen, sind ungewöhnlich leise. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man außerdem, dass die Feldspieler eine Art Skibrille tragen. Denn hier wird Blindenfußball gespielt.

Auch sonst ist vieles anders als beim „gewöhnlichen“ Fußball: Gespielt wird mit fünf SpielerInnen pro Mannschaft – vier FeldspielerInnen plus eine sehende Person im Tor. Die Spielfeldgröße beträgt 40 auf 20 Meter und an den Längsseiten befinden sich Banden, die den SportlerInnen zur Orientierung dienen. Und ganz wichtig: Im Leder das Balls sind Rasseln eingenäht, damit er für die SpielerInnen gut hörbar ist. Die Spieler untereinander orientieren und warnen sich international mit dem spanischen Ausruf „Voy“ („Ich komme“). Zudem erhält jede Mannschaft Unterstützung durch einen sehenden Guide, der sich hinter dem gegnerischen Tor befindet und den eigenen SpielerInnen Anweisungen zuruft. Die Spielzeit beträgt zweimal 20 Minuten. Um im Wettkampf Chancengleichheit herzustellen, tragen alle SpielerInnen, mit Ausnahme des Torwarts, Dunkelbrillen. „Wir haben die Blindenfußballabteilung hier seit 2007, seit 2006 gibt es den Sport in Deutschland. Da war ich schon Teil des ersten Workshops an der Uni Tübingen, das ist also bald mein 20-jähriges Jubiläum“, freut sich Alexander Fangmann, der nicht nur Leiter des Blindenfußballs des MTVs ist, sondern auch Spieler des Bundesliga-Teams dort – welches mit sieben Titeln deutscher Rekordmeister im Blindenfußball ist. On top ist er zusätzlich Kapitän der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft. Durch die angrenzende Nikolauspflege, die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte Menschen mit der Betty-Hirsch-Schule gab es schon 2007 die erste Kooperation mit dem MTV.

„Wir sind aktuell eine kleine Gruppe“, erzählt Fangmann. „Neun Spieler, Trainer sowie Guides. Dadurch, dass wir mit der Bundesliga bundesweit unterwegs sind, müssen wir viele Reisen organisieren: Unterkünfte, Fahrten, Rechungen. Also was zahlt der Verein, was der Verband, was brauchen wir noch an Unterstützungsleistung?“ Der MTV übernimmt circa 40 Prozent der Ligakosten, 60 Prozent werden vom Württembergischen Behinderten-Sportverband getragen. Sponsoren suchen sie trotzdem immer, für laufende Kosten, die weder vom Verband noch vom Verein übernommen werden.

Trainiert wird beim MTV immer dienstags und donnerstags. Beim Training ist jeder willkommen. Egal, welches Alter oder wie stark die Seheinschränkung. Und: Da Guides und TorhüterInnen sehen können, kann jeder und jede der oder die Interesse hat, Teil des MTV-Teams werden.

Seit Ende April läuft die Bundesliga wieder, bis Oktober. „Das ist ein langer Zeitraum mit relativ wenig Spielen, weil wir nur neun Teams in der Liga sind und nur einmal gegen jedes Team spielen“, erklärt Fangmann. Neben ihm ist ein weiterer deutscher Nationalspieler Teil des MTV-Teams, Mulgheta Russom. Auch er ist schon von Anfang an dabei. Der neuste – und jüngste Zuwachs: der 10-jährige Michel. Obwohl er erst ab 13 Jahren in der Bundeliga mitspielen darf, ist er schon fleißig am Trainieren, mit dem Ziel Profi zu werden. Seine Mutter Sonja Bonse ist seit circa einem Jahr Teammanagerin, beim Training und den Spielen dabei, hilft unter anderem bei der Organisation der Reisen.

Was die kleine Mannschaft zu so vielen Siegen führt? Motivation und der richtige Trainer. „Du brauchst die zielstrebige Einstellung der einzelnen Spieler. Wenn die nicht da ist, bringt auch der Verein nichts“, erklärt Mulgheta Russom. „Und einen Trainer, der dich antreibt. Das ist das A und O.“ Seit 2016 erfüllt diese Rolle Giuseppe Calaciura mithilfe der Unterstützung seiner Frau. „Ich habe das früher gar nicht gekannt, Blindenfußball“, erzählt Calaciura. „Bis ich einen Anruf von Mulgheta bekommen habe, der auf der Suche nach einem Trainer war. Und dann bin ich dabeigeblieben.“

Für die Zukunft wünscht sich das Team neben Nachwuchs mehr Medienpräsenz. „Wenn du die Leute auf der Straße ansprichst, kennen die Blindenfußball nicht“, erklärt Russom. „Auch viele Vereine wissen nichts davon, weil der Sport in den Medien zu wenig Aufmerksamkeit und Reichweite bekommt.“  

 

Blindenfußball MTV Stuttgart [MTV-Sportanlage, Am Kräherwald 190A, S-West, Training: Di 18:30-21, Do 18:30-20, Sa 10:30-12 Uhr, www.mtv-stuttgart.de/fussball/blindenfussball]

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